Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Article
- Religionswechsel
- Date
- 1898-02-25
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 jvk&m jüdischen Justizrathes in der Provinz, die bereits getauft war, wegen der Heirat mit einem jüdischen Baumeister zum Judenthum zurückkehrte. Die Zahl der Kinder jüdischer Eltern, die bald nach der Geburt getauft werden und am Religions-Unterricht in der Schule theilnehmen, nimmt stetig zu." Reminiseenz. Das Grazer „Volksblatt" bringt folgende Reminiscenz: Dem weiland Ministerpräsidenten Grafen Taaffe wurde von befreundeter Seite ein Journalist für das Pressbureau empfohlen mit der Motivierung, er werde an demselben einen „ehrlichen Mann" haben. Graf Taaffe beschied den Mann zu sich und sagte demselben nach einer Unterredung in seiner bekannten offenen Weise: „Ja, ich wäre allerdings froh, Sie im Pressbureau zu haben, aber Sie würden es unter diesen Inden sicherlich nicht aushalten. Aus dem deutschen Reichstage. Die Budgetcommiffion berieth am 13. Februar über das Ordinarium des Militäretats. Nach einer Mittheilung an die Commission beträgt der Fehlbetrag an Officieren in der Armee 4 Percent. An Affistenzärzten fehlen 67 Percent der etatsmäßigen Zahl. Dazu bemerkte Abgeordneter Bebel, dass dieser Fehlbetrag darauf zurückzuführen sei, dass grundsätzlich jüdische Aerzte zu diesen Stellen nicht zugelaffen werden. Derselbe Abgeordnete berichtet in der Sitzung vom 19. Februar folgendes: „Ich habe hier eine Mittheilung über einen Vorgang, der sich im 81. Infanterieregimente abgespielt hat. Tort sagte der Hauptmann der 7. Compagnie von Halbe bei einer Exercierübung zu einem jüdischen Soldaten: „Sie verfluchter Judenitzig, halten Sie Ihr Maul, sonst sperre ich Sie auf drei Tage ein." Und ein Lieutenant sagte: „Jude und Socialdemokrat ist ein und dasselbe. Ihr dürft mit keinen von beiden verkehren, denn es sind lauter Schufte und Lumpen." Dem israelitischen Unterstützungsverein in Hamburg, welcher namentlich auch fiir die Unterstützung jüdischer Auswanderer aus Russland sorgt, wurde vom Centralcomite eine Spende von 5000 Mark bewilligt. Ter Verein hat im Jahre 1897 in der Auswandererhalle am Anrerikaquai 23.000 Speiseportionen an dürftige Auswanderer vertheilt. Man kann daraus beiläuffg schließen, in welch' schrecklicher Nothlage sich die Auswanderer bereits in Hamburg befinden, und was ihnen bevorsteht, wenn sie in das neue Land kommen, dessen Sprache ihnen meist ganz fremd ist. Die jüdische Ackerbauschule i» Ahlem. Die hiesige jüdische Ackerbauschule, die vor wenigen Jahren durch die Munificenz des Consuls Simon gegründet wurde, macht große Fortschritte und zählt zur Zeit etwa 75 Schüler. Jüngst traf nun ein Brief von der „Alliance Israeliie Universelle-' ein, dass sie die 15 bis 20 Schüler, die sie alljährlich von Russland in die landwirtschaftliche Schule von Mikweh-Jsracl zu schicken gedenkt, von jetzt ab nach Möglichkeit aus den russischen Schülern von Ahlem auswählen will. Dieser Gedanke geht von Herrn Narciffe Lven aus und hat zugleich den Vortheil, den Leitern der Anstalt einen Theil der Sorgen um die Zukunft ihrer Zöglinge zu benehmen. Es besteht die Absicht, schon zum Pessachfeste 10 bis 12 Schüler nach Palästina zu überweisen, und zwar solche aus Russland. Als der Director Herr Silberberg den Knaben diese Mittheilung machte, meldeten sich sofort 10 Zöglinge fteiwillig und blieben bei ihrer Bitte, obwohl der zufällig anwesende Dr. Loewe ihnen alle Mühen und Beschwerden, die ihrer in Palästina harrten, in scharfer Weise vorhielt. Unter ihnen sind auch zwei Oesterreicher. Die Ahlemische Schule verdient unter ihrer jetzigen Leitung die vollste Anerkennung jedes stammestreuen Juden. Die Chalukah. Wie man dem „Jewish World14 schreibt, lassen die Dinge in Jerusalem sehr viel zu wünschen übrig, und die Ursache des Uebels liegt in erster Reihe, in der Misswirtschaft, die mit der Chalukah getrieben wird. Nicht als ob gegen die Rabbiner dadurch ein Borwurf erhoben würde: durchaus nicht. Der Chacham Baschi hat mit der Chalukah nichts 5u_ schaffen, und der Rabbi Salaet, dem so viele tausend Pftmd