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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Clerkenwell Town Hall
Date
1898-03-04
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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.Pic^WdC Str. 9 mus, ärger wird es überall, und eine tiefste Entmuthigung muss jeden ernsten Juden ergreifeu, wenn er über die nächste sorgenschwere Stunde hinauszublicken versucht in die Zukunft seiner Kinder. Soll er sie dem Marranenthum zuführen, das ja nur dann eine Rettung ist, wenn wenige, nicht wenn viele dazu greifen? Soll er sie den tausendfachen Kränkungen ein Leben lang'aussetzen? Die Männer von Clexkenwell Town Hall geben auf diese Fragen Antwort, indem sie als ersten Zweck ihrer Zusammenkunft bestimmen: Die Kräftigung des nationalen Gedankens in Israel! Der nationale Gedanke. Wie schüchtern sprach man das vordem aus. Man fürchtete, sich einer tödtenden Lächerlichkeit auszusetzen, wenn man sich zur ältesten und wenigstens in alter Zeit ruhmvollsten der noch erhaltenen Nationen bekannte. Wir Zionisten haben das zu ändern begonnen. Noch zögert mancher, aber alle werden kommen, die Besten voran. Und wenn einmal ein solcher Zug angefangen hat, ist er unaufhaltsam. Neue Generationen, deren Jugend schon von diesem Ideal vergoldet worden, wachsen hinzu und treten mit fröhlicher Macht in die Bewegung ein. Die verdrossenen Alten, die Beschränkten und Engherzigen schließen sich selber aus und haben keinen Theil an dem, was ihr Trost und Stolz hätte werden können. Sehen wir heute, wie unsere jüdischen Gegner dastehen, will uns schon ein vorahnendes Mitleid erfassen. Ihre Prophezeiungen sind schon zu Schanden geworden, das eigene Volk wendet sich von ihnen ab, und selbst die Feinde der Juden haben vor den Zionisten mehr Achtung als vor den anderen. Unverkennbar ist übrigens die Wandlung, die auch in den Kreisen unserer jüdischen Gegner vorgeht. Woran erkennen wir die Macht einer Idee? Daran, dass sich niemand ihr entziehen kann, ob er sie bejahe oder verneine. Und es ist ein großes Ringen. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn." Plötzlich bemerken wir einen Umsprung im Tone des Streites. Auch die Gegner bedienen sich unserer Worte, berühmen sich unserer Absichten, und nun behaupten sie, die wahren Zionisten zu sein. So hat ja erst vor Kurzem ein Blatt, welches geradezu der Sammelort aller gegen uns gerichteten Tücken und Unwahrheiten war, dreist behauptet, es sei zionistischer als die Zionisten. Dergleichen ist einfach jämmerlich. Und man kämpft jetzt mit anderen Mitteln. Palästina sei nicht erstrebenswert, weil es dort neulich — geschneit habe. Als ob es nicht auch anderswo Frost oder Hitze gäbe. Im heiligen Lande sei eine Scharlach- oder Masernepidemie aüsgebrochen. Als ob nicht in jeder modernen und hochcültivierten Stadt fortwährend endemische und epidemische Krankheiten schwerster Art vorkämen. Und endlich: die schon rn Palästina ansässigen Juden befänden sich in großer Noth, sie müssten überall in der Welt um Almosen bitten. O, wir kennen diese Pestbeule der Bettelei gar wohl, und wir wollen ja auch diese heilen. Wir wollen keine Bettler im Lande unserer Väter haben, sondern Arbeiter, ehrliche, gesunde, glückliche und freie Arbeiter. Das Volk soll durch die Erde, die Erde durch das Volk besser werden. Die aber jetzt in London zu guter That zusammenkommen, mögen bedenken, dass sie etwas Vorbildliches wirken, und wenn der Geist der Einigkeit über ihrer Berathung schwebt, so wird die Spur dieses Tages nicht so bald erlöschen wie die Proteste und Kundgebungen unserer Gegner. Dann wird Clerkenwell Town Hall dauern im Gedächtnisse der Juden. Der zweite Zionistrn-Congress. Von