Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 Seite 5 Inspektoren sind humane Männer, die das Gesetz mild interpretieren. Während in Oesterreich alle- Fabriken am Sonntag obligatorisch außer Betrieb gesetzt werden müssen, ist es in Russland jüdischen Arbeitern gestattet, selbst in Dampffabriken am L-onntag zu arbeiten, falls sie am Sonnabend feiern. Die jüngst in Warschau abgehaltene Jnspectoren-Conferenz stellte nur die eine Bedingung auf, dass der die Maschine am Sonntag bedienende Heizer ein Jude sein müsse. Die erste Station, in der ich alle diese Erfahrungen sammelte, war Czastochau. Einst eine kleine Ortschaft, in der die Juden nicht wohnen dursten, berühmt durch das „Wunderbild der heiligen Mutter Gottes" und den muthigen Verlheidigungskamps des Guardians Kordecki während des polnisch-schwedischen Krieges, hat es sich zu einer Fabriksstadt mit 45.0U0 Einwohnern entwickelt. Die Juden, die sich um das Klofterdorf Czestochowka angesiedelt hatten, sind inzwischen zu einer Gemeinde mit ungefähr 15.000 Seelen angewachsen. Die Aussicht auf einen Verdienst während der Wallfahrten, die alljährlich zehntaufende frommer Pilger aus allen flavischen Ländern hier versammeln, hat sie aus der Umgebung herbeigelockt. Die Mehrzahl lebt vom Handel, so in den Tag hinein. Aus den Schildern finden wir nur polnische und russische Aufschriften, da jüdische verboten sind: aber wenn man den viereckigen altpolnischen Ringlatz passiert und in die schmalen, ungepflasterten Gäßchen mit den niedrigen, wackligen Holzhäuschen hineinblickt, sieht man die Frauengestalten mit den Perrücken über dem gramdurchfurchten Antlitz und die Männer mit dem Ausdrucke namenlosen Leids, wie wir sie schon von Galizien her kennen. Der Ringplatz ist leer, denn heute ist kein Markttag. Die Mäkler wärmen sich in der „Klaus" oder discutieren in den zwei jüdischen Gasthäusern, die der Aecise-Verwalter von Kalisz für ganz Czestochau concessioniert hat, an der Hand der „Hazefirah" über den Prozess Zola. Ein eigentlicher jüdischer Mittelstand fehlt hier. Einigen reichen Fabrikanten stehen die Proletariermassen gegenüber, von denen die meisten noch froh sind, wenn sie in den Fabriken ein „sicheres Einkommen" finden. Es gibt nur eine Fabrik, deren Besitzer Gewicht darauf legen, hauptsächlich Juden zu beschäftigen. Es ist dies die Nadel- und Schirnigestell-Fabrik. Von L20 Arbeitern sind über 100 Juden: Männer und Mädchen. Die Männer verdienen bei 11'/- stündiger Arbeit 4-—5 Rubel, die Mädchen 1 Rs. 80 Kop. bis L Rs. 50 Kop. wöchentlich, einige, die besonders fleißig und gewandt arbeiten, auch 3 Rs. Einige Branntweinschänker, ältere Männer mit gebeugter Gestalt und zerzaustem Barte, sind hier jüngst eingetreten und arbeiten schon in Reih und Glied, bald die Schienen um den Schirmstock windend oder Nadellöcher in den Eisendraht bohrend oder Stricknadeln polierend u. s. f. Die jüdischen Mädchen sind hauptsächlich beim Sortieren und Packen beschäftigt. Die Unternehmer haben die Arbeit zwischen Juden und Christen derart vertheilt, dass die ersteren mehr die Handarbeit verrichten, damit sie Sonntag, ohne dass die Dampfmaschine zu functionieren braucht, arbeiten können. Sonst sind die Juden in den Papier-, Celluloidwäsche-, Jutefabriken u. f. f. in geringer Zahl beschäftigt. Ein jüdischer Papierfabrikant führte mich in einen Saal, wo 83 Mädchen färbiges Papier glätteten, darunter keine einzige Jüdin. Es ist eigenthümlich, dass sich dieser Mann aus den jüdischen Philanthropen herausspielt, der an den Bestrebungen zur Erziehung der Juden für Landwirtschaft und Handwerk besonders regen Antheil nimmt. Denn eine solche Action ist auch gegenwärtig in Russisch-Polen im Zuge. Die „.7 0 A", (so nennt man die „Jewish Colonisation Association"), deren Curatoren nach dem Fiasco in Argentinien mit den Millionen nichts anzufangen wissen, hat plötzlich in vielen Männern den Beruf zur Philanthropie wachgerufen und sie sind, so selbstlos, mit Rat und That nicht zu sparen und allerhand Pläne auszuklügeln, während sie doch als Fabriksbesitzer persönlich in ihrem eigenen Wirkungskreise genug Gelegenheit haben, für die Erziehung der Juden zur industriellen Arbeit zu sorgen. Der jüdische Proletarier wünscht ja nicht, dass ihm Philanthropen was schenken; er möchte nur die Gelegenheit haben, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Selbst in der Eisengießerei „Vulcan" finden wir einige Juden, deren Fleiß der christliche Ausseher mir gegenüber nicht genug loben konnte. Ich glaube. Eines wird immer am schwersten bleiben: die Vorurtheile, die unsere Besitzenden gegen das Proletariat haben, einmal gründlich zu beseitigen. Nur die neue Weltanschauung im Judenthum, die die Gegensätze nivelliert und den individuellen Interessen die des Volkes entgegenstellt, kann diesen Uebelstand sanieren. Ä» Nus Rulsland. Einer der sympathischesten Führer der Zionisten Bessarabiens verweilte diese Woche in Wien. Wir benutzten diese Gelegenheit, um ihn über den Stand der Bewegung in Russland zu befragen. Er äußerte sich: „Das Volk ist ausnahmslos zionistisch gesinnt, aber nicht mit jenen unklaren Begriffen eines nebelhaft verschwommenen Hintergrundes, sondern klar und präcis hat es feine alte Sehnsucht und fein langes Hoffen in die Baseler Formel zufammengefafst. Ja, es ist sogar schon öffentlich zum Ausdrucke gekommen, dass die Colonifationsidee als solche beim Volke nicht mehr denselben Sympathien begegnet wie früher. Man misstraut der bloßen Colonifation. Dass da eine zionistische Agitation nicht nothwendig ist, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Die sogenannte Intelligenz, die Diplomierten, stehen der Bewegung schon etwas ferner. Eine Ausnahme bilden die jüdischen Aerzte, welche in den kleineren Städten wohnen. Nach meiner Berechnung haben ungefähr dreißig Percent der Vereine Aerzte zu Präsidenten. Im Ganzen besitzen hundertundfünfzig Städte Vereine, wobei aber zu bemerken ist, dass manche Städte sogar acht Vereine zählen. Die Orthodoxen, sogar die Chassidim, sind uns in der letzten Zeit sehr nahe getreten. Ihr vornehmlicher Wunsch geht dahin, ein Einvernehmen der Führer mit den Zaddikim zu erzielen ,um sich für ihren Anschluss die Legalität zu sichern. Erfreulicherweise betheiligten sie sich aber jetzt schon an unseren Berathungen. Tie Vereine fußen alle ans dem Baseler Programm. Die literarischen Vereine gewinnen nunmehr an Ansehen. Sie befaßen sich vornehmlich mit dem Studium der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte und Literatur. Große Bedeutung messe ich den Arbeitervereinen bei, und den Vereinen, die sich aus Handwerkern und Gewertreib enden zusammensetzen. Ihre Thätigkeit beschränkt sich auf die Besprechung ökonomischer Fragen, selbstverständlich innerhalb des zionistischen Rahmens. Eine eigentliche zionistische Agitation zu entfalten ist, wie gesagt, unnöthig. Unsere Thätigkeit richtet sich demnächst nur darauf, das allgemeine Bildungsniveau zu heben, damit ein Jeder, ob arm, ob reich das Verständnis und damit das Recht besitze, in allen wichtigen Fragen, und solche werden bald in ihrer ganzen Bedeutung an uns herantreten, seine entscheidende Stimme abzugeben. Und dies Alles geschieht in der Form zionistischer Vorträge. Dazu dienen uns verschiedene Episoden aus der jüdischen Geschichte, die dem Volke in Wort und Bild vorgesührt werden. Tie meisten Vereine besitzen Projectionsapparate, um Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes vorzufi'chren. Es ist eine Art Anschauungsunterricht. Es weht eben ein demokratischer Zug durch unsere ganze Bewegung. Unabhängig von der socialen Stellung und dem Besitze soll die Maffe emancipiert und zu selbstständigem Denken erzogen werden. Sie fragen mich, ob es auch Gegner des Zionismus gibt? Gewiss'. Und merkwürdigerweise sind das einigeder ältestenChowewe Zion. Aber umso merkwürdiger ist ihr Calcul. Sie begnügen sich nicht mit dem Ideal eines Judenstaates, denn das wäre