Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Article
- Eine Damenspende
- Date
- 1898-02-25
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315751-3357633--04573-3357700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 J*$war Nr. 8 Es ist eigentlich etwas ganz Natürliches, dass in dem kleinen Büchlein der Damenspende der „Unitas", nur wenige zu den sühllos Borwärts-Tappenden gehören. Sind es doch Dichter, die da zur Judenfrage sprechen. Die reagieren empfindlicher auf die Spannung der Lust. In früheren Jahrtausenden nannte man sie Propheten. Und es ist doch nur eine seinere Empfindlichkeit für die Vorgänge in der Atmosphäre. Wollte man von diesen Versen mit kalter Sonde den Blütenstaub abstreifen, und den prosaischen Gedaukeninhalt bloßlegen, man bekäme die nackten, grundlegenden Lehrsätze, auf denen sich folgerichtig ein Programm aufbaut. So wird die Erkenntnis unbewusst vom Spannungsgehalte der Zeit auf Bahnen geleitet, die zu einer bestimmten Formel führen-. obgleich der Erkennende sich gegen die Endformel sträubt. Z. B.: Fremde Sprache. Nächstenliebe, Menfchlichkeit, Lauten wohl ganz europäisch. Doch den Wühlern unsrer Zeit Klingen sie stets wie hebräisch. 2. Fritz. Aphorismen. Im eigenen Volke wurzeln, die anderen Nationen erkennen und lieben: das ist unsere Aufgabe. Der Weg nach Zion ist so weit, wie die Entfernung vom Kopf zum Herzen. H. A c>rk - S l e i n er. Warum die Juden mit einer Frage antwortenWar denn nicht ihre ganze Existenz zu allen Zeilen* eine große Frage? Die Juden brachten Licht in die Welt. Freilich mussten sie mitunter zu diesem Zwecke sogar den Scheiterhaufen besteigen. G u st a v E n g e l s in a n n. Epigrammatisches. Theodor Herzl. Ein Zionist? Packt ihn bei Kopf und Beinen! Sperrt ihn gefesselt bei Krafft-Ebing ein! In dieser Zeit, da wir uns selbst verneinen. Will er ein Jude, nichts als Jude sein. Judenstaat. Welch' holdes Spiel! Die dicken Negotianten Belächeln den Gedanken und die That, Und schmücken sich mit Sammet und Brillanten Zum Sonntagsflirt: Das ist ihr Judenstaat. Anton Lindner. Den Gegnern der zionistische» Verbindungen. Wohl gibt's auf Erden kein schön'res Streben, Als allen zu leben. Als in der Menschheit glorreichem Verein Weltbürger zu sein. Doch wer aus Reih' und Glied, Wenn ihn zum Streit die Ehre ruft Salbadernd flieht. Der ist ein Feigling oder Schuft. Wo geschossen wird, dort hat man nicht Sich des Gewehres zu entled'gen — Dort ist's des Kriegers einz'ge Pflicht Zurückzuschießen und nicht zu pred'gen. Juda. Damit die kostbare Perle entsteht. Muss die arme Muschel erkranken. So hat auch Juda dem Leid und der Nolh Tie herrlichsten Schätze zu danken. Mar Rin g. Im Eonccrt. Du bist wie eine Blume — Ein wundervoller Text, Das ist das Lied der Lieder, Das hat mich schier behext. Ich finde auf dem Programme Des Dichters Namen nicht; Es ist gewiss von Göthe, So deutsch, so tief, so schlicht. „Das Liedchen ist von Heine." Ein Jude macht das Lied? Jetzt find' ich's ganz abscheulich. Ich bin Antisemit. Julius Stettenheim. Seitab von der großen Heeresstraße der Oeffentlichkeit hat ein Stück modernes Judenthum sich ansgeseufzt, verhalten, schier verstohlen, damit niemand es höre. Es ist einer bei den Spöttern und Satirikern vorbeigegangen und im flüchtigen Vvrübergehen hat er sie gefragt, wie es ihrem Volke gehe. Da haben die Spötter leise gestöhnt — im Vorübergehen. Zwischen welken Blumen, Eotillonorden, buntem Flittertand wird das Büchlein in parfümierter Schatulle seinen Platz finden, und in späteren Jahren wird einmal eine Frauenhand die vergessene Schatulle wieder öffnen und die alten verstaubten Erinnerungen hervorholen. Es ist vielleicht gerade ein schwüler Sommernachmittag, selbst die Fühllvs-Tappenden werden schon die Nähe des befreienden Geschehnisses merken, und eine sinnende Frau wird in dem vergilbten Wetterbüchlein blättern, wo vor Jahren weitschaltende Dichter ihr Ahnen niederzeschrieben. Z. A. Der Jude in der Genoveva. Von S. LublinSki. Motto: Für jeden Stein in Zion will der Herr Ein Herz, das brach, und eine Wunde, die Nicht heilt und nicht verharrscht. Friedrich Hebbel, Genofeva, Act II, Scene 5. Friedrich Hebbel war darin ein echter Dramatiker, dass er sich nicht begnügte, nur die Schicksale einzelner, zufälliger Personen auf die Bühne zu bringen, um für deren Erlebnisse Furcht und Mitleid, zu erwecken. Er wollte zugleich die großen, ehernen, ewigen Gesetze offenbaren, welche alles Thun und Leiden der gesammten Menschheit bestimmen und manchmal ganz besonders deutlich auch durch das Einzelleben hindurchschimmern. Aber im Gegensätze zu Schiller, der sich durch den Anblick dieser ewigen Gesetze gar oft zu allgemeinen Reflexionen verleiten ließ und aus der Dichtung mit beiden Füßen in die Philosophie hinübersprang, hielt Hebbel daran fest, dass das einzig legitime Mittel des Dichters die Einzelgestalt wäre, die er aber so zu wählen und zu' führen hätte, dass sich in ihren Erlebnissen das Gesetz der ganzen Menschheit wiederspiegele. In Erfindung solcher Gestalten war er immer außerordentlich glücklich — ich erinnere nur an den blinden Daniel und seinen Bruder Affad in der Judith. Oder man lese in „Herodes und Mariamne" das Geschwätz des Hofschranzen Artaxerxes nach, und man wird staunen, wie wunderbar der Meister es verstanden hat, durch das winzige Medium einer Bedientenseele in die dunkelsten Tiefen des altasiatischen, menschenschänderischen Despotismus hineinschauen zu lassen. Friedrich Schiller hätte sich in einem solchen Falle wahrscheinlich in hohem Pathos und leidenschaftlichen Reflexionen ergangen, die wohl aus der Seele des Dichters, nicht aber der Personen seines Dramas herausgeflossen wären. Wenigstens in dieser Hinsicht bedeutet Friedrich Hebbel einen erheblichen Fortschritt gegenüber seinem großen Vorgänger, und das moderne deutsche Drama thut Recht daran, sich auf ihn als einen seiner Pathen zu berufen. Freilich steht diesem Vorzug sofort eine sehr bedenkliche Schwäche gegenüber, die wohl die Hauptschuld daran trägt, dass sich dieser große Poet nicht die Massen seines Volkes erobern konnte. Es gelang ihm in den seltensten Fällen, seine echt dramatischen Gestalten auch in die geschlossene dramatische Handlung zu verweben. Sie sind daher zumeist Episodenfiguren, die doch für eine bloße Episode viel zu bedeutungsvoll erscheinen. Der unbefangene Zuschauer und Leser ahnt alles Mögliche, wittert Geheimnisse und weiß doch nicht, was er mit dieser Fülle