Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-03-04
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 jfc#w<r Seite 3 als Verräther behandelt werden. Der Patriotismus Sardou's ist aber bis heute wenigstens nicht angefochten worden. In der „Feodora" lässt er einen Pariser, eitel auf die Cultur seiner Heimat, zu einem Russen sagen: „Ihr mit Euren Judenabschlachtungen und Mordattentaten steckt ja noch recht fest im Mittelalter." Vielleicht würde man in Paris jetzt diese Stelle streichen, sie passt ja doch nicht mehr zu den heutigen Anschauungen und ist doch kaum zwanzig Jahre alt. Wenn man sie in diesen Tagen von der Bühne herab hört, dann lächelt man wehmüthig zu diesen Sentenzen einer besser beleuchteten Zeit, und nur allzu treffend ist die Antwort, die der mit seiner Barbarei geneckte Russe dem Franzosen gibt: „Ihr habt uns indessen weit überholt Vor Gericht sagt eine Frau aus, man habe ihren Bruder gelegentlich einer Rauferei halb erschlagen, weil die Leute gerufen hätten: „Hautts den Juden todt!" Der Richter fragt: „Sind Sie denn Juden?" — „Rein," entgegnet die Frau, „wir sind keine, aber wir werden dafür gehalten." — „Und warum?" — „Weil wir hübsch gekleidet sind!" In welchem goldenen Lichte hat man dem Volke die Juden gezeigt, dass es schöne Kleider für ein Merkmal der semitischen Rasse hält? Kennt es denn die armen polnischen Juden nicht und die Hausierer? Oder gehen sie etwa in Prunkgewändern durch den Daseinsdzmpf „elastischen Schrittes" vorbei an den Hungerleidern? ast es der Putz, den die armen jüdischen Dienstmänner Jeiben, der fabelhafte Aufwand jüdischer Lumpensammler, trer die Enterbten des Glückes aufregt und erbittert? In der guten Tuchstadt Brünn ist „das neue Ghetto" verboten worden. Die Juden in Brünn haben um dieses Verbot angesucht. Sie haben gebeten, man möge mit diesem Stück den Frieden der Bevölkerung nicht stören. In Brünn gibt es also keine moderne Judenabsperrung, in Brünn gibt es kein gesellschaftliches Ghetto, oder darf man in Brünn nur nicht davon sprechen? Die Kammgarnbürger lieben den Frieden, und das Judenstück hätte ihn gestört. Da hätte man auf einmal erfahren, dass es einen Antisemitismus gibt, dass er große Dimensionen angenommen hat, dass eine Judensrage, eine brennende und schmerzliche Judenfrage existiert, dass es Menschenpslicht ist, über ihre Lösung nachzudenken, und noch manches Andere, was man in Brünn bisher nicht gewusst hat, oder — die Liebedienerei thut ja oft Wunder — nicht gewusst haben will. Diese peinlichen Mittheilungen mussten den guten Brünnern erspart bleiben, schon im Interesse des Brünner Friedens. Holder Friede, süße Eintracht, weile, weile freundlich über dieser Stadt! O du amtlich geschützte, nie genug geschätzte, echte Brünner Ware! Georg Hirsrhfrld. Von Robert Jaffe. ' Die tiefen politischen und gesellschaftlichen Klüfte, die der neuerwachte Judenhass der europäischen Völker wieder aufgerissen hat, zeigten sich im literarischen und künstlerischen Leben immer am wenigsten noch. Wenn im socialen Leben ein Jude sich seiner Abstammung schämen und für etwas Anderes, als er wirklich war, erklären wollte, so mochte es eine beinahe lächerliche und verächtliche Selbsttäuschung sein; aber hier, vor schwärmender idealistischer Kunstbegeisterung, könnte in weichen Träumen auch ein ehrlicher Jude vergessen, was dort als harte Wirklichkeit starrte; und wohl konnte es dann die edelsten, künstlerisch begabten Juden, die von Zion wussten, dünken, als wäre die Kunst selber ein Zion, das allen vom Ahasvergefühl Niedergedrückten mit offenen Thoren eine Zuflucht biete. Hier konnte auch in der That die engste Innigkeit der Assimilation erreicht werden. Inniger als Börne, Felix Mendelsohn, Berthold Auerbach, Max Liebermann mochten sich andere Juden kaum jemals einem fremden Volksthum eingeschmolzen haben. Zum mindesten wohl für ihr eigenes