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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Pariser Briefe
Date
1898-03-04
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seile 6 J*OW: Nr. 9 vom Anfang an das Symptomatische in diesen Borgängen erkannt und unter diesem Gesichtspunkte alle die Phasen der Dreyfusassaire betrachtet. Und deshalb können wir sagen, dass die Ausdehnung, welche der Antisemitismus in Frankreich gewonnen hat, der aufmerksamsten Beachtung wert ist. Man kennt zur Genüge die pathetischen Declamationen, deren Object die französische Nation zu aller Zeit gewesen ist. Alan riihmte ihre Gastfreundschaft und Toleranz, die Weite ihres Blickes und ihren unübertroffenen Edelmuth. Man weiß auch wie glücklich sich die Juden Frankreichs unter dem Schutze dieser hervorragenden Eigenschaften fühlten. Giengen sie doch so weit zu behaupten, dass nicht nur die ftanzösischen Juden, sondern auch die anderer Länder Frankreich als ihren Hort betrachten müssten. Mit einer gewiffen Verachtung bezeichneten die Juden Frankreichs den Antisemitismus als „Importartikel von jenseits des Rheins." Und doch mussten sie sich endlich entschließen, das auffällige Wachsthum der judenfeindlichen Bewegung zu bemerken. Nichtsdestoweniger glaubte man bis in die letzte Zeit, dass die Juden Frankreichs ohne Unruhe der Zukunft entgegensehen könnten. Da kam die Affaire Dreyfus, und die Juden sahen sich auf einmal aus dem Traum ihrer Sicherheit geschreckt. Man muss diese letzten Monate in Paris zugebracht haben, um begreifen zu können, bis zu welcher Gluthitze der Judenhass entflammt war. Wahrlich, unsere Brüder, die „Deutschen mosaischen Glaubens", wie sie sich so gerne nennen, hätten in Paris nicht nur sehen, sondern auch fiihlen können, welchen Hass die französische Bevölkerung gegen die Juden an den Tag legte. Vielleicht würden sie dann nicht in der bei ihnen beliebten Weise über den Antisemitismus sprechen und vielleicht würden sie dann weniger gläubig als bisher die Prophezeiung von dem baldigen Verschwinden dieser Bewegung aller Welt aufdrängen wollen. Das ist also das Erste, was wir zu registrieren haben: Ein großes Volk, das den Ruhm hat, der Welt die Ideen des Fortschrittes gegeben zu haben, das als die sicherste Stütze der Ideen der Gleichheit und Brüderlichkeit galt, selbst dieses Volk hat den Judenhass nicht loswcrden können und hat seine wüstesten Ausbrüche nicht zurückhalten können, als man versuchte, die Unschuld eines Juden an's Licht zu bringen, den man des Hochverrathes beschuldigte. Das Object der Anklage an und für sich erlaubt eine Reihe von wichtigen Schlüssen. Es handelt sich um's Vaterland. Logischerweise wird es jedesLand vorziehen,kcineVerräther zu haben, und wenn die mindeste Möglichkeit sich zeigt, einen eines solchen Verbrechens Schuldigen zu rehabilitieren, so wird es sich schon um derEhre desLandes willen bemühen, dieseRehabilitation möglichst rasch vor sich gehen zu lasten. In keinem Lande wird man wegen eines Berräthers viel Lärm machen, schon um das Land nicht zu discreditieren. Ganz anders hat sich in unserem Falle die Sache abgespielt. Es hatten ganz vage Verdachtsgründe genügt, um Dreyfus anzuklagen, und während die Presse zu wiederholtenmalen während der letzten Jahre Verräthereien von Franzosen nur Schweigen übergieng, machte sie in der Dreyfusaffaire geradezu einer Höllenlärm. Unb was war die Ursache? Dreyfus ist Jude. Und er hat sein Schicksal erkannt; denn Major Forzinetti, der Dreyfus im Gefängnis Cherche Midi zu überwachen hatte, erzählt, dass der Unglückliche nach dem Urtheilsspruche weinend ausrief: „Mein einzigesVerbrechenbe steht darin, dass ich als Jude geboren bin." Und auf der Visitkarte, von der Pellieux erzählte, war ebenfalls von dem Juden die Rede. Ist es denn wichrig, es ausdrücklich zu betonen, dass es sich um einen „jüdischen" Berräther handelt? Und wenn Labori in seinem Plaidoyer fragte: „Kann es denn sein, dass man Dreyfus verurtheilt hat, weil er ein Jude ist? Genügt es denn, Jude zu sein, um verurtheilt zu werden? Ich kann es nicht glauben!", so macht das zwar seinem Herzen Ehre, aber es kann an der offenbaren Thatsache nichts ändern. Sie drängte sich während der