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Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Article
Wien
Date
1898-03-11
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 einigen Wochen zuerst mitzutheilen in der Lage waren. Angesichts der überspannten Erwartungen, die unsere „Abwehrmänner" an diese mit so viel Mühe in die Welt gesetzte, politisch ganz geschlechtslose „Organisation" knüpfen, wollen wir noch einige weitere Statuteiymnkte nachtragen. Wir sind sonst gewohnt, dass bei Vereinen und Corporationen für alle Mitglieder gleiche Beiträge und damit auch gleiche Rechte statuiert sind. Jeder Mehrbetrag wird als freiwillige Spende betrachtet. Hier ist es anders. Nach tz 8 wird die Höhe des Jahresbeitrages alljährlich vom Ausschüsse festgesetzt. Uebersteigt der Beitrag eines Mitgliedes 50 Gulden, so hat es fiir jede volle 50 Gulden eine weitere Stimme — bis zu HO Stimmen. (§ 12). Aus diese Weise könnten einige Wiener Juden — wir glauben gar nicht daran, denn die Herren sind fiir jüdische Zwecke gar nicht so splendid — zahlreiche Provinz- Gemeinden majorisieren. Der Bundesausschuss besteht aus 18 vom Bundestage für zwei Jahre gewählten Mitgliedern, die wieder durch Cooptation sechs Mitglieder heranziehen können. G 15). So ist nun schon die äußere Construction des Bundes daraus gerichtet, „entschieden" und „rücksichtslos" die jüdischen Volks interessen zu vertheidigen. Brünn. (Orig.-Corr.) Zur Kennzeichnung des bürgerlichen Friedens, der in Brünn herrscht und angeblich durch „Das neue Ghetto" gefährdet wird, möchte ich mir erlauben, folgendes Erlebnis zu Ihrer Kenntnis zu bringen: Wie so oft in arischer Gesellschaft, geschah es einst auch an dem Stammtische eines Gasthauses in einer mährischen Stadt, dass man nach Erschöpfung des alltäglichen Gesprächsstoffes liber die Juden herfiel, die auch hier als Liickenbüßer dienen müssen. Ein Professor, der sich liberal nannte und gerne von seinen Verdiensten um das Zustandekommen des deutschen Hauses in Brünn sprach, wurde damit geneckt, dass Ezcchen und Deutschnationale dieses Vereinshaus nicht anders als „Biauscholeum" nennen. Diese Neckerei veranlaßte den Herrn Liberalen zu folgender Erklärung, für deren Richtigkeit ich bürge: „Glauben Sie, dass uns in Brünn die Juden nicht ebenso zuwider sind, wie Ihnen hier? Wir können sie nur nicht abstvßen, weil wir ihr Geld brauchen. Uns ist es auch lieber, wenn sie Feiertage haben und zu Hause bleiben". Ter bürgerliche Friede, dessen Vorhandensein ja nicht bestritten werden soll, ist also mit barem Gelde erkauft, wie die meisten Freundschaften zwischen Juden und Ariern. Unsere besorgten Stammesgenossen mögen auch ferner ihren Tribut für den „goldenen" Frieden entrichten und uns nicht weiß machen, dass derselbe durch die "Aufführung des „neuen Ghetto" gefährdet werden könnte. Eine Gefahr für diesen Frieden kann nur die Zuschnürung des Geldbeutels bringen. J. L. ftrafait. (Orig.-Corr.) Tie Enlluswahlen sind vorüber: der Vorstand hat sich bereits coustitniert. Es ist alles beim alten geblieben: Tie Personen des Präsidiums, das Niveau des Vorstandes und das daraus resultierende System. Ter Präsident Tr. Leo Horvwitz und Vicepräsident Hirsch Land an, deren ganze politische Existenz auf dem Spiele stand, ließen kein Mittel der Wahlbeeinflußung und des Wahlschachers unbenutzt, um sich bei der Macht zu erhallen. Dass der § 40 der von ihnen und ihrem Anhang verfassten Statuten die unglaubliche Möglichkeit einer Wahl durch Bevollmächtigte zuließ, kam ihnen diesmal besonders zu starten. Ten größten Theil der in den drei Eurien gewählten „Vorsteher" könnte mau am besten nach einem Wiener geflügelten Worte „Barrierstöcke" nennen. Es sind dies Männer ohne jedes Verdienst, ohne jede Fähigkeit und Initiative, die sich ihre Mandate entweder durch langjährige Agitatorendienfte oder durch eine Fahnenflucht ans dem Lager der Opposition erkauft haben. Als ein Beleg mag hier angefiihrt werden, dass ein Advokat, der monatelang mit dem Führer der Opposition zusammen conspirierte, im letzten Augenblick diese verließ und ihr noch in den Rücken fiel, als ihm ein Mandat und die zweite Vice-Präsidentenstelle versprochen wurde. Letztere erhielt