geschickt werden, ist achtzigjährig und blind. Aber es bedarf eines Aufsichtsrathes, eines Comites von zweifelloser Ehrlichkeit und erprobter Tüchtigkeit. Augenblicklich ist die Misswirtschaft eine derartige, dass man zögern muss, Geld nach Jerusalem zu schicken, ohne früher die genauesten Erkundigungen über den Zweck der Spenden einzuziehen. Die Anglo Jewish Association erlässt einen Aufruf, in welchem sie um Spenden zur Linderung der entsetzlichen Hungersnoth der Juden in Marokko bittet. Tie Stadt Marokko wird von 12.000 Juden bewohnt, von denen der größte Theil durch die schlechten Ernten der letzten Jahre halb verhungert ist. Der ttaurige Zustand der jüdischen Bevölkerung Marokkos hat sich dazu noch in der jüngsten Zeit durch die Einwanderung von Juden aus den benachbarten kleinen Städten, welche häufigen Plünderungen und Brandschatzungen ausgesetzt waren, verschlimmert. Diese Eingewanderten campieren mit Weib und Kind unter fteiem Himmel, und viele von ihnen sind bereits buchstäblich Hungers gestorben. Wasserversorgung im alten Jerusalem. Auf manche Anfragen hin, die wir erhielten, theileit wir mit, dass der in Nummer 7 enthaltene Artikel keineswegs dem Wortlaut des Vorttages entspricht, sondern nur ein kurzes Resume darstelleu soll. Personalnachricht. Die Herren S. Gutmann und I. Bergmann, unsere wackeren Gesinnungsgenossen, welche mit einstimmiger Auszeichnung ihr Doctorexamen absolvierten, promovierten am 16. Februar a. c. an der Wiener Universität zu Toctoren der Philosophie. -g* Der zweite Zionisten-Congress in Basel. Auf mehrfache Anfragen theilen wir mit, dass in Basel am Samstag, 27. Äugust, gleichwie im Vorjahre, nur Vorbesprechungen stattfinden sollen; die- Congressverhandlungen beginnen wieder Sonntag Morgen, d. h. am 28. August. Mr riomMk Kemgimg. Spenden für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. C. Kokcsch, Hof- und Gerichts-Advocaten in Wien. I., Singer straffe 25, zu senden. Die jüdische Colonialbank. Seit 'der Publicalion unserer ersten Mittheilungen über die geplante jüdische Colonialbank sind die Vorarbeiten um ein gutes Stück weiter gediehen. Wir freuen uns, constaticren zu können, dass der Plan, ein zureichendes financiellcs Instrument für die Bedürfnisse unserer großen Bewegung zu schaffen, in weilet! Kreisen sympathischem Verständnis begegnet ist. Selbst Solche, die der politischen Seite unserer Bewegung bisher kühl gegenüberstanden, begreisen, dass die Schaffung diescr Bank einen wesentlichen Schritt nach vorwärts bevcuten wird. Ein Vertreter des Wiener Comites wird sich Ende dieses Monats nach London begeben, urn mit dortigen Persönlichkeiten Rücksprache zu pflegen. Mittlerweile sind auch schon von sehr entfernten Punkten Kundgebungen eingelaufen, aus denen hervorgeht, wie man sich überall für das Zustandekommen der Bank interessiert. Unter den besonders charakteristischen Zuschriften befindet sich beispielsweise die einer Subscribentengruppe aus Südafrika. In diesem, dem Bankcomitö übergebenen Schreiben wird darauf aufmerksam gemacht, dass die südafrikanischen Subscribenten wegen der Entfernung und de? langen Brieflaufes zu spät kommen könnten, und die Absender bitten schon jetzt, ihnen eine 'Anzahl Shares zu reservieren. — Aehnliche Zuschriften liegen übrigens auch aus Amerika und Russland vor. Hoffzu-Aszo (Ungarn). Der Zionismus macht hier im Gegensatz zu anderen Ländern einen umgekehrten Weg. Tie Hauptstadt und die größeren Städte verhalten sich direct feindlich, während die kleineren Orte bei richtiger Agitation fast durchwegs für den Zionismus gewonnen werden können. In unserer Stadt constituierte sich am r>. Februar eine zionistische Ortsgruppe, von der hervorgehoben zu werden verdient, dass sie streng aus den Beschlüssen des Baseler Eongresses fußt. Wann werden die Budapester Juden einsehen, dass der Zionismus nichts anderes ist, als die Concentration der Juden? Wenn ihnen die verschiedenen „Alliancen" und die Gemeindebunde, die doch nichts anderes bedeuten, als eine ziemlich schlechte und mangelhafte Organisation, nichts geschadet haben, warum sollte ihnen dann der Zionismus Abbruch thun?