besonderer Wichtigkeit sind die nachstehenden Zeitangaben, die man überall schon jetzt in Vormerkung zu nehmen und den Gesinnungsgenoffen mitzutheilen hat: Die Schekel-Listen werden am 1 5. Juni für den diesjährigen Eongress geschlossen. Nach Schluss der Listen werden diese in Druck gelegt und an die Schekelzahler versandt. Das wird am 1. Juli erfolgen. Bis 15. Juli werden Reclamationen gegen unrichtige Eintragungen :c. angenommen. Die Delegiertenwahlen müffen bis Ende Juli vollzogen sein. In der ersten Woche des Monats August sind die Delegierten dem Eongress-Bureau namhaft zu machen. Die beglaubigten Wahlprotokolle sind beizulegen. Me Woche. Wien, 3. März 1898. Es ist zwar im Augenblick ein wenig deplaciert, über die Macht der Juden in Frankreich warnende Betrachtungen anzustellen, dennoch geschieht es. Also die Verjudung hat in diesem wahrhaft bemitleidenswerten Lande solche'Fortschritte gemacht, dass sie die gesammte Aristokratie, alle leitenden Kreise ergriffen. Man höre und staune, und wenn man Lust hat, kann man sich auch freuen: Die vornehmsten französischen Adelsgeschlechter sind mit Judenverschwägert. Der Herzog von Grammont hat eine Jüdin geheiratet,derHerzogvonRichelieu,derPrinzdeLigne.derHerzog von Polignac und so geht es vom Herzog abwärts bis zum Marquis und bis zum Baron. Für den Kenner solcher Verschwägerungen sind diese Mischehen als einzelne elegante Assimilierungsfälle ziemlich belanglos. Da man sie in diesem ungeeigneten Momente jedoch mit besonderem Gewicht betont, möchten wir um die Herstellung eines Eausalnexus zwischen der „Verjudung" der Aristokratie und der jetzt herrschenden rückschrittlichen Bewegung der Judenmaffacres und der chic gewordenen Unduldsamkeit ersuchen. Die Juden sollen durch ihre vornehmen angeheirateten Sippen bedeutenden Einfluss erlangt haben. In der That, die Ereignisse des letzten Jahres haben gezeigt, wie leicht sie — nicht ihren Willen — nur ihr Recht durchzusetzen vermögen. „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der dich herausgeführt hat, aus Egypten, dem Lande der Knechtschaft!" Mit vielfacher schmerzlicher Beziehung mag dieser mehrere Jahrtausende alte Satz jetzt in Frankreich von den Juden gesprochen werden. Und diejenigen, die kein Verlangen tragen, die äußerste Noth und die Hast der ungesäuerten Brode abzuwarten, rüsten sich nun zu einem Exodus, — — „Gelobt seist Du Ewiger, mein Gott, der mich heraus geführt hat aus Egypten., ." In ihrer Sicherheit erschüttert, an ihren Freiheiten verkürzt, und am Leben bedroht, haben sichr wie.-es heißt, einige französische Juden entschlossen, nach Holland auszuwandern. Darunter nicht die kleinsten. Die Armen sind ja nicht so mobil, sie haben sich von jeher erst dann bemüssigt gesehen, die Scholle, an der sie kleben, zu verlassen, wenn ihre Zelte von Anderen abgebrochen wurden; sanft ist es dabei freilich nie zugegangen. So kehren sie jetzt einem Lande den Rücken, das seit hundert Jahren eine Freistätte für die Güter der ganzen Menschheit gewesen, einem Reiche, das einst an seine Pforten die Worte „Freiheit,- Gleichheit! Brüderlichkeit!" geschrieben. Bruder Drumont ist mit diesen Gefühlsduseleien nicht mehr einverstanden. Bruder Rochefort küsst den Bruder Droschkenkutscher, weil Bruder Droschenkutscher den Bruder Zola ins Wasser werfen will, Bruder Orleans küsst den Bruder Eßterhazy, und Bruder Eßterhazy hat versprochen, dass alle Juden todtgeschlagen werden sollen. Sardou, der mit seinen Dramen die Welt erobert hat, wie Zola mit seinen Romanen, liebt sein Vaterland und ist stolz darauf. Das ist übrigens eine Eigenschaft, die alle französischen Dichter besitzen, wenn sie hie und da auch

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