ganzen Dreyfus-Esterhazy-Zolacampagne geradezu auf. Und was folgt daraus? Dass die französischen Juden trotzdem bereits 100 Jahre feit ihrer Aufnahme in die „französische Familie" vorüber sind, doch noch immer den Verdacht gegen sich haben, schlechte Patrioten zu sein, oder anders ausgedrückt, dass man die französischen Juden noch heute als eben Angekommene und nicht als Autochthone betrachtet. Das wäre als Zweites festzuhalten. Und nun zur Haltung der ftanzösischen Juden selbst. Bon den Getauften wie Arthur Meyer, Gaston Pollonais, Millerand und dem erst jüngst zum katholischen Franzosen gewordenen Louis Ratisbonne und von ihrer prononcierten Stellung in der Zahl der Feinde der Revision wollen wir weiter gar nicht reden. Es genügt, das zu constatieren. Aber traurig war es auch mit den Männern des Glaubens bestellt. Sie wagten es nicht, ihre Meinung in dieser Sache zu vertreten. Es muthet ihre Haltung den Beobachter an wie eine Reminiscenz aus dem Mittelalter. Auch damals liebten es die Juden, sich durch Christen vertheidigen zu lassen, und hielten sich im Hintergründe. Aber ist es nicht beschämend, wenn die Juden auch heute noch das Schutzjudenthum markieren? Haben denn die Juden nicht das gute Recht, ja die Pflicht, selb st für ihre Bertheidigung zu sorgen, wenn sie so angegriffen werden, wie dies jüngst in der Presse, der Kammer und auf der Sttaße geschah? Ist es denn begreiflich, dass man so weit kommt, dass Labori und der Experte P. Meyer die Geschworenen versichern muffen, sie seien keine Juden? Was thäten diese Juden, wenn ihnen ein günstiges Geschick nicht die Zola, Labori, Clömenceau rc. erstehen lasten würde? So beweist die Haltung der Juden allein schon, dass sie etwas Eigenarttges sind, in ihren Augen und in den Augen der arischen Völker, unter denen sie wohnen, und dass sie erst von Nichtjuden empfohlen und beschützt werden müssen, um auch nur das Geringste durchzusetzen. Das ist wieder eine Folgerung. Wir wisten allerdings, dass es noch eine Zeit lang dauern wird, bis die Juden aus diesen und ähnlichen Folgerungen, die uns das Alltagsleben ja fort und fort bietet, ihre logischen Schlüffe ziehen werden, aber das können wir wohl schon heute sagen: Man gibt sich alle Mühe, den Juden diese Schlüsse zu erleichtern. Die Juden sollen ja über viel Scharfsinn verfügen. Wir wollen die Cosequenzen abwarten, welche die ftanzösischen Juden aus den letzten Vorgängen in Frankreich und zahllosen ähnlichen in aller Welt ziehen werden. Argus. Jüdische Troubadours und Minnesänger ini Mittelaller. Dem Vortrage, den der bekannte jüdische Literaturhistoriker Dr. Gustav Karpeles im Vereine zur Erhaltung jüdischer Alterthümer hielt, entnehmen wir folgende Stellen: Großes Ritterturnier am Hofe Don Pedro's IV. Schon verkünden Drommetenstöße das Nahen der Troubadours. Da öffnet sich im dichtesten Gewirr des Volkes eine breite Gaste, und durch diese zieht ein alter Jude bis dicht vor den Thron des Königs.'Der laute Beifall des Volkes und das Gemurmel „Rabbi Don Santob" stört ihn nicht. Er tritt vor den Thron. Der König und die Königin grüßen ihn. Und nun greift er in die Saiten seiner Leier und als er geendet, ertönt beifälliges Gemurmel aus den Reihen der Hidalgos. Dieser Sänger war ein Jude, namens Schemtob aus einem nordspanischen Städtchen, der unter der Regierung Pedro's IV. und Alfonso's X. ein angesehener Dichter war. Es beftemdet auf den ersten Augenblick, dass die Juden regen Antheil an der Begründung der spanischen Poesie nehmen konnten, die eine streng katholische und' von inmgster Pietät gegen die Dogmen der Kirche erfüllt war. Und doch ist es so. Wenn die Spanier von ihrem größten Heldengedicht sprechen, dann müssen sie hinzufügen, dass dieses Epos der Kraft auf der Chronik eines Juden beruhe. Ebenso war es ein Jude, der den ersten Roman in die spanische Poesie hineinbrachte, und als die Lyrik vom Drama abgelöst wurde, war es wieder ein Jude, der im ersten Treffen stand. Dass Santob das Judenthum kannte, ist bekannt. Die Behauptung von seinem Uebertritt ist unrichttg. Die Art und Weise seines Auftretens lässt ihn vielmehr als treuen Sohn seines Glaubens erkennen. Furchtlos

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