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Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Date
1898-03-11
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briese werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. lllMtfltßttf l'tfV * Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. — G Kr., ganzjährig G fl. -- 1-2 Kr.: Für das Ausland: Deutschland . ganzjährig 13 Mk. 70 Ps., halbjährig G Mk. S5 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egyptne ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Wien. 11. Mär; 1898.2. Jahrgang. Nr 10. Ardartion und Administration: Wie» IX., Türkenstraße 9. Telephon Nr. 6805. Et-O a-a Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Einzelne Nummern 15 kr. Des deutschen Kaisers Palästinafahrt. Von C. Erter. Es ist nun festgesetzt, dass der deutsche Kaiser im Herbst die Reise nach Jerusalem unternehmen wird, um dort der Einweihung der protestantischen Erlöserkirche beizuwohnen. In seiner Begleitung wird sich Dr. Barkhausen, der Präsident des evangelischen Oberkirchenrathes, befinden, welcher im Jabre 1893 den Grundstein zur Erlöserkirche gelegt hat. Der ausgesprochen religiöse Zweck kann indessen die politische Bedeutung dieser merkwürdigen Kaiserfahrt nicht beeinträchtigen, welche drei Wochen währen soll, obgleich für den Aufenthalt in Jerusalem blos drei Tage bestimmt sind. Wäre auch nicht ein Besuch bei dem Sultan in Aussicht genommen, so würde doch die Persönlichkeit Wilhelms II. jeden Zweifel ausschließen, als ob lediglich ein mystisch-romantisches Verlangen die Fahrt ins heilige Land bedinge. Wilhelm II. nimmt es sehr ernst mit den evangelischen Üeberlieferungen seines Hauses und mit den Attributen des Lnmmus episeopus; er fühlt sich als Schutzherr der Protestanten im Orient, wie man in Frankreich sich als Schutzmacht der orientalischen Katholiken und in Russland als Schutzmacht der griechischen Christen im Orient fühlt. Aber er ist in jedem Sinn ein moderner Herrscher, und sein Blick ist zu weit, um an einem einzigen Punkte haften zu bleiben. Wenn dieser thatkräftige, von selbständigen Ideen und frischer Initiative überquellende Monarch eine Palästinasahrt unternimmt, so schweben ihm sicherlich alle Zusammenhänge vor, welche das heilige Land mit der civilisierten Welt verknüpfen, und einer dieser Zusammenhänge — nicht der unerheblichste — wurzelt in der orientalischen Frage. Aus dem Buche des Franzosen Ayme, welcher vor zweiund zwanzig Jahren Wilhelms II. Lehrer im Französischen war und seinen damaligen Verkehr mit dem prinzlichen Zögling des Casseler Gymnasiums schildert, hat man neulich einige sehr interessante Einzelheiten erfahren. Unter Anderem auch die, dass Wilhelm II. schon als Jüngling jedes confessionellen Vorurtheils ledig war. Als Kaiser hat er dann insbesondere durch das berühmte Telegramm an den Freiherrn von Stumm, durch welches Stöcker niedergeschmettert wurde, religiöse Vorurtheilslosigkeit leuchtend bewährt. „Christlichsocial ist Unsinn", lauteten die ersten Worte des Telegrammes, dessen Veröffentlichung der Kaiser gestattete. Diesen Monarchen führt gewiss nicht romantische Befangenheit nach Jerusalem; es ist ein reales, politisches Machtgesühl, zugleich ein nimmer ruhendes Bedürfnis rach selbstgewonnener Erkenntnis und ein bis ins Kleinste entwickelter Verantwortungssinn, die ihn überallhin geleiten. Wilhelm II. wird zu seinen evangelischen Schutzbefohlenen kommen, er wird sich ihnen bei der Einweihung der Erlöserkirche als die Verkörperung der Macht zeigen, auf welche sie vertrauen können. Aber als Gast im Reiche des Sultans, dessen persönlicher Freund er ist, wird er auch die Blicke und Wünsche Aller auf sich lenken, die das Schicksal aus das Wohlwollen des Sultans und auf die Gerechtigkeit Europas verweist. Und darin werden sie Alle nicht getäuscht sein, die auf seine Großherzigkeit hoffen und darauf, dass confessionelle Einseitigkeit ihn nicht hindern wird zu erkennen, wie wenig in unserer Zeit religiöse Erwägungen dazu angethan sind, politische und menschliche Nothwendigkeiten aus der Bahn zu lenken. Wir leugnen nicht, dass die Kunde von der nun endgiltig bestimmten Palästinafahrt Wilhelms II. auch den Zionismus mit freudigen Hoffnungen zu erfüllen geeignet ist. Dem Auge dieses Monarchen entgeht keine Bewegung im öffentlichen Leben der Gegenwart, gewiss auch die zionistische nicht. Sie steht ja mit einem großen völkerpsychologischen Problem, das auch in Deutschland zur Lösung drängt, in unmittelbarem Zusammenhänge. Ist der Antisemitismus, wie nicht mehr bestritten werden kann, so universell geworden, dass er überall mit seinen gellenden Kampfrufen an der staatlichen Entwicklung und der gesellschaftlichen Ordnung rüttelt, um wieviel universeller ist der Zionismus, der die Fahne dev Humanität und Gerechtigkeit vor sich herträgt und den Staat wie die Gesellschaft von dem finstern Fleck zu säubern strebt, der ihre Civilisation entstellt! Dem erlauchten Blicke Wilhelms II. kann es nicht verborgen sein, welcher Art die Existenzberechtigung ist, die der Zionismus für sich in Anspruch nimmt, und wenn wir auch keineswegs in der Illusion besangen sind, dass ihm während seines Aufenthaltes in der Zionsstadt der Hinblick aus die zionistische Bewegung. sich in vorderster Reihe aufdrängen werde, so denken wir doch, dass gerade ihm bei seiner Umsicht und der erstaunlichen Vielseitigkeit der römische Spruch: Minima non curat praetor, das Verständnis nicht trüben wird für eine Frage, die nur denen als klein erscheint, welche ihre phänomenale Bedeutung nicht begreifen. Von' der engherzigen Auffassung der orientalischen Frage, welche noch bis vor einem Jahrzehnt das religiöse Moment in den Vordergrund schob, hat Wilhelm II. sich

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