Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Article
Die englische Zionistenconferenz
Date
1898-03-11
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315753-3357923--04711-3358034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite l Nr. 10 Seine Ehrwürden Mr. Gollancz las einen Bortrag von Oberst Condor über die Juderr in Palästina, in welchem derselbe die rechtlichen Ansprüche der Juden auf Palästina betont und verschiedene Methoden vorschlägt, welche die Zionisten annehmen müssen, um ihr Ziel zu erreichen. „Die Conferenz ist der Ansicht, dass die Besiedelung Palästinas fortgesetzt werden müsse und zwar dadurch, dass die bereits bestehenden Colonien unterstützt, dass die in Palästina lebenden Juden dem Ackerbau zugeführt und wenn möglich selbständige Körperschaften, welche Colonien in Palästina gründen wollen, dazu ermuthigt und angeleitet werden. Dieser Antrag wird von Mr. Rabbinowicz unterstützt. Mr. Halpern aus Liverpool brachte folgende Resolution ein, die von Mr. Rosenzweig aus Liverpool unterstützt wurde: „ Es ist zwar wünschenswert, die bereits in Palästina bestehenden Colonien so weit als möglich zu unterstützen, aber die Hauptaufgabe bleibt es immer, die zionistische Bewegung in politische Bahnen zu lenken." E. Jsh-Kishor sprach zugunsten dieser Resolutton. Als de Haas eine Aenderung der Resolution beantragte und hiebei unter ungeheuerem Beifall von Dr. Gaster unterstützt wurde, zogen die „Dorsche Zion" aus Liverpool ihren Antrag zurück, und folgender Antrag von de Haas wurde einsttmmig angenommen: „Die Conferenz ist der Ansicht, dass die Besiedelung Palästtnas fortgesetzt werden müsse, und zwar dadurch, dass die bereits bestehenden Colonien unterstützt, dass die in Palästina lebenden Juden dem Ackerbau zugeführt und, dass, soweit dies möglich ist, ohne die Interessen der Gesammtbewegung zu durchkreuzen, selbständige Körperschaften, die in Palästina cvlonisieren wollen, unterstützt werden." Die Sitzung beschloss, einen Borttag von Jsh-Kishor über die hebräische als eine lebende Sprache, und ein Anttag, welcher darauf hinzielte, ein Comitö zu bilden, dem Beth Hasephar in Leeds besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, wurde angenommen. Die Abendsitzung hatte einen ettvas stürmischen Character. Der Vorsitzende Mr. H. Benttvich hielt einen Borttag über die Lage und die Aussichten des Zionismus in England. I. de Haas entwickelte den Plan zu einer Bereinigung aller zionistischen Vereine Englands. Sein Anttag bezüglich der Zusammensetzung des Comittzs wurde mit großer Majotttät angenommen. Die außerhalb stehenden Verbindungen weigerten sich, an der Wahl theilzunehmen. Ueber die Frage der Theilnahme der außenstehenden Verbindungen hiett Mr. S. B. Rubenstein eine Ansprache, in der er ganz besonders auf die Bank hinwies. Er stellte folgenden Anttag: „Die heuttge Conferenz ersucht alle zionistischen Vereine auf das Dttngendste, sich unter der Leitung des vom Baseler Congress gewählten Centtalcomitts zu vereinigen und spricht die feste Hoffnung aus, dass sowohl das Pariser wie auch das Wiener Centralcvmits ihre Maßregeln ergreifen werden, dass alle zionistischen Vereinigungen sich unter der Leitung eines Centtalcomites vereinigen, dessen Sitz bei dem nächsten in Basel abzuhaltendeu Weltcongress bestimmt werden wird." Unter einem wahren Sturm von Beisallsbezeugungen unterstützt Rev. Tr. Gaster diese Resolution. Die gesammte Versammlung erhob sich und brachte Hochrufe aus auf Dr. Herzl, auf Oberst Goldsmid, auf Dr. Gaster und auf Wolfsohn. Hierauf fand die Wahl des Föderationscomites statt. Unter jüdischen Proletariern. Von Dr. S. R. Landau. IV. Czstochau. Die Reisevorbereitungen nach Russland gehen nicht so leicht von statten. Ein ausländischer Jude findet nur als Vertreter einer Actiengesellschaft oder protocollierten Firma Einlaß für höchstens drei Monate. Erst wenn man einmal als „Geschäftsreisender" einen Paß mitdem obligaten Zusatze „jewrejo" (Jude) erhalten hat, kommt man in die Lage, Beobachtungen anzustellen und Studien zu machen. Von der Station Trzebinia,die auf der Sttecke Wien- Krakau liegt, geht eine Zweigbahn zur Grenzstation Granica. Hier beginnen die schwarz-roth-weißen Pfähle. Jeder Reisende übergibt dem Gendarmen seinen Paß und öffnet seinen Koffer zur Revision. Bücher werden sorgfältig geprüft: Zeitungen für die Censur zurückbehalten. Auch die in ihrem gelben Gewände schimmernde letzte 'Rümmer der „Welt" entgeht diesem Schicksale nicht. „In Russland muß alles zur Censur gehen", erklärte kategorisch der Gendarmerie- Kapitän. In drei bis vier Wochen könnte ich die Zeitung zurückerhalten, fügte er beruhigend hinzu. Und dann gieng die Reise weiter, unter andere Menschen und andere Verhältnisse. Die Juden, die ich auf den Bahnstationen zu sehen bekam, trugen zwar keine „pejes" «Schläfenlocken), wie in Galizien, aber noch immer die lange „bekesche" (Rock) und den in ganz Russland üblichen „kaschket" (Tuchkappe mit Schirm, nach Art der preußischen Militärmütze), unter dem hie und da ein Sammtkäppchen hervorglänzte. Es sind zumeist patriarchalisch aussehende Männer, die mit einem Geldsäckchen in jeder Hand von einer Grenzstation zur anderen herumfahren und das Wechselgeschäft betreiben. Das sind die Vorposten der Juden und sie künden mir den Hauptberuf der anderen an. Die Juden in Russisch-Polen zählen über eine Million und 13 Percent der Bevölkerung. Aber mehr als W Percent von ihnen widmen sich dem Handel. Wie sollen sie da existieren können? Und da sie keinen Ackerbau betreiben, was haben sie davon, dass sie in Polen auch auf dem Flachlande wohnen dürfen? Zudem hat noch das Spiritus-Monopol in ganz Russland die Lage der Juden verschlimmert. Tausende von Existenzen wurden auf einmal vernichtet. Denn das Monopol macht nicht btos den Schnapssondern auch den Bier- und Wein-Ausschank von einer behördlichen Concesfion abhängig. Und diese wird im ersteren Falle den Juden nie, in dem letzteren höchst selten ertheilt. Die Wirte haben aber schon für lange hinaus den Zins bezahlt und ihr Hab und Gut in Waren und Einrichtung angelegt, die sie nur um einen Spottpreis an den Mann bringen können. Undmit jedem Unternehmerwerden auch die zahlreichen Kellner und Diener, die ihn bei seinem Gewerbe unterstützten, brotlos. Ein jüdischer Gasthausbesitzer ist noch froh, wenn man ihm wenigstens erlaubt, Bier flaschenweise zu verkaufen, da er sonst alle Gäste verliert; die Concesfion 111. Classe, die den Bierausschank und den Verschleiß von Schnaps in Flaschen zu behördlich fixierten Preisen gestattet, gehört zu den Errungenschaften seltener Glücksmenschen. Das jüdische Proletariat, dessen Reihen plötzlich eine so immense Vermehrung erhalten haben, findet keinen gleichmäßigen Abfluss, aber doch wenigstens theilweise eine Unterkunft in jüdischen Fabriken. Rach dieser Richtung liegen die Verhältnisse in Russland bedeutend günstiger als^in Galizien. Die Industrie ist entwickelt,^ viele Fabriken sind in Händen von Juden und es findet doch ein Theil jüdischer Proletarier Arbeit und Brot. Ich werde in der Folge bei der Besprechung der Lage des jüdischen Proletariates in verschiedenen Städten ausführlich aus das Leben der jüdischen Fabriks- und Heimarbeiter in den einzelnen Branchen zurückkommen. Hier sei blos betont, dass derzeit die Existenzmöglichkeit dieser Schichten nur von ihrer Unterbringung in den Fabriken abhängt. Und doch finden wir, dass jüdische Fabrikanten noch immer viel mehr christliche als jüdische Arbeiter beschäftigen, während christliche Industrielle lediglich ihren Glaubensgenossen den Vorzug geben. Zur Erklärung wird nun behauptet: die Juden wollten am Samstag nicht arbeiten, am Sonntag dürften sie nicht: die Fabrik müsste also zwei Tage stehen. Dem ist aber nicht so. Die russischen Gewerbegesetze sind im Gegentheile für die Juden äußerst günstig; die Fabriks-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.