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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Lemberg
Date
1898-03-04
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 J*OW*r Seite 11. lebenden hebräischen Schriftsteller, Rüben Ascher Brandes sein 30jähriges Schriftstellerjubiläum. Außer unserem polnischen Parteiblatte ,,?r/.ysric)Ke-4, das fast seine ganze letzte Nummer diesem Ereignisse gewidmet hat, nimmt keine von den anderen jüdischen Zeitungen davon Notiz. Aber auch sonst hört man von keinen Anstalten zur Ehrung dieses so verdienten Schriftstellers. Nur die Lemberger Jugend hat ihre Pflicht gethan. Sie veranstaltete nämlich am 26. Februar im Locale des hiesigen „Zion" einen festlichen Braudesabend. Noch vor der festgesetzten Stunde, an der der Abend beginnen sollte, war der mit Hilfe des hiesigen zionistischen Mädchenvereines „Czytelni*. Kobiet*4 prächtig decorierte Saal überfüllt. Als Erster ergriff das Wort Herr I. Sp., der in kurzen, treffenden Worten die Bedeutung Braudes für das jüdische Volk im allgemeinen und für unsere Bewegung im Besonderen schilderte. Dann folgten Recitationen aus den Werken Braudes, von denen die Novelle „Die Sünde des Ungehorsams" den größten Beifall erzielte. Eine treffende Analyse seiner Werke und der Art seiner literarischen Begabung gab der nächste Redner, Herr Thon, in seiner gelungenen Festrede. Zum Schluffe setzte noch Dr. Malz auseinander, wie wenig die jüdische Gesellschaft ihre Pflichten gegenüber den um das Judenthum verdienstvollen Männern erfüllt. Nach dem Abende versammelte man sich noch zu einem gemüthlichen Commerse und toastierte eifrig auf Herrn Braudes. Der Reinertrag des Abends dient zur Anschaffung einer goldenen Ehrenfeder, die schon in den nächsten Tagen dem Herrn Braudes überreicht werden wird. Krakau. (Orig.-Corr.) Gestatten Sie mir, Herr Redacteur, zur Correspondenz in Nummer 5 Ihres Blattes einige Bemerkungen. Unsere Stadt ist seit jeher die Hochburg der Assimilation. Selbst heute, nach dem kläglichen Fiasco der Assimilationsbewegung, gibt es noch viele Juden, die ihre polnische Nationalität nachdrücklichst betonen. Trotz politischer und socialer Zurücksetzungen werden alljährlich Mickiewicz- und Kosciuszko-Feiern veranstaltet — natürlich im engsten Kreise — um nur die „ideale Gleichwertigkeit" zu verdienen. Diejenige Jugend aber, der es in diesem „neuen Ghetto" zu unbehaglich wurde, die jedoch alles Jüdische längst abgestreist hatte, stürzte sich ins socialdemokratische Lager, um da auf's neue eine Assimilation zu versuchen. Ursprünglich segelte man behaglich unter internationaler Flagge. Jetzt muss auch — nolens volens — das nationale Banner hochgehalten werden — selbstverständlich das polnische — nur nicht jüdisch! Incidit in Scyllain cupieus vitare Charybdim! Abseits von diesen vergeblichen Amalgamationsversuchen hat eine selbstbewusste Jugend die Rückkehr zum Judenthum vollzogen! Offen bekennt sie sich zur jüdischen Nation und steuert zielbewusst gegen Osten hin; denn von da allein rvinkr uns Hoffnung! A. Sp. Deutschland. Berlin. (Orig.-Corr.) Zu einer Schlägerei wegen des Zolaproceffes kam es unter anderem in einem größtentheils von Studenten besuchten Locale am Oranienburger Thor. Ein Händler mit Zolakarten, der seine Waren feilbot, wurde von einem deutschnationalen Studenten mit den Worten „verdammter Judenschwindel", „elende Reclame" zurückgewiesen. Ein an einem Nebentisch sitzender Kaufmann nahm für den Händler Partei, es kam zu einem heftigen Wortwechsel zwischen den Studenten, welche ihrem Commilitonen beisprangen, und den übrigen Gästen, der bald in Thätlichkeiten ausartete. Es regnete von beiden Seiten Faustschläge und Stockhiebe, bis es endlich den Angestellten des Locals gelang, die Streitenden zu trennen und die Hauptruhestörer zu entfernen. Kattowitz. (Orig.-Corr.) Haben preußische Verwaltungs- Behördeu Angst vor jüdischen Lehrlingen aus Oesterreichisch- Schlesien? Diese Frage drängt sich Jedem unwillkürlich auf bei Kenntnisnahme folgender Thatsache: Ein hiesiger geachteter jüdischer Kaufmann, Inhaber einer altrenommierten Firma, engagierte für sein Geschäft einen 14jährigen jüdischen Knaben aus Bielitz, Oesterreichisch-Schlesien, als Lebrling. Als ersterer bei deffen polizeilicher Anmeldung deffen Papiere, Geburts- und Heimatsschein vorlegte, wurde ihm von dem hiesigen Polizeiinspector bedeutet, dass der Lehrling die Stellung nicht antreten dürfe, weil die Gründe dagegen in dessen Person lägen. Da dieser Bescheid dem Kaufmann nicht recht klar war, so begab er sich zum Bürgermeister, ihm die Sache vortragend. Derselbe entgegnete wörtlich: „Ist der Lehrling ein Jude, so kann er die Stellung hier nicht antreten, da der hiesige Landrath ihn sofort answeisi." Einem hiesigen jüdischen, sehr angesehenen Seifenfabrikanten ergieng es vor einigen Monaten ganz genau so mit einem jüdischen Lehrlinge aus Ernstdorf in Oesterreichisch-Schlesien. Der Kaufmann ist entschlossen, diese Angelegenheit in allen Instanzen auszufechten, da er durchaus wiffen will, auf welches Gesetz sich die Anschauungen hiesiger Verwaltungsbehörden stützen, und er doch nicht annehmen kann, dass sich selbige vor 14 bis 15jährigen jüdischen Lehrbuben aus Oesterreichisch-Schlesien fürchten. Frankreich. Paris. 26. Februar. (Orig.-Corr.) In Bar-le-duc wurden die Schaufenster sämmtlicher jüdischer Geschäfte zerschlagen, und noch anderer beträchtlicher Schaden angerichtet. Tie Polizei war machtlos. England. London. (Orig.-Corr.) „Wir machen Fortschritte", das ist das Wort der Situation. Der Zionismus verbreitet sich rapid, nicht nur in England, sondern auch in Amerika. Aus Amerika höre ich, dass ein bewährter Kämpe, Rev. Isidore Meyers in Californien die Fahne entrollt hat. Dort hat er eine bedeutende Situation. Aus Canada wird gemeldet, dass Rev. Meldola de Sola, einer der othodoxesten Rabbiner in ganz Amerika und Seelsorger der Sephardim, in Montreal zugunsten des Zionismus predigt. — In London hat sich eine zionistische Gesellschaft gebildet, „Southsea", ebenso in Exeter. — Aus Manchester kommt die Nachricht, dass die dortige Gesellschaft über 1000 Mitglieder zählt, und die Organisation erwartet, dass diese Anzahl binnen Kurzem vervierfacht wird. Biel Theilnahme zeigt sich für die englische Zionisten-Conferenz am 6. März a. c. Ueber 30 Organisationen werden auf derselben vertreten sein; unter den Delegierten befindet sich auch ein Parlamentsmitglied. Türkei. Jerusalem, 21. Februar 1898. Vollständig den Thatsachen entsprechend, schrieb einer Ihrer geschätzten Correspondenten in seinem Jänner-Artikel Nr. 4 „Ter Welt" über das herrliche Frühlingswetter, welches damals «ach einem wenige Tage währenden Schneegestöber eintrat, Aber kaum waren ein paar Wochen verflossen, wurden wir wiederum von einem 2 bis 3 Tage anhaltenden Schneefall überrascht, so dass wir uns nach dem winterlichen Europa zurückversetzt glaubten, und nun herrscht wieder die prächtigste Witterung. Auf Schritt und Tritt begegnet man europäischen Reisenden beinahe aller Weltgegenden und Confessionen und nur unverhältnismäßig wenig Juden. Oder doch?! Ja es sind wohl auch Israeliten darunter, aber sie reisen zumeist incognito. Aber warum das? Fürchten sie sich etwa, von ihren armen Briidern um eine Gabe angehalten zu werdenV Oder glauben sie gerade dadurch, dass sie sich als Mchrjudeu verkleiden, tiefere Einblicke in das Leben der hiesigen Juden thun und infolgedessen leichter denselben beisteheu zu können'? Unerklärlich ist es mir, warum nicht einmal aus Deutschland und Oesterreich eine größere Anzahl Israeliten eine gemeinschaftliche Tour hierhermacht, Israeliten, die es sich zur Aufgabe machen, das Land, und speciell die Juden und ihre Einrichtungen hier zu studieren, Israeliten, die offen als solche auftreten, d. h. Interesse für alles Jüdische an den Tag legen. Ich zweifle nicht, dass es sehr viele Gelehrte, Kaufleute, Studierende, Private u. s. w. gibt, die sich einer solchen Reise gerne anschließerr. Diese israelitischen Touristen werden bei genauer Prüfung sich mit eigenen Augen überzeugen, dass unter den heutigen Berhältniffen die Armut hier geraoezu künstlich großgezogen

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