Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Aus dem Londoner Ghetto-Leben
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 Nr-10 ohne ein Wort Englisch zu verstehen, von Straße zu Straße. Wo sie eine zerbrochene Scheibe gewahren, klopfen sie an. Biele wieder bieten ihre Dienste in den Bambus- und Stockfabriken des Ostendes an und werden für die schwerste Arbeit äußerst kümmerlich bezahlt. Andere verkaufen Süßigkeiten und Früchte nahe den Bahnhöfen in den belebteren Straßen. Auch die Kinder helfen mit zu erwerben. Sie verfertigen Spielzeug, Blumen und allerlei Perlenarbeiten, wie auch Holzschnitzereien, ähnlich denen, wie man sie auf russischen Messen so oft sieht. Die Chaluka Wir haben zu wiederholtenmalen auf die Misswirtschaft hingewiesen, die mit der Bertheilung der Chalukagelder getrieben wird. Die Reform der Chaluka wird immer dringender, da die Spenden infolge des berechtigten Misstrauens der Juden Europas immer spärlicher fließen. Was man über die Bertheilung der Chalukagelder hört, ist allerdings nicht darnach, nm dieses Misstrauen schwinden zu lassen. Die Leute bekommen oft lange Zeit gar nichts, und wenn endlich Geld zur Bertheilung kommt, so müssen sie zufrieden sein, wenn sie von der ihnen gebührenden Summe 80 Percent (im günstigsten Falle 90 Percent) bekoulmen. Daher erhalten die Verwandten und Freunde der in Jerusalem Ansässigen Briefe voll Verzweiflung und bitterer Klagen. In einem dieser Briefe wird ausdrücklich gebeten, dass man das für die Chaluka bestimmte Geld keinem Abgesandten, wererauch sei, geben, sondern von den einzelnen Orten aus per Po st nach Jerusalem senden möge. Dieser Wunsch lässt tief blicken. Es ist hoch an der Zeit, dass in dieser Sache Wandel geschaffen wird. Wasserleitung in Jerusalem. Wir brachten in unserer vorigen Nummer die Nachricht über die Gründung eines freiwilligen Gesundheitsamtes in Jerusalem. Nun soll die Assanierung der Stadt durch Errichtung einer Wafferleitung eingeleitet werden. Zu diesem Zwecke werden Verhandlungen mit einer französischen Gesellschaft geführt, und dürste diesem Plane von Seiten der Regierung ein entsprechendes Entgegenkommen erwiesen werden, was lebhaft zu wünschen wäre. König Menelik von Abessynien behauptet, ein directer Nachkomme Solbmo's des Weisen zu sein. Tie Abstammung ist in den Münzen verewigt, die Menelik vor einigen Jahren in Paris prägen ließ. Die großen Silberstücke tragen auf der Vorderseite den Kopf Meneliks mit der Umschrift: König der Könige Aethiopiens", und als Datum der Thronbesteigung die Jahreszahl 1887. Tie Rückseite zeigt einen gekrönten Löwen und die Worte: „Ter Löwe des Hauses Juda hat den Sieg errungen", — den Wahlspruch des Hauses David. Als Rundschrift stehen auf den Münzen die Worte: „Aethiopien streckt die Hände nur nach Gott allein aus." Weinbau in den Colonien. Wie „Woscliod“ meldet, soll die Administration der Baron Rothschild'schen Colonien Verfügungen getroffen haben, die weiteren Rebenyflanzungeu vorläufig einzustellen. Als Grund wird der Wunsch angegeben, die Frage des Weinexportes, resp. der Verwertung aller gewonnenen Prvducte einem eingehenden Studium zu unterziehen. Aus dem niederösterreichifchen Landtage. In der Sitzung vom 4. März stellten Ab. Schneider und Genossen folgenden Antrag: „Der Landesausschuss hat bis zur nächsten Session einen Gesetzentwurf, betreffend eine neue Landes-Wahlordnung, vorzulegen, welche auf folgenden Principien beruht: 1. Allgemeines, gleiches und directes Wahlrecht. 2. Das active Wahlrecht beginnt mit dem vollendeten 26. Lebensjahre. Das passive Wahlrecht beginnt vom vollendeten .80. Jahre. 3. Wahlzwang, das heißt, jeder Wahlberechtigte ist verpflichtet, das Wahlrecht auszuüben. Tawiderhandelnde unterliegen Freiheitsstrafen. 4. Wer sich der activen oder passiven Wahlbestechung schuldig macht oder nur seine sociale Stellung dazu missbraucht, um Untergebene oder wirtschaftlich abhängige Personen durch Androhung von Entlassung oder sonstiger Schädigung zu uvthigen, gegen die eigene persönliche Ueberzeugung zu stimmen, macht sich eines Vergehens schuldig,, verfällt einer Freiheitsstrafe von drei bis sechs Nkonaten und verliert das active und paffive Wahlrecht auf zehn Jahre. 5. Alle getauften und ungetauften Juden, alle Personen, welche nachweislich von Juden abstammen, sowie Arier, welche mit Personen verheiratet sind, die nachweislich von Juden abstammen, sind sowohl vom activen als auch vom passiven Wahlrechte ausgeschlossen. 6. Jede Wahlbeeinflußung, deren sich ein Jude oder Judenabkömmling, sei es durch Wort oder Schrift oder wie immer sonst, nachweislich schuldig macht, verfällt einer Freiheitsstrafe von nicht weniger als sechs Monaten. Schneider, Gregorig, Loquai, Steiner, Bärtl, Anton Baumann, Spitaler, Schreiber, Wohlmeyer, Kern, Thoma, Schnabl, Knotz, Hölzl, Löbl, Krumpöck." Der Sokolfaal in Podgörze, in dem die jüdische Intelligenz alljährlich einen Tanzabend zu wohlthätigem Zwecke arrangiert, wurde Heuer dem Comite verweigert. Sonst sind aber die Mitglieder desselben „gute Polen mosaischer Confession." Sarah. Der „Pester Lloyd" vom ö. März berichtet: Dieser Tage verlobte sich die Tochter eines der Führer der antisemitischen Partei in Agram, des Landtags-Abgeordneten Dr. Marian Derencsin mit dem Zahnarzte Dr. Eugen Rad0- Rosenberg. Fräulein Lisette Derencsin trat, wie Agramer Blätter berichten, aus diesem Anlass zum Judentum über und nahm den Namen Sarah an. Personalnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse Adolf Stand, der längere Zeit Redactenr des polnischen Parteiblattes ..Przyslosc" war, hat sich mit Fräulein Lucie Bub er, der Nichte des jüdischen Gelehrten Salomon Bube r, verlobt. Herr Leo Weiß, Director der Glasfabrik-Conimanditgesellschaft in Wien hat sich am 8. c. mit Fräulein Fanni C h i l l im Tempel des IX. Bezirkes vermählt. Todesnachrichten. Tie Judenheit hat den Verlust einiger Männer zu verzeichnen. Den schmerzlichsten Verlust bedeutet der Tod des 83jährigen Salomon G o l d s ch m i d t, der seit dem Jahre 1880 als Nachfolger Cremieux an der Spitze der ,. Alliance Universelle“ stand unb in dieser Eigenschaft auch der „J. 0. A." präsidierte. Wenn ihm auch jede größere Initiative fehlte, so hat er doch für seine Brüder bei den verschiedensten Gelegenheiten die größten Opfer gebracht, und ihm, als dem Onkel der Frau Baronin Hirsch' wird auch ein großer Einfluss auf die Entschlüsse des verstorbenen Barons zugeschrieben. Die Alliance verliert nicht nur ihren langjährigen Präsidenten, sondern auch einen ihrer edelsten Wohlthärer. Geheimer Commercienrath Julius Leopold S ch w a b a ch in Berlin war als englischer Generalconsul und Chef des Bankhauses Bleichrvder, Rechtsanwalt Emil L e h m a n in Dresden, als der radicale Verfechter des Ultra-Reformjudentums, bekannt. Ter erstere erreichte das 67., letzterer das 70. Lebensjahr. Lazar Strauß, der, 89 Jahre alt, in New-Zvrk starb, trug einen Namen von historischem Klang. Sein Großvater war Mitglied des Napoleon'schen Synhedrimns und von seinen Söhnen bekleidete Oscar die Würde eines amerikanischen Gesandten in Constantinopel und Isidor die eines Mitgliedes des Repräsentantenhauses. w Air Mistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Kotes ch, Hof- und Gcrichts-Advocateu in Wien, I-, Singer straße 25, zu senden. Bialystok. Jrrthümlich wurde in der „Welt" gemeldet dass Rabbiner Mohilewer nach Lodz gereist sei. Thatsächlich hat dieser allgemein verehrte Mann seinen Wohnort nicht verlassen. Sein Gesundheitszustand ist recht beftiedigend Krakau. Am März hielt im Locale des hiesigen zionistischen akademischen Vereines „Przedswir Rechtsanwalt Dr. Klein einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag, dem eine lebhafte Tiscussion folgte. Im Saale des Hotels „London" fand eine vom hiesigen Zionsvereine veranstaltete Volksversammlung statt. Der bekannte Volksredner Herr Lobe! Taubes hielt einen Vortrag „über den Fortschritt der zionistischen Bewegung". Rechtsanwalt Tr. Kornhäuser referierte über „die Institution des Schekels". Lange anhaltender Applaus lohnte die Ausführungen der beiden Redner. M. L.