er dann nachträglich nicht, denn solche Gentlemen pflegen a untereinander nur „schwarz auf weiß" zu verkehren. Und dieser Ueberläufer ist Gemeinderath und eine Säule unserer „Polen mosaischer Coufessivn". Dass die Zionisten unterlegen sind, ist fiir sie nur eine Ehre. Tenn sie werden nie zum Niveau unserer Wahlmacher herabsinken. Nicht mit der Absicht, Mandate zu ergattern und darauf gestiitzt weitere (Karriere zu machen, sondern im Interesse des Volkes, seiner Aufklärung und politische!: Erziehung, zum Zwecke der Befreiung des Volkes von der Bevormundung durch ein aus den Zeiten der Affimilation datierendes Streberthum zogen die Zionisten in den Wahlkampf und die Erfolge auf diesem Gebiete werden nicht nach der Anzahl der curnlischen Stühle gemessen. Es genügt, wenn in der Bevölkerung langsam aber doch immer mehr die Erkenntnis platzgreift, dass unser Kampf gegen die Assimilation nicht blos eine Verhinderung des nationalen Selbstmordes bedeutet, sonder:: auch die Betonung der politischen Reinheit und Ehrlichkeit gegenüber den Wahlfälschungen der Assimilanten und der Bolksrechte gegenüber egoistischen Strebern in sich enthält. Unsere Stellung bei den in ganz Galizien vor sich gehenden Cultuswahlen beweist dies zur Genüge. 8. P. L. Triest. (Orig-Corr.) Am 28. Februar a. c. ist Baron Giuseppe de Morpurgo gestorben. Mit ihm ist nicht nur ein bedeutender Mann der Triester Gemeinde, sondern auch ein von allen Parteien und in allen, auch den höchsten Kreisen, hochgeachteter Menschenfreund zu Grabe getragen worden. Die allgemeine Achtung und Verehrung, die der Verblichene genoss, mamfestierte sich auch bei seinen: Leichenbegängnisse. Der Statthalter Graf Goess, der ehemalige Statthalter Ritter v. Rinaldini, der Bürgermeister von Triest Tr. Carlo Dompieri mit der Mehrzahl der Gen:einderäthe, der frühere Bürgermeister Pitteri, die Vertreter der Triester israel. Cultusgemeinde, die Präsidenten und Directoren zahlreicher Banken und finanzieller Institute, die Deputationen der vielen' Wohlthätigkeitsvereine, denen G. v. Morpurgo angehörte und noch eine große Anzahl von Triestinern und auswärtigen Trauergästen gaben dem Verstorbenen das Geleite. Die rituellen Cereinonien wurden von ,den Rabbinern M e l l i und Prof. Vittorio Caftiglioni geleitet. Rabb. Melli hielt einen Herzenswannen und formvollendeten Nachruf. Dann sprach noch in: Namen der Vereinigung der Kindcrfreunde, welche der Verstorbene stets in mnnificeutester Weise bedacht hatte, Tr. Attilio Caftiglioni. Dann wurde der sterbliche Theil Morpurgos in der Familieugruft beigcsetzt. Deutschland. Karlsruhe. (Orig.-Corr.) Bei Berathllllg des Justizetats verlangte der antisemitische Abgeordnete Pfisterer die (Geltung des kaiserlichen Wortes, nur ein guter Christ könne ein guter Soldat sein, auf den Richterstand ansgedehnt zu sehen. Mau solle die Jude:: nicht zun: Richteramr zulasseu. Einzelne Abgeordnete der national liberalen und socialdemokratischen Partei nahmen gegei: die "Ausführungen Pfisterers Stellung, welche auch der Präsident der Kammer zurückwies. "Auch der Staatsminifter N o k k lehnte Pfisterers Vorschläge ab. Frankreich. Paris. (Orig.-Corr.) In der Union scolaire (Association amicale et de Patronage d? Israelites, anciens cleves des Ecoles, Lycöes et Colleges de Paris) hielt Samstag den 20. Februar Dr. Alexander M a r m o r e k, Abtheilungs-Vorstand des Institut Pasteur, einen Vortrag über den Antisemitismus in O e st e r r e i ch. lieber 400 Personen ans der besten jüdischen Gesellschaft von Paris füllten den Saal der Rue Beranger. Vor allem bemerkte man den Großrabbiner Zadoc Kahn mit seinem Gehilfen den: Rabbiner Raphael Weil, Haguenau. Redner kniipfte an den Ausbruch der "Wiener Revolution von 1848 an, die genau vor 50 Jahren statthatte. — Ein Jude, Dr. "Adolf F i s ch h o f, war es, der das Programm derselben in seiner berühmten Rede, im Hofe des Hauses der niederösterreichischen Stände zum "Ausdri:cke brachte. — Narürlich waren es doch die Juden, die die Norh der Zeit an: meisten fühlten. Mit "Aufopferung stürzten sie sich m_beu Befreiungskampf, der erst 20 Jahre später für sie die Früchte brachte.

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