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Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Article
Paris
Date
1898-03-11
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 Seite 11. Dr. Marmorek schilderte die Begeisterung, mit der die Juden in Oesterreich nach ihrer gesetzlichen Gleichstellung mit den anderen Confessionen sich zu assimilieren trachteten, sich den Völkern unter denen sie wohnten Hingaben, ihre treuesten Adepten wurden. Alles nützte ihnen nichts, der Wahn war kurz, der Antisemitismus brach aus. In ihrer Treue und Liebe gegen die Adoptivnation wollten die Juden diese Bewegung zuerst übersehen. Aber sie wurden sehend gemacht. Unendlich schwer traf dieser Schlag die jetzige Generation, die in dem Wahne der Gleichheit aufgewachsen war und die höchste Höhe moderner europäischer Cultur erklommen hatte. Ist auch der Antisemitismus ein schwerer wirtschaftlicher Kampf, der die Juden in Oesterreich, wie Redner an der Hand statistischer Behelfe nachwies, unendlich schädigt und geradezu ihre Existenz in Frage stellt, so ist seine moralische Bedeutung noch wichtiger. Gar manche stolze Seele wurde vernichtet. Ta kam die Heilsbotschaft Dr. Herzl's vom Zionismus. Seine aus eigenen schweren Kämpfen gewonnene Lehre zum Judenthume und damit zu unserer Wahrheit zurückzukehren, wurde von der Jugend geradezu als Erlösung bejubelt, da sie jenes innere Gleichgewicht brachte, das die Juden so sehr vermissten und ersehnten. Ist auch die Zahl der Zionisten in Oesterreich noch nicht so groß als sie sein sollte, indem noch nicht Judenthum und Zionismus identisch sind, die Verhältnisse, die Antisemiten, propagieren den großen Gedanken vielleicht noch besser als seine Apostel es thun könnten. Und ist es auch traurig, dass erst die Noth die Juden sich selbst finden lassen musste, so wird diese im Feuer geschmiedete Nationalität darum widerstaudsfähig sein wie Eisen. Der Redner schloss seine mehr als t 1Ja ständige streng sachliche Rede mit einem Appell an diejenigen, welche den geschilderten schmerzvollen Weg noch nicht durchgemacht haben, sie mögen derjenigen nicht spotten, die ihn machen mussten. Die Versammlung verstand diese Apostrophe, und der Vorsitzende gab ihr Ausdruck in den Worten: Wir verlachten bisher den Zionismus als phantastische Theorie, schneller als wir gedacht hatten, wurde uns dessen hohe Bedeutung beigebracht, und wir find auf bestem Wege zu Ihne n. Lebhafter Beifall der Anwesenden lohnte die Ausführungen des Redners, den der Großrabbiner dazu beglückwünschte, dass er sich die Treue zu seinem Stamme bewahrt habe. Der Same ist gelegt, und die Verhältnisse in Frankreich werden auch dort bald für den Zionismus die Halme emporschießen lassen. . Russland. Petersburg (Orig.-Corr.) Wie der hiesige „Kraj" in den „speciellen Informationen" mittheilt, beabsichtigt das Ministerium des Innern, über die Beschäftigung der außerhalb des Ansiedlungs-Rayons wohnenden Juden eine eingehende Enquete zu veranstalten. Odessa. (Orig.-Corr.) Wie bekannt, sind die russischen Rabbiner nur Beamte der Krone, deren Wahl der Bestätigung des Gouverneurs bedarf. Die wichtigste Aufgabe, die ihnen zufällt, ist die Führung der Matrikelbücher, Ausfertigung verschiedener officieller Documente rc., rc. also, eine rein bureaukratische. Nur in den größten Städten Russlands, wie Petersburg, Warschau, Odefia, Kiew, rc., findet man Rabbiner, die zugleich Prediger sind; meistens sind die letzteren Zöglinge der Rabbinerseminare von Berlin oder Breslau. Was die Rabbiner in den andern Städten betrifft, so konnten bis vor kurzem die meisten kaum russisch lesen, schreiben, respective sprechen, was zu den unheilvollsten Complicationen führte, besonders in Bezug auf die Assentierung der Juden. Die berühmte 300 Rubelstrafe für jeden militärpflichtigen Juden, der nicht zur Affinierung erscheint, ist vielleicht nicht in letzter Reihe auf die äußerst mangelhafte Führung der Matrikellisten in den jüdischen Gemeinden zurückzuführen. Da entschloss sich das Ministerium des Innern zu einer Remedur: jeder neue Rabbinatscandidat hat sich nach einer diesbezüglichen Verordnung auszuweisen, dass er eine russische Mittelschule absolviert hat. Und nun trat in den meisten Städten eine neue Erscheinung auf: praktische Aerzte, Juristen als Rabbiner: das wäre gewiss eine ganz erfreuliche Wandlung gewesen, wenn die betreffenden Rabbiner auch die für einen Rabbiner nothwendige Kenntnis des hebräischen Schriftthums mitbringen würden, aber bei den allermeisten trifft das gar nicht zu, und nun stehen die jüdischen Gemeinden auf dem alten Flecke. Es mangelt wiederum an Rabbinern für die Juden selbst. Und so lautet der Beschluss der Cultusgemeinde zu Irkutsk (Sibirien) folgendermaßen: „Es sei ein Platzhalter für den Rabbinerposten zu wählen, bis sich eine geeignete Persönlichkeit findet, die mit der allgemeinen Bildung auch die Kenntnis des Hebräischen verbindet." Unter solchen Umständen wäre die Errichtung eines Rabbinerseminars in Russland hoch an der Zeit. Man sprach davon bereits vor Jahren, es wurden sogar Gelder gesammelt, das Project scheint aber wieder in den Papierkorb gewandert zu sein. Önochi. Jelissawetgrad. (Orig.-Corr.) Unser wackerer Gesinnungsgenosse Ingenieur T e m k i n, z. Z. Rabbiner von Jelissawetgrad, hat durch eine dieser Tage ftattgefundene zionistische Veranstaltung für unsere Bewegung in dieser Stadt neue Anhänger angeworben und bewiesen, dass die Juden von Jelissawetgrad mit ihrer Wahl zufrieden sein können. Der große Saal batte eine sehr originelle Ausschmückung erfahren: die russische Tricolore wechselte mit orientalischen Teppichen und kostbaren Stoffen ab, und dementsprechend waren im Saale ein russisches Bauernhaus und ein morgenländisches Zelt aus Teppichen errichtet; in dem letzteren bot eine Dame der hiesigen Gesellschaft in prachtvoller orientalifcher Kleidung Erfrischungen an. Außerdem war eine Anzahl von ttansparenten Aufschriften mit Sprüchen und Stellen aus den heiligen Schriften in rusfifcher Uebersetzung angebracht, darunter unser altes Motto: „Wenn ich nicht selbst für mich, wer denn, und wenn nicht jetzt, wann denn?" Die Bilder unserer Führer in der Vergangenheit und Gegenwatt zogen die meisten Blicke auf sich. Die Zionsabzeichen fanden einen reißenden Absatz. Unermüdlich war Herr T e m k i n : von einer Gruppe zu der anderen schreitend, erklärte er die Sprüche, skizzierte er die Thätigkeit der Führer, und belehrte über die Ziele unserer Bewegung. Dem musikalischliterarischen Theile des Programmes folgte ein animiertes Kränzchen. Im ganzen und großen der interessanteste Abend im Leben hiesiger Juden seit langer Zeit. Rew-Nork. lOrig.-Corr.) Unser eifriger Gesinnungsgenosse, Herr Moses A s z u d, hat unserem Verbände in New-Aork unter dem Namen „Tegel Zion" einen neuen Verein zugeführt und in Brooklyn ist ein Frauenverein und Verein von Knaben erstanden, die sich uns ebenfalls angeschlossen haben. Es steht außer Zweifel, dass der im Monate Mai von uns einzuberufende Zionistentag der Welt die große Zahl der in Amerika lebenden Zionisten recht lebhaft beweisen wird. Inzwischen sorgen auch die Zionisten für Unterhaltung. Ter Verein „Jehuda Halevi" trifft umfassende Vorkehrungen für ein großes zionistisches Fest und die unter der Leitung Dr. Michael Singer's stehende Brooklyner Chowewe Zion wird am 8. März in der größten Halle Brooklyns ein Purimfest veranstalten. Bei dieser Gelegenheit gelangt auch ein für diesen Anlass geschriebenes Gelegenheitsstück zur Aufführung. Das Stück heißt „Der ewige Wanderer" und hat unseren Gesinnungsgenossen I. Sch n i tz e r zum Verfaffer. & vtrelllsnachrichtkn. Wien. Das am ± Mär; unter dem Ehrenpräsidium des Nniversitätsprofessors und Herrenhausmitgliedes Dr. G r ü n h u t staltgehabte B a l l f e st der akademischen Verbindung „K a d i m a h" gestaltete sich zu einer glänzenden Demonslration der Wiener zionistischen Kreise. Ten Ball eroffnete carul. jur. Piekarski mit Frau Dr. H e r; l an der Spitze eines reizenden fünfziggliedrigen Damenconntes. Die Damenspende bildete die -Sensation des

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