Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- New-Yorker Brief
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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& 9lr 10 r Der General: „Wenn die Herren Geschworenen jetzt noch einige Hochs auf mich ausbringen wollen, iverde ich noch einen Augenblick verweilen." Die Geschworenen: „Es lebe der General!" Der General: „Ich lebe hoch und nochmals hoch und abermals hoch!" Vorsitzender: „Haben Excellenz noch weitere Aussagen über den Fall zu machen?" Der General: „Nein. Was sollte ich denn noch sagen?" Vorsitzender: „Dann dankt Ihnen Frankreich noch einmal durch mich." Der Vertheidiger: „Ich —" Vorsitzender: „Der Vertheidiger wird in Disciplinarstrafe genommen und die Sitzung vertagt." dichter, Geschworene und Zuschauer: „Es lebe der General, es lebe die Armee, es lebe Frankreich Die Entrüstung, die hierzulande über die Vorgänge in Paris herrschen, ist begreiflich. Umso unbegreiflicher scheint es aber, dass man hier kein Wort der Entrüstung dafür findet, dass die Ausstellung des Herter'schen Heine-Denkmals hier denselben Schwierigkeiten begegnet, wie in Deutschland. Das obdachlose Denkmal wandert von Ort zu Ort und gestern gab es wieder einmal Gelegenheit zu einer Debatte. Man wollte das Denkmal einem Vororte New-Z)ork's zum Geschenke machen, kam aber damit schön an. Ein Herr in der Commission sagte wörtlich Folgendes: „Ich betrachte das Denkmal als eine Schmach. Man scheint unsere Stadt als Abladeplatz zu betrachten. Solche Tinge, wie dies Monument, waren es, die den Fall Roms herbeiführten." Und so wird denn das Denkmal wahrscheinlich weiter durch die Welt ziehen, bis es vielleicht endlich einmal im Judenstaat ein Ruheplätzchen finden wird. Nächsten Mittwoch findet eine Delegierten-Versammlung sämmtlicher dem Verbände angehörenden Vereine statt, und soll bei dieser Gelegenheit das Datum des Zionistentages festgesetzt werden. Auch wird eine große Halle gemiethet werden, wo allwöchentlich bei freiem Eintritt Vorträge über Zionismus, jüdische Geschichte und Literatur gehalten werden. Dem Verbände haben sich neuerdings weitere drei Vereine angeschlossen: „Tegel Zion", Ausche Zion" und „Chibas Zion." Die Brooklpner „Chowewe Zion" veranstaltet am '->. Mär; ein großangelegtes Purimsest. Bruder Schnitzer von demselben Verein hat für diese Gelegenheit in Jargon ein Schauspiel mit zionistischer Tendenz geschrieben. Das Theaterstück, dessen Aufsührung mit begreiflichem Interesse erwartet wird, führt den Titel: Der ewige Wanderer. Der „B e n e i Z i o n V e r e i n" in Bayonne wird Sonntag einen interessanten Abend haben. Der Verein veranstaltet nämlich mit dem socialistischen Verein jüdischer Arbeiter einen gemeinschaftlichen Debattier-Abend. Als Hauptredner für den Socialismus fungiert Herr Feigen bau m, als Hauptredner für den Zionismus Ihr Korrespondent. & Tribüne. Jüdische Krankenpflegerinnen. An demselben Tage, an welchem die Zeitungen die Nachricht von der Annahme des Pater Bauchinger scheu Armengesetzes durch den niederösterreichischen Landtag brachten, machten dieselben in einer kurzen Notiz die Mittheilung, dass in der Nähe des allgemeinen Krankenhauses ein Wohngebäude für Nonnen errichtet werden wird, welchen die Krankenpflege im allgemeinen Krankenhause übertragen werden soll. Allmählich, so hieß es, würden die weltlichen Pflegerinnen durch geistliche ersetzt werden. Es mag vielleicht nicht der geringste bewusste oder beabsichtigte Kausalzusammenhang zwischen der Lex Bauchinger, deren eine wesentliche Bestimmung die ist, dass fortan in' Niederösterreich nur Personen christlichen Bekenntnisses Armenpfleger werden dürfen, und der Einführung geistlicher Pflegerinnen im allgemeinen .Krankenhause bestehen. Dennoch ist der Effect der beiden Maßregeln ein nahe verwandter. Wie dort auf dem Wege der Gesetzgebung, so wird hier aus dem der Verwaltung den Humanitätsanstalten, welche durch Beiträge der Steuerträger ohne Unterschied der Confesfion erhalten werden, ein specifisch conseffioneller Charakter aufgedrückt. Allerdings leiden die Juden durch derartige Bestimmungen nur theoretisch; denn es ist kaum anzunehmen, dass, wenn die Stellen der Armenpfleger allgemein zugänglich wären, in Niederösterreich unter den gegenwärrigen Verhältnissen jüdische Bewerber Berücksichtigung fänden. Ebenso wenig dürsten in Wirklichkeit jüdische Aspirantinnen aus Krankenpflegerinnenstellen in öffentlichen Krankenhäusern durch die Uebertragung der Krankenpflege an geistliche Orden zu kurz kommen. Aber immerhin ist selbst von der bloß auf dem Papiere stehenden Gleichberechtigung bis zu der im Wege der Gesetzgebung oder der Verordnung ertolgten Einschränkung der Zugänglichkeit gewisser Stellen auf Angehörige einer bestimmten Confesfion ein bedeutsamer Schritt, der jedenfalls verzeichnet zu werden verdient. Es fällt uns selbstredend nicht im Entferntesten ein, die Vorzüge der geistlichen Krankenpflegerinnen irgendwie verkleinern zu wollen; im Gegentheile, es wird jeder, der geistliche Krankenpflegerinnen in der Ausübung ihres Berufes zu beobachten Gelegenheit hatte, deren außerordentliche Tüchtigkeit, Hingebung und Berufsfreudigkeit anerkennen müssen. Speciell wir Juden dürfen nicht verabsäumen, dankbar hervorzuheben, dass sie diesen Beruf gegen Kranke ohne Unterschied der Confesfion erfüllen und im Bedarfsfälle jüdischen Familien ebenso zu Gebote stehen, wie christlichen. Man wende nicht ein, dass die geistlichen .Krankenpflegerorden auch von Juden Geldunterslützungen erhalten, daher die Verpflichtung hätten, auch jüdischen Kranken ihre Dienste zu widmen. Geld ist keine adäquate Gegenleistung für Werke der Nächstenliebe. Wir würden nur dann die uns durch Pflege unserer Kranken geleisteten Dienste in würdiger Weise vergelten, wenn wir von uns selbst geleitete und verwaltete Humanitälsinstitutc Bedürftigen ohne Unterschied des Glaubens zugänglich inachten. Auf dem Gebiete der Krankenpflege sind wir jedoch noch iveit davon entfernt, einer derartigen Forderung Genüge leisten zu können. Die vorhandenen jüdischen Spitäler genügen nur für einen geringen Bruchtheil der jüdischen Kranken. Geschulte jüdische Krankenpflegerinnen sind in Wien nicht einmal für das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde vorhanden. Man glaube nicht etwa, dass die Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen überflüssig sei, so lange uns christliche zu Gebote stehen. Wenn wir es unterlassen, die Befähigung zu allen jenen Leistungen in uns zu entwickeln, die mindere für uns gegen Entgelt vollfuhren, so sind wir auf dem besten Wege, uns selbst auf wenige Berufsarten einzuengen, unsere Fähigkeiten selbst zu beschränken, uns unselbständig zu machen, mit einem Worte, für uns ein inneres Ghetto aufzubauen. So lange wir nicht alle Berufsarten pflegen, um gänzlich auf eigenen Füßen stehen zu können, so lange werden wir es uns gefallen lassen müssen, als Parasiten am Organismus anderer Völker angesehen zu werden. Eine der primitivsten Forderungen an ein Volk ist die, dass es imstande sei, seine .Kranken zu pflegen. Es wäre traurig um uns bestellt, wenn wir all' die Eigenschaften, die wir bei den geistlichen Krankenpflegerinnen rühmen müssen, nicht auch in unserem eigenen Volke vorsänden oder durch Erziehung entwickeln könnten. Hier wäre ein Feld der Thätigkeit für die jüdischen Frauenvereine. Was sich in Berlin undanderen Orten erreichen ließ, müsste auch in Wien möglich sein. Durch Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen: würde man zahlreichen alleinstehenden Frauen und Mädchen einen Erwerbszweig schaffen und gewiss auch der Gesammthert des jüdische,: Volkes nützen. L>r. K. Arrs dem Londoner Ghetto-Leben. Man schreibt der „Magdeb. Ztg." : Die grausige Tragödie — die Mordthat eines eifersüchtigen Ausländers, der bei einer jungen jüdischen Witwe seine Leidenschaft nicht erwidert' sah — die sich am verflossenen Sonnabend in dem Ghetto-Theile des Ostendes Londons abspielte, lenkt einmal wieder die Augen des übrigen Londons nach jener rterra incognita“, die von den meisten der Westendbewohner noch immer mit der größten Scheu angesehen wird. Das Ostende des Babels ist die Zufluchtsstätte jener russischen Juden, die das Machtwort des verstorbenen Zaren aus ihrer Heimat vertrieben hat, und die in einem fremden Lande freudlos und hilflos den harten Kampf um's Dasein aufzunehmen gezwungen waren. Es ist ein eigenrhümliches Land, dieses Ghettoland mit seinen Tausenden von Bewohnern aus dem Reiche des Zaren. Stellenweise dünkt man sich fast zurückversetzt in eine kleine russische Stadt. Selbst die englischen Postämter in diesem Stadtbezirk haben es für nöthig gehalten, in Hebräisch und jüdisch-deutscher Sprache anzuzeigen, dass sie Gelder und Sendungen für Russland und Polen übernehmen. Es ist rührend, wenn man am Wochenschlusse gewährt, wie die armen Leute, die nur von dem Nothwendigsten leben, die geringen Ersparnisse einzahlen, um ihren Verwandten in der Heimat zu helfen. Männer, Frauen und Kinder wetteifern bei diesem Werke. Es ist merkwürdig, wie es doch möglich ist, dass diese Fremdlinge vom ersten Tage ihrer Ankunft ab sofort zu arbeiten beginnen, um genügend Geld zu ersparen, um später nach Amerika reisen zu können; denn jenes Land der sogenannten Freiheit ist das Ziel aller ihrer Wünsche. England gilt ihnen nur als Zwischenstation. Wenn einer dieser Vertriebenen hier anlangt, so kann man sich darauf verlassen, dass er am nächsten Tage bereits irgend eine Beschäftigung gefunden hat. Da das Glaserhandwerk leicht zu erlernen ist, so kaufen sich die Eingewanderten einige Scheiben Glas, Kitt und einen Diamanten, nebst dem dazu gehörigen Kasten, und ziehen nun