Bewusstsein, welches bei den groß geschaffenen Naturen zumeist der Gährungsboden für zionistische Empfindungen ist; und so fühlten sie (und auch die Mosenthal, Hartmann und Frankl) sich immer und durchaus als Deuts ch e. Berthold Auerbach, der mit Ghettogeschichten begann und zeitlebens mit warmem Herzen am Judenthum hieng, vermied später doch alles, was an die Abstammung des Autors hätte erinnern können, mit geradezu ängstlicher Peinlichkeit. So ganz und gar fühlte er sich nach dem Erfolge seiner deutschenDorsgeschichten, wenn er schrieb, alsreinenDeutschen. Und Felix Mendelsohn ließ später gar eben diesem Berthold Auerbach, da er ihn wohl als Juden ansprach, eine empfindliche Zurückweisung zutheil werden. Dess erinnerte sich Auerbach, wie in den Briefen an seinen Vetter Jakob zu lesen ist, hernach als Richard Wagner's Broschüre vom Judenthum in der Musik erschienen war. Aber diese Schrift und dann nach der Reichsgründung etliche antisemitische Theater- und Lileraturbroschüren (Karl Emil Franzos, hieß es auch einmal in einer Schriftstellerversammlung, dürfe sich doch nicht einen deutschen Dichter nennen) blieben echolose Rufe in einem tiefen, sorgsam gehüteten Schweigen. Und als draußen heftige Agitationen schon die Unschuld im Verkehr zwischen Juden und Christen zu trüben anfiengen, und sie sich die Köpfe spalteten und Alles durcheinandergieng, blieb es in der Kunst doch durchaus beim Alten. Und als müsste es ewig so bleiben, erschien es. Grämliche zionistische Politiker nur behaupteten, wie sie in der Zeit der höchsten liberalen Begeisterung die spätere Reaction vorausgesagt hätten, so dürften sie jetzt auch prophezeien, dass man über kurz oder lang die Abstammung der jüdischen Künstler und Schriftsteller eindringlicher und schärfer betonen würde. So ist es nun freilich auch gekommen; aber gehässig nichr, sondern friedlich und freundlich, wie in der Politik die Judensrage durch den Zionismus immer hervorgehoben wird, ist im Gebiete der Kunst von innen heraus eine schärfere Hervorhebung des specifisch Jüdischen veranlasst worden durch die naturalistische Bewegung. Der Naturalismus, der im Gegensätze zu einer sogenannten idealistischen Literaturepoche die Poesie streng an den Erdboden und an die Wohnungen der Menschen bänd, führte naturgemäß auch zu einer deutlicheren Hervorhebung des Nationalen. Die einzelnen Völker nicht nur prägten ihre Eigenart und locale Besonderheit aus, sondern innerhalb jedes Volkes auch die einzelnen Stämme und Provinzen; und so verdrängte der Dialect die allgemeine Schriftsprache immer mehr, und die Poesie ward beinahe zur Ethnographie. Die einzelnen Stände sogar und Gesellschaftsclassen offenbarten in der Literatur ihre oft genug ganz ephemeren Besonderheiten. Da war es doch nur eine Forderung der Logik, dass jetzt bald auch die jüdischen Dichter, da sie sich dem Wirklichkeitssinn ihrer Zeit wohl kaum entziehen konnten, die Besonderheit ihres Volkes zur Darstellung brächten. Nun war aber die naturalistische Bewegung unseres Zeitalters mehr noch als etwas formal Aesthetisches. Denn sonst dürste sich der gute Pfarrer Albert Bitzius zum Beispiel, der als Jeremias Gotthels schrieb und ethnographisch localisierte, wie nur ein Moderner und darin auch schon ästhetisch sündigte, dass er nicht die geringste zufällige Wirklichkeit übersehen konnte, sonst würde der sich doch nicht gar so wunderlich ausnehmen neben den Zola, Tolstoi und Ibsen. Dieser moderne Naturalismus ist eben mehr als eine ästhetische Reaction gegen die abgeblasste Schemenhastigkeit der alten idealistischen Epigonenpoesie, derbe Erdgeruchkraft gegen wurzellose Phantastik und glatte formale Schönheit; er ist vor allem der Geist der strengsten Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Es würde ein jüdischer Dichter jetzt doch verschmähen, seine Modelle zu maskieren und in ein anderes Milieu zu Irans-