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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Aus Südamerika
Date
1898-03-04
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Nr 9 Und die Regierung? Diese ist hier, wie in allen spanischen Republiken Südamerikas. Die Bewohner scheinen von dem spanischen Mutterlande sich nur losgerissen zu haben, um im Missbrauche einer zügellosen, individuellen Freiheit sich gegenseitig auszureiben. Für den Handwerker gibt es hier fast gar keine Aussichten, denn der Lohn ist zu unbedeutend. Ueberdies sind die Lebensmittel sehr theuer. Brot, wird selten gegessen. Der Indianer, Mestizo und Neger kann zwar trotzdem bestehen, denn er verrichtet in diesem barbarischen Klima die schwersten Arbeiten mit Leichtigkeit, und braucht nicht mehr als einige Orangen, Bananen, etwas Reis und Chicha, eine Rohrhütte mit Blätterdach und eine Hängematte darin. In jüngster Zeit werden wieder Märchen vonneugesnndenen Goldadern und Goldfeldern gehört. Für den Eingeweihten bleiben es aber nur Märchen, denn die vorhandenen Gold- und Silberminen sind schon längst von den Buras und Hidalgos exploitiert worden. Zudeni vermag auch der waghalsigste Goldsucher nicht in jene Gebirge cinzudringen, er ist Beschränkungen und Mühsalen unterworfen, die er nur mit Lebensgefahr unbeachtet lassen kann. Wenn er in die Berge zieht, die Pfad- und weglos sind und noch dichten Urwald tragen, muss er sein Gepäck und die nothwendigen Geräthschaften, die so viel wiegen, dass er nur für wenige Tage Lebensmittel mitnehmen kann, selbst ttagen, und der Hungertod ist der sichere Ausgang seiner Expedition. Wie viele fanden so ein trauriges Ende? Gold, Gold, man glaubt schon es fassen zu können und mau sinkt zusammen vor Hunger und Schwäche und verendet in der Wildnis fern von den Seinen wie ein wildes Thier. JS* Tribüne. Geehrte st e Redaction'. Mit Bezug auf Ihre in Rr. 8 unter „E o r r e s p o nd e n z e n" gebrachte Notiz über den am 21. Februar abgehalrenen freien Discussionsabend des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" muss ich mir gestatten, einige Bemerkungen zu machen. Es ist ja ganz begreiflich, dass angesichts der sehr ernsten Vorgänge in Frankreich und Algier, Rumänien, Böhmen, ebenso des rüden Benehmens „unserer" Antisemiten im Gemeinderathe und Landtage, wo das Wort „Schussgeld" ungestraft fallen konnte, dass angesichts all' dieser empörenden Vorkommnisse sich der Judenschafr eine sehr tiefgehende Entrüstung bemächtigt. Doppelt erklärlich, dass dieses sich aufbäumende Gefühl bei der rasch aufbrausenden Fugend umso intensiver wirkt, je weniger dasselbe noch durch — Enttäuschungen und Erfahrungen abgestumpft ist. Ebenso begreiflich, dass der Berichterstatter trt der vom Verein beschlossenen Dankadresse an Zola noch keine „Brücke" findet, „die zur Behebung von Judenercessen führt". Weniger verständlich erscheint die Klage, in die der Bericht ausklingt, dass damit „gegen das t a u s e n d j ä h r i g e G e s p e n st nichts geschehen ist", dass diese „naive Hilflosigkeit von halb 7 U h r*) A b e n d s b i s M i t t e r n a ch t", „das kindliche Spielen auf der Eisdecke" einen „beängstigenden Eindruck" Hervorrufe, dass man in „langen, langen Reden und ganz hübschen gegenseitigen Plaudereien über die Wiener Gasfrage" das „blutige Schicksal des „Judenthums mildern wolle"! u. s. w. Gerade in „dem tausendjährigen Gespenste" und dem „blutigen Schicksale" liegt der Kernpunkt der Frage! Der Verfasser des sehr launigen Berichtes Härte darin bei einiger ruhiger Ueberlegung die Erklärung finden müssen, dass der genannte Verein nur so und nicht anders vorgehcn kann bezw. konnte. Glaubt der Berichterstatter im Ernste, dass einer Verfolgung — die übrigens nicht e i n Jahrtausend, sondern deren mindestens zwei und zwar beständig gegen ein und dasselbe Volk währt, und welche nicht durch eine, sondern durch alle Nationen, m i t w e l ch e n d a s I u d e n t h u m i n B e r ü h r u n g kam, in Scene gesetzt ward, - dass dieser auf andere Art beizukommen wäre, denn aus dem Wege der l-" -fiehunq und Belehrung des fanatisierten Pöbels?Was im ‘ m Verein zur Abwehr unternimmt, es könnte niemals etw, deres als ein P r o t e st, ein geschriebener oder gesprochener, r en, auch selbst gegen die Frage des „Schussgeldes", dessen Bea. -.ung oder Ignorierung immer dem Belieben der Machthaber überlassen bleibt! Der Hebel isi nur an der breiten Volksschichte selbst anzusetzen. Von'da muss endlich der Abscheu vor diesen Brutalitäten kommen. Und damit das geschehe, muss die Aufllärung über den wahren Stand der „Siege", auf deren Zustande- *) Die Verhandlung begann thcrtsächlich erst nach 8 Uhr. kommen sich die gegenwärtige anttsemitische Majorität so viel zugute hält, vorher stattfinden. Gerade die Gasfrage bildet aber einen der wichtig st en Fußschemel, deren die gegenwärtig im Gemeinderathe und Landtage terrorisierende Partei sich zu ihrem Hinan st eigen bediente. Dieser muss unter ihren Füßen weggezogen werden, damit das ganze Gebäude in sein verdientes Nichts Zusammenstürze!-— Wer in der Versammlung gewesen, wird kaum die Impression des Berichterstatters theilen; „Kinder mit grauen Haaren" — Wenn etwas dazu angethan ist, die Situation zu erschweren, so ist es die Zerfahrenheit im eigenen Lager, die übrigens auf die Dauer auch die Wirksamkeit des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" beeinflussen dürfte. Ist doch der Verein schon an sich zu weittönender Action nicht geeignet, da er ja kein politischer ist! Und würde derselbe ein politischer sein, so hätte er unter den gegebenen Umständen wohl längst aufgehört, zu bestehen! Mehr als je ist derselbe auf die Wirksamkeit im Stillen, auf die Minierarbeit angewiesen. Von dieser wird sich die Vereinsleitung, ihr Ziel mit ernstem Streben verfolgend, niemals abbringen lassen, — mögen die Meinungen unserer Verbündeten noch so sehr auseinandergehen und noch so ungeniert zum Ausdruck gelangen! Hochachtungsvoll F. R. Engel, Mitglied des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". * *) $ Das verbotene Ghetto. Aus Brünn kommt uns folgende interessante Mittheilung zu: „Das neue Ghetto" von Herzl wurde zur Aufführung von der Theater-Commission nicht zugelassen, weil einige einflussreiche Juden dem Herrn Bürgermeister sagten, der Friede der Stadt könnte dadurch gefährdet werden. Wiener Frauen gegen Zola. Am 12. Februar fand in der Bolkshalle des Wiener Rathhauses eine Protestversammlung von mehreren hundert anttsemittschen Wiener Frauen statt, in der dem Schriftsteller und Menschen Zola die ttefste Verachtung ausgesprochen wurde. Eine in diesem Sinne abgefasste Resolution wurde telegraphisch an Drumont gesandt. Die Juden in Croatien. In einer der letzten Sitzungen des croatischen Landtages, wurde die Specialdebatte über das Budget abgeschlossen. Abgeordneter Tuskan hielt eine Rede, in welcher er den Richterstand auf das Hefttgste angriff und ihn der Bestechlichkeit zieh. Als Abgeordneter Dr. Frank namens der Nationalpartei diese Angriffe enttüstet zurückwies, rief ihm Abgeordneter TuSkan zu, er dulde nicht, dass im Landtage e i n I u d e über die Ideale der Nation spreche. Die Einführung des Sonntag-Gottesdienstes ist von der Repräsentanten-Versammlung der Berliner jüdischen Gemeinde mit 19 gegen 2 Stimmen abgelehnt worden. Durch die Einführung des Spiritus-Monopols wird auch den jüdischen Gastwirten die Ausübung ihres Gewerbes unmöglich gemacht. In Odeffa sind alle jüdischen Restaurants, in denen auch Schnäpse ausgeschänkt werden, behördlich geschlossen worden. In Bessarabien wird Juden nur die Bewilligung zur Eröffnung von Restaurants erster Claffe gegeben, wofür eine Jahressteuer von 1000 Rubel zu zahlen ist. Anfiedlungsverbot. Ten Juden ist durch kaiserlichen Ukas die Ansiedlung in Sibirien, das durch die ttanssibirische Eisenbahn nunmehr dem Weltverkehr erschlossen werden wird, verboten worden. Zum Kapitel: Juden in Moskau. Erft unlängst meldeten die russischen Blätter, dass die jüdischen Stndenten und Studentinnen der Feldschererrespective Hebammenschnleu zum Besuche der respecttven Anstalten in Moskau nicht zugelaffen werden, falls fie aus dem Ansiedlungsrayon stammen. Diese Beschränkung aus die nach Moskau zuständigen Juden ist eine rein illusorische, da dieselben nur den bemittelten Kreisen angehören, die ihre Kinder in diese Schulen nicht schicken. Und nun melden die Zeittmgen, dass es bereits im Jahre 1890 * *) Wir brauchen unseren Lesern nicht erst zu sagen, dass wir mit diesen Ausführungen nicht einverstanden sind, dennoch gewähren wir dem geschätzten Herrn Einsender gern den gewünschten Raum. Die Redaction.

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