Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Article
- Belgrader Brief
- Date
- 1898-02-25
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- 8 «Plt^WÄT und Stiel auszurotten und bulgarische, respective serbische Cultur in die breiten Schichten der Judenheit zu verpflanzen. Nur innerhalb unserer Kirche (sic!) dürfen wir Juden fein, sonst aber sind wir gute patriotische Serben, gute patriotische Bulgaren. So ungefähr denken und predigen jugendliche assimilatorische Stürmer hier wie in Bulgarien. Es gibt nun sehr viele besonnene Juden von Lebenserfahrung, welche zu dieser für sie neuartigen Bewegung bedenklich den Kops schütteln und sich fragen, ob denn der wahre, echte Patriotismus so laut und ostentativ ausgeschrien werden müsse! Diese Leute haben sich immer als Serben oder Bulgaren gefühlt; sie sind sich bewusst, ihre Pflichten als gute, tüchtige Staatsbürger erfüllt zu haben, und niemand hat sie der spanischen Sprache oder gar ihrer jüdischen Lebensweise wegen des Mangels an Patriotismus geziehen. Es ist wohl richtig, dass die älteren Leute die Landessprache nicht nach allen Regeln der Grammatik beherrschen, allein der Grund dafür ist nicht so sehr das spanische Idiom als vielmehr der Umstand, dass ihnen die serbischen und bulgarischen Schulen versperrt waren. Den besten Beweis, dass es jetzt anders ist, bieten eben die jugendlichen Assimilanten selbst, welche so viel und pathetisch über Patriotismus declamieren und die Landessprache gut kennen, trotzdem sie nebstbei auch spanisch sprechen. Und hat eine durch glorreiche Geschichte und Tradition geheiligte Sprache so wenig Wert in den Augen unserer Jungen, dass sie sich ihrer wie eines häßlichen Lasters ä iout prix entledigen wollen! Ist dieses unser Idiom nicht vielmehr als ein wichtiges, starkes Bindemittel zwischen den auf der Balkanhalbinsel und längs der beiden Küsten des Mittelländischen Meeres verstreuten Juden von uns wie ein kostbarer Schatz zu hüten und zu pflegen! Oder glauben diese jugendlichen Heißsporne wirklich und ehrlich, dass wir Juden einen guten Tausch machen würden, wenn wir die schönen jüdischen Sitten und Gebräuche ausgeben, nur um uns auch äußerlich den christlichen Mitbürgern anzupasien! Pessimisten gehen in ihrer Besorgnis noch weiter und sagen unter Hinweis auf die traurigen Ereignisse in Frankreich, Oesterreich und Rumänien voraus, dass der Hass gegen uns Juden auch in den Balkanländern umso sