Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Aus Russland
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 kein jüdischer Staat, sondern nur ein Gemeinwesen, das mit Juden gefüllt ist. Für das Martyrium der Juden fordern sie einen besseren Lohn, einen echt jüdischen Staat, aufgebaut auf jüdischer Tradition und jüdischen Forderungen. Deswegen wünschen sie eine langsame Colonisation und in der Zwischenzeit die Ausweitung der intellectuelleu Arbeit. Die Anhänger dieser Richtung sind aber an den Fingern abzuzählen nnd deswegen kann ich Ihnen ruhigen Gemüthes sagen: uns ist um die Zukunft des Zionismus in Russland nicht bange/' Sch. K Die Resignierten. Von Theodor Zlocisti. Berlin, tut März 1898. Ganz äußerlich betrachtet, geht uns Zionisten die Geschichte nichts an: Ein Herr Gustav Levinstein entdeckt plötzlich in sich das Bedürfnis, das Judentum gleichfalls zu retten. Ueberall sieht er die Säulen sinken; der Jndisserentismus bricht in die jüdischen Reihen ein. Wie ihm begegnen? Ganz einfach! Man veranstaltet neben dem Sabbathgottesdienst noch eine Sonntagsfeier mit Orgel, Rabbinern und sonstigem Tamtam. Mit reichen Mitteln wird — eine neue Erscheinung in unserer Gemeinschaft — ein Plebiscit veranstaltet; die säumigen Antworter werden immer wieder bestürmt — eine Petitionsschnorrerei schlimmster Sorte wird entriert. Und thatsächlich: '>800 Juden finden sich in Berlin, die principiell wenigstens, denn das verpflichtet zu nichts, die Neueinführung des Sonntaggottesdienstes wünschen. Das ist das Thatsachensubstrat. Uns als Zionrsten geht die ganze Sache nichts an. Dazu mag jeder Einzelne nach Temperament und Erziehung, nach persönlichen Wünschen und persönlichen Neigungen Stellung nehmen. An jedem Sonntag finden, gleichwie an jedem anderen Wochentag im Jahre, Gottesdienste' in den Synagogen statt. Warum sollte man denen, die sich an den Worten eines „Seelsorgers" noch erbauen, nicht den Luxus gestattend Zumal sie der Kamps um's Dasein ja am Sonnabend in die Sielen zwingt! Am Sonntag, den 20. Februar 1808, hatten sich die Vertreter der größten Gemeinde Deutschlands zusammengefunden, um hierüber zu berathen. In Berlin, wo vor Ho Jahren der Gedanke der jüdischen lirirche geboren wurde! Es war eine Sitzung, die weit über die Grenzen der jungen Hauptstadt, weit über Deutschland und Europa Interesse fordern wird. Weil es ein lebendiges Phologramm der Judenheit vom tin de siede darbot. Sagen wir es nur gleich. Ter Antrag wurde mit 10 Stimmen gegen zwei abgelchnt. Und diese beiden waren Herr Rudolf Masse und Herr Stadtrath Dr. Weigert. Was sie sprachen, das klang wie ein Märchen aus alter Zeit. Es war zwar deutsch, aber nur die .kundigen verstanden es noch. Sie sprachen vom Himmelreich, zu dem wir Keinem den Eingang versperren sollten. Sie sprachen von den Forderungen der Gegenwart, denen das Judentuin sich anpassen müsse: von der Intoleranz der „Orthodoxie" die ganze verrostete Terminologie des „Liberalismus." Sie nannten sich selbst die Einsamen. Und sie waren die Einsamen! Die Einsamen der Tragödie und der Komödie zugleich. Man konnte über sie lachen und weinen. Die Ansichten dieser beiden Herren, von deren ehrlichem Wollen jeder überzeugt sein darf, hatten für uns nur noch h i st o r i s che s Interesse. "Aber bedeutsam für das Verständnis der Judenheit in der Gegenwart, waren die Ansichten der Gegner der Petition. Waren das etwa „Orthodoxe?" Sprach die Intoleranz aus ihnen? Standen diese Medicinälräthe und Professoren nicht aus der Höhe der Zeit? Seltsame Worte hörten wir aus ihrem Munde. Von Kämpfen gegen die Assimilation, gegen die Nachäffung christlicher Allüren sprachen sie. „Es gibt noch mehr, als deutscher Staatsbürger jüdischer Confession zu sein", sagte Professor Doctor Baginsky. Er sprach von jüdisch-historischem Bewußtsein. „Ich stehe außerhalb aller Kirchen — und doch trete ich ein für die hebräische Sprache, für den hebräischen Gottesdienst. Die Geschichte der "Assimilation ist etwas unsäglich Trauriges! Mit der Orgel hat sie angesangen. Dann kamen die deutschen Gebete. Und das Ende ist die Taufe." Und ein anderer, Prof. Dr. L. L e v i n, wetterte mit wilder Leidenschaft gegen jene „Rotte unreifer Menschen, die unsere Propheten in den Staub ziehen, die die alte Hoffnung unseres Stammes, Zion und Jerusalem, aus dem Herzen reißen wollen. Jene Buben nennen sich Theologen". . . Noch gibt es Hunderttausende, denen Zion theuer ist; und doch muss man es erleben, dass Zion und Jerusalem nicht gedacht wird in unseren Synagogen. „Etwas Erquickendes, Ideales ist aus unseren Gebetbüchern genommen!" Aber mehr noch. Der Vorstand jener Gemeinde, der noch vor wenigen Jahren gestattete, dass den Zöglingen eines Waisenhauses das Tefillinlegen verboten wurde, lässt erklären, dass wir in einer Zeit der Destruction leben, dass wir allen Unfrieden ausreißen müssen aus unserer Mitte. Auch ein Gesinnungsgenosse des Herrn Weigert tritt aus den Plan; ganz gleich, was der Einzelne denke, ganz losgelöst von allen Principien müsse die Frage gelöst werden, sagt Justizrath Dr. T i k t i n. Feinde ringsum! Wir müssen innig Zusammenhalten, und darum stemme ich mich gegen alle destructiven Elemente im Judentum... Wir saßen oben auf der Gallerie. Eine Reihe von Jünglingen. Die Worte, die unten aus dem Munde alter, vom Leben durch gerüttelter Männer kamen, waren uns seit Jahren alte, liebe Floskeln: Einheit im Judentum; Kampf gegen die Abbröcklung, gegen die Lüge der Assimilation; Kenntnis unserer hehren Vergangenheit; Zusammenstehen gegen den Feind; Zion und Jerusalem. Waren das „Orthodoxe", waren das Feinde der Bildung, des Fortschrittes, klammerten sie sich ängstlich an's Eeremonielle, um ihr Judentum zu hüten?! Nein — es waren Juden, die aus Resignation wieder Juden geworden, mit leidenschaftlicher, tiefer Liebe zu ihrem Volke. . . . Juden aus Resignation — das ist das Bild vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Und ein Frohgefühl, eine sonnige Ahnung durchzog uns Jünglinge: Im zwanzigsten Jahrhundert Jude zu sein, voll Leidenschaft und ungestümer Begeisterung nicht aus Resignation —: aus Liebe z u unserer Nation, aus Zukunftshoffnungsseligkeit! Nrw-Horker Brief von Michael Singer am 2'>. Februar 1808. Wie in der ganzen Welt, hat man begreiflicherweise auch in den Vereinigten Staaten den Verlauf des Zola-Processes mit dem größtmöglichsten Interesse begleitet. Die Verurtheilung des Streiters für Wahrheit und Recht wirkte niederschmetternd und aus den meisten Städten der Union sind Beileidstelegramme an Zola abgegangen. Der Verband der Zionisten-Vereine hat die Absendung einer Adresse beschlossen und in einem hiesigen jüdischen Orden ist sofort eine Emil Zola-Loge gegründet worden. Wie man hierzulande über den Zola-Process denkt, wird am besten durch eine in einer hiesigen Tageszeitung erschienene Satyre illustriert. Wir geben die Notiz nachstehend vollinhaltlich. „Folgender Bericht wird die durch das Kabel übermittelten Schilderungen der Vorgänge im Zola-Process genügend ergänzen, um sich den New-Iorkern verständlich zu machen. (Sr ist uns durch unterseeisches Telephon zugeaangen und beschreibt eine der Scenen, die sich im Justizpalast abgespielt haben, in verhältnismäßig wahrheitsgetreuer Weise: Vorsitzender: Meine Herren Geschworenen! Eine große Ehre wird diesem Gerichtshof und Ihnen erwiesen! Ein wirklicher General wird in voller Uniform vor uns erscheinen. Er sollte als Zeuge vorgeladen werden, aber er wäre doch nicht gekommen, wenn nicht ein Huissier mit ihm verwandt wäre und er diesem zu Liebe versprochen hätte, zu kommen." (Rufe von a u ß e n.) Es lebe der General! Es lebe Frankreich! Es lebe die Armee! Der General erscheint. Die Richter und die Geschworenen sowie der öffentliche Ankläger erheben sich, verbeugen sich dreimal und rufen dann ^„Es lebe der General!" Nach dieser kurzen Unterbrechung ergreift der Vorsitzende Richter wieder das Wort. „Mein General", sagt er. „das Vaterland dankt Ihnen, dass Sie gekommen sind. Das Vaterland war in Gefahr. Sie haben es gerettet. Es lebe das Vaterland, es leben Sie mein General!" Der General: „Mein Herr Richter, meine Herren Geschworenen! Ich bin nicht gekommen, um hier Aussagen zu machen." Vorsitzender: „Bitte, bitte, gar nicht nöthig." Ter General: „Ich bin gekommen, um diesen Angeklagten anzuspucken." Vorsitzender:,, Bitte, genieren Sie sich nicht, mein tapferer General. Wenn Sie auch den Vertheidiger des Angeklagten anzuspucken wünschen —" Verth eidig er: „Ich protestiere —" Vorsitzender: „Schweigen Sie!" Der General: „Ja, meine Herren Geschworenen, ich will diesen "Angeklagten anspucken, denn das Vaterland verlangt es. Die Armee verlangt es. Unsere tapfere Armee ist beschimpft worden. Wir Generale, die wir im Jahre 1870 für das Vaterland in Eilmärschen uns von Wörth nach Sedan zurückbewegten, die wir sogar mitten in Feindesland Monate lang als Gefangene uns mit dem Muthe hielten, den nur die Vaterlandsliebe gibt, wir sind beschimpft worden. Wenn man uns beschimpft, können wir das Vaterland nicht retten, wenn es wieder gerettet werden muss. (Rufe: Es lebe der General!) Deshalb spucke ich hiermit den Angeklagten an, der dadurch, dass er uns verdächtigte, das Vaterland in Gefahr brachte." Vorsitzender: „Mein Herr General! Frankreich dankt Ihnen für diese That, Frankreich dankt Ihnen für Ihr Erscheinen, Frankreich dankt Ihnen für die neuen Epauletten, die Sie angezogen haben!"