Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Des deutschen Kaisers Palästinafahrt
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ISertesT J*Sr*T Nr. 10 emancipiert. Ihm ist der „uubpealrabls Iure" kein Schreckgespenst, vor dem jeder rechtschaffene Christ stch zu bekreuzigen hat. Er hat um der Gerechtigkeit und um des Friedens Willen sich resolut der Türkei gegen Griechenland angenommen und jedem Türken ist sein Name theuer wegen der Freundschaft, die er dem Sultan in schwerer Zeit bewies. Der moralische Einfluss Deutschlands ist heute in der Türkei stärker als derjenige irgend einer anderen europäischen Großmacht. Nun wird er in das heilige Land kommen und stch mit eigenen Augen überzeugen, dass der Türkei, deren territoriale Integrität an ihm einen entschlossenen Beschützer besitzt, keine wirksamere Förderung zutheil werden kann, als wenn das heilige Land ffch der arbeitsamen und culturentwickelten jüdischen Ansiedlung als gesicherte Heimstätte eröffnet. Er wird an den jüdischen Colonien, die jetzt schon emsig und treu aus dem Booen des heiligen Landes einer ersprießlichen Existenz sich ersreuen, ersehen, wie sehr die Menschlichkeit und die politische Klugheit darnach verlangen, dass dem europäischen Antisemitismus seine jüdischen OpferentzogenundinPalästina untergebracht werden, wo sie, sich selbst wiedergegeben, zugleich ein Element der Stütze und der inneren Festigkeit sür die Türkei werden können. Es ist, um ein berühmtes Wort zu variieren, das Orientproblem, angeschant durch das Medium einer großen Menschlichkeits- und Gerechtigkeitssrage, worum es sich bei dieser Würdigung des Zionismus handelt, und Wilhelm ll. dünkt uns der rechte Mann zu sein, um diesen bedeutenden Zusammenhang in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Ihm, der sich jüdische Mitschüler von der Kasseler Schulbank zu den Weihnachtsferien nach Potsdam einlud, kann reges confessionelles Bedenken die doppelte Theilnahme nicht verkümmern, die er, politisch und menschlich, an dem Geschicke der Türken und an dem Geschicke der von dem Antisemitismus gemarterten Juden nimmt. Und warum sollen wir im weiteren Verfolg dieses Gedankenganges uns nicht vorstellen, dass eines Tages, vielleicht schon aus Veranlassung der Palästinasahrt, der Sultan an Wilhelm II. mit der freundschaftlichen Frage herantritt, wie er sich dem Zionismus gegenüber am Besten zuverhalten habe? Einen erleuchteteren und uneigennützigeren Rath wird der Sultan, wenn er vor der Entschließung steht, die der Zionismus ihm nahelegen wird, sicherlich nirgends finden, als bei seinem Freunde auf dem deutschen Kaiserthron, dessen Wort dann auch durch die inzwischen gewonnene Autopsie eine unanfechtbar überzeugende Kraft gewonnen haben wird. Wir wissen wirklich nicht, ob Wilhelm II. dem Zionismus ein freudiger Fürsprecher sein wird, aber wir hoffen es sehnlichst im Vertrauen aus das Edle, Menschliche, unbefangen Kluge in der Persönlichkeit Wilhelms II., das so vielfach schon und so gewinnend zu Tage gekommen ist. Einst haben die mystisch-romantischen Romsahrten der deutschen Kaiser die Welt in Verwirrung gebracht; fie waren eines der schweren Verhängnisse des Mittelalters. Wir träumen davon, dass ein wiedererwachtes Stück Mittelalter durch die Palästinasahrt eines modernen deutschen Kaisers abgeräumt werden kann, der nichts gemein hat mit den Revenants einer finsteren und abscheulichen Vergangenheit. Träumen wir etwas Unerfüllbares? Wir denken: nein, weil wir vertrauen, wo wir hoffen dürsen, erleuchtetem und verständnisreichem Wohlwollen zu begegnen. K Die Woche. Wien, 10. März 1808. In Oesterreich hat in den letzten Tagen das Ministerium gewechselt. Das Ministerium Gautsch ist gegangen, das Ministerium Thun ist gekommen. Baron Gautsch hatte die Aufgabe, die Wogen zu glätten, welche durch die Sprachenverordnungen in Böhmen und weiterhin im ganzen Reich aufgewühlt worden waren. Er wurde dieser Aufgabe gerecht, indem er die Gegensätze, die er nicht beseitigen konnte, sür ein Weilchen einschlafen ließ. Nur in den großen Leitartikeln, die Niemand liest, sprachen die Blätter noch manchmal von den Sprachenverordnungen, die vielleicht Niemand kennt. „Niemand" ist allerdings eine Uebertreibung; aber dass nur ein ganz kleiner Kreis von Politikern diese Sprachenverordnungen mit Leidenschaft erörtert, ist gewiss. Das Volk beider Lager bewahrt nach wie vor seine große Indolenz, aus der es, wenn man es lange rüttelt, sür kurze Zeit erwacht, um — Excesse zu begehen. So haben wir ja am Ende der Aera Badem die czechischen Excesse gegen Juden und gleichzeitig deutsche Excesse — auch gegen Juden gesehen. Wir waren daher erfreut, die Discussion über die deutsch-böhmischen Sprachenverordnungen eine zeitlang von den Fensterscheiben der Juden abgelenkt zu sehen. —- Nun hat Baron Gautsch Abschied genommen, nicht ohne neuerlich Sprachenverordnungen erlassen zu haben. Noch vermögen wir nicht zu erkennen, in welchen Zusammenhang man die Juden mit diesen Erlässen bringen wird: aber wenn wieder Fenster eingeschlagen werden sollten, vermutben wir, dass es abermals dieselben sein werden. Was uns die Aera Thun bringen wird? Alle Combinationen wären heute noch müßige Kannegießerei. Man . weiß nur, dass Graf Thun ein conservativer Mann ist und ein conservatives Cabinet gebildet hat, mit leichter Hinneigung zu den mittleren gemäßigten Elementen. Auch Beamte sitzen in diesem Ministerium, und es stellt daher offenbar einen weiteren Versuch vor, mit der jetzigen Verfassung auszukommen. Seine eigentliche Farbe wird es wohl erst durch die Ereignisse erhalten. Der französische Exminister Bourgeois hat in einergroßen Versammlungsrede die französische Regierung angegriffen, die sich in der Affaire Dreyfus schwach gezeigt habe. Weil er nun zu sagen vergaß, aus welche Weise das Ministerium seine Stärke hätte beweisen sollen, müht sich die ganze europäische Presse ab, den dunklen Herrn Bourgeois" zu commentieren. Gäbe es heute noch Orakel, dann müsste der klug vergessliche Bourgeois dabei angestellt werden. „Wenn Du den Halis überschreitest, wirst Du ein großes Reich zerstören", ließ Delphi dem zuversichtlichen Krösus sagen. Herr Felix Faure könnte einen ähnlichen Bescheid erhalten: „Wenn Du die Revision anordnest, wirst Du eine bösartige Legende vernichten." Und die ganze Presse müsste sich abernmls den Kops zerbrechen: „Ist es die Legende von der Unschuld des Dreyfus, oder die von seiner Schuld? — Da es aber einige Menschen gibt, die auf solche Fragen decidierte Antwort wüssten, wünscht sich Niemand ein Orakel, und auch Herrn Bourgeois' Rede ist weniger geheimnisvoll, als sie vorsichtig und gescheit ist. Die Antisemiten nehmen sich der arg misshandelten französischen Juden mit gewohnter Wärme an. Sie zählen die Verdienste aus, welche die Juden sich um die Republik erworben haben. Sie hätten die Republik gründen Helsen und sie financiert. Das ist nur halb wahr. Gegründet wurde die Republik bekanntlich auf den Schlachtfeldern, auf denen die Armee unter schlechten Befehlshabern in Trümmer gieng. Die fünf Milliarden allerdings haben dann die Juden zahlen Helsen. Herr Piquart, ehemaliger Oberst in der französischen Armee, hat dem Major i. P. Eßterhazy die Genugthuung verweigert. Gerne möchte man den Mann, der für seine Ueberzeugung Carriere und Existenz muthig in die Schanze schlug, einen Elenden und Feigling nennen. Aber Herr Picquart hat soeben den Oberst Henry im Duell verwundet. Dass er jetzt einem Eßterhazy die gleiche Ehre versagte.