Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Article
- Jüdische Troubadours und Minnesänger im Mittelalter
- Date
- 1898-03-04
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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und muthig verkündet er dem Könige und dem Volke die Erhabenheit Gottes und die erhabenen Ideen des Judenthums. Die höchste nationale Ehre ist ihm die allgemeine Gerechtigkeit. Bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir sein Andenken geehrt. Aber auch den Marranen verdankt die spanische Poesie sehr viel, und ein spanischer Schriftsteller musste einmal bemerken, dass die spanische Poesie denn doch schrecklich verjudet sei. Ferdinand Wolf sagt: „Die spanische Poesie hatte reichen Gewinn von diesen Judenchristen: sie, die bisher stolz und steif war, erhielt durch die Spottlust der jüdischen Satyriker bewährten Witz und launigen Uebermuth. Noch einmal erfahren wir von einem jüdischen Dichter, Antonio de Moro, il ropcro (der Schneider), seines Zeichens Schneider aus Cordvva, der letzte spanische Troubadour. Er wurde überall als Jude verspottet, aber er bemühte sich, seine Glaubensgenossen zu schützen. Es gelingt ihm nicht. Am Abende seines Lebens sieht er seinen großen Jrrthum ein, und es klingt sehr naiv, wenn er sagt, er habe den Geruch seines Ursprunges nicht verleugnen können. Am 9. Ocwber 1492 mussten die Juden ihr Vaterland, dem sie soviel gegeben, auch den ersten und letzten Troubadour, verlafien und sich eine neue Heimat suchen. Diejenigen, welche zurückgeblieben waren, sonnten sich eine zeitlang im Glanze ihres neuen Lebens. Aber der Verlaus der geschichtlichen Entwickelung und das Wirken des Jnquisitionstribunals ist bekannt. Portugal machte es wie Spanien. Aber die Poesie dieses Landes erlebt noch ein merkwürdiges Nachspiel. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts lebte Antonio Enriques de Gomez, den man den modernen Calderon nennt. Er genoss die größte Popularität. Aus einmal verbreitete sich das Gerücht, Don Antonio sei ein heimlicher Jude. Er wird vor das Tribunal gefordert. Seine Verdienste um das Vaterland können ihn nicht schützen, er wird in den Kerker geworfen, und eines Tages erlebt die schöne Welt auch eine Premiere: einen mächtig auslodernden Scheiterhaufen und diesen besteigt der Troubadour. Er stirbt mit den Worten: Höre Israel... Großes Ritterturnier am Schlosse des Burgherrn von Trimberg an der fränkischen Saale. Bon den hohen Zinnen herab wehen die Fahnen, welche ein großes Fest verkünden. Schon nahen die Minnesänger und die Spiellente und die kleinen Singerlein und allerlei Volk, welches sich ihnen anschließt. Neben Walther von der Vogelweide und Heinrich von Beldeke sehen wir einen einfachen Mann, Süsskind von Trimberg. Er ist ein Jude. Im Manefie'schen Codex sind uns sechs Gedichte und auch sein Bild überliefert. Das Bild zeigt ihn im langen Mantel und trichterförmigen Hut, kurz, in jener Tracht, welche die Juden damals trugen. Cr lebte in einer Zeit, wo sich eine breite große Blutstraße, auf der die Leiber unserer erschlagenen Ahnen lagen, von Lemberg bis nach Mainz zog. Von dieser Zeit, der Mitte des 13. Jahrhunderts bis tief in das 44. hinein, haben die Juden einen tüchtigen Antheil an der deutschen Literatur gehabt. Es ist dies eine Thatsache, die Rudolf Hildebrand am der Philologenversammlung zu Würzburg unter allgemeinem Kopfschütteln der gelehrten Herren vorgetragen hat. Er und seine Freunde bewiesen, dass in jüdischen Kreisen die Kenntnis der alten Dichtungen nnd die Namen aus den alten Heldensagen verbreitet waren, und endlich wiesen sie aus Süsskind hin. Wilhelm Scherr sagt, dass die mittelhochdeutsche Dichtung in ihrer Blütezeit ganz aus dem Gedanken der Toleranz aufgebaut ist. Das erklärt, dass ein Jude in den Reihen der Minnesänger Aufnahme finden konnte. Ob Süsskind von Burg zu Burg zog, wissen wir nicht. Denn er unterscheidet sich von den anderen Minnesängern in ganz erheblicher Weise. Es ist nicht der Minnedienst und nicht der Frauendienst, der ihn in seine Kreise zieht. Was bei ihm Minne ist, ist Gottesminne. Er war nicht frauenhaft, sondern echt männlich. Wenn das stille Denken an das geliebte Wesen ein charakteristisches Zeichen für einen Minnesänger ist, so war er kein Minnesänger. Versteht man aber darunter jene Periode der Poesie der moralischen Lieder, dann ist er ein Minnesänger. Sein Ton und seine Weise, seine Melodie und sein Rhytmus unterscheiden sich in nichts von dem der Minnesänger aus der besten Periode. Süsskind ist ein Jude geblieben. Der Vortragende wurde mit lautem Beifall belohnt. Lei,. * Aus Südamerika. Sch. Von einem Freunde unseres Blattes wurde uns ein Brief eines jüdischen Auswanderers zur Verfügung gestellt, dem wir folgende Stellen entnehmen: ... Ich habe Argentinien den Rücken gekehrt. Fragen Sie nicht warum. Es war mir einfach unmöglich, in den Colonien länger zu verbleiben. Ich lebe nun in Ecuador. Ich würde nicht wagen, Sie mit Schilderungen meines jämmerlichen Daseins zu belästigen, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie aus folgenden Umstand aufmerksam zu machen. Die Regierung hat beschlossen, in Europa behufs Immigration in ihr Land eine größere Agitation zu entfalten. Aus den spanischen Zeitungen in Nicaragua ist es klar zu entnehmen, dass es vorwiegend auf russische Juden abgesehen ist. Gestatten Sie mir. Ihnen nun meine Erfahrungen zum Besten zu geben. Die Republik Nicaragua mit den Staaten Costa-Rica, Salvador und Honduras zählt 450.000 Einwohner, die vorzugsweise vom Handel mit Cochenille, Indigo, Ebenholz, Kaffee oder von Viehzucht leben. Die Regierung hat bisher ausnahmslos die Einwanderung unterstützt, indem sie sogar Land verschenkte. Ihr Bestreben gieng aber dahin, Colonisten heranzuziehen, um sie zur Urbarmachung öder und wertloser Staatsländereien zu benützen. Und diese Urbarmachung ist für einen Europäer fast unmöglich. Trotz der sorgfältigsten und ausdauerndsten Arbeit ist das Land infolge der üppigen Vegetation bald wieder vom Unkraut bewachsen. Tie Ernte selbst ist sehr problematisch, die Ameisen fressen den eingestreuten Samen aus, bevor dieser noch in die Halme schießt. Dazu noch sengende Sonnenglut, die das Arbeiten im Freien unmöglich macht, gelbes Fieber, Mosquitos, die einen bis zum Wahnsinn quälen, Piques (Sandflöhe), die durch das dickste Sohlenleder sich durchbeißen und schmerzvolle Wunden unter den Nägeln verursachen, Schlangen, Ratten, Scorpione, Jnjenos, Varabanos, Ameisen, die in Schaaren von 200 Meter Länge ziehen und alles Zerstören, was nicht unter Waffer gesetzt ist. Mit den Phrasen von der unendlichen Fruchtbarkeit des Landes wird nur so herumgeworfen, und der arme Auswanderer, der sich bethören lässt, steht dann in Corinth oder San Juan rath- und hilflos da. Wenn er sich an die Behörde wendet, erhält er zur Antwort., patito“ (warte ein wenig) oder „venga manuiia1- (komme morgen wieder), Worte, die er überall zu hören bekommt, in Brasilien, Ecuador, Columbia, Argentinien trotz seiner Heiligsprechung durch das moderne Judenthum. Ter arme Teufel muss schließlich froh sein, wenn er eine Empfehlung zu einem Landjobber erhält. Und der Character der Eingeborenen? Wer wollte da nicht gegen die Einwanderung seine Stimme erheben? Faul, träge, feig, hinterhältig, bigott, das sind so die Hauptmerkmale ihres Wesens. Blutschande wird nicht unter die Verbrechen gerechnet, dafür sorgt derSennor bura (der Herr Pfarrer). Der Padre spielt überhaupt hier eine große Rolle. Laut Art. 6 der Constitution von Ecuador und Art. 4 der von Peru ist die katholische Kirche Staatsreligion. Eine andere wird nicht geduldet. Männer und Weiber gehen im Evacostüm umher, in der Residenz Manugua und in Corinth tragen sie nur ein langes Hemd. Die Indianer und Mischlinge, die den größten Theil der Einwohnerschaft ausmachen, wohnen in „Calejones", in elenden Baracken. Bei dem geringsten Anlasse blitzt das furchtbare Facon oder Navaja (Feldmesser) durch die Lust, das selten sein Opfer verfehlt, es sei denn, dass der Nicaraguer vom Cliicha (Schnaps) berauscht ist, eine Erscheinung, die bei Weibern ebenso häufig zu beobachten ist, wie bei den Männern. Die sogenannte Aristocratie de Nicaragua steht aus demselben Niveau. Sie trägt zwar Frack und Cylinder, reibt man aber den Aristokraten, so erscheint der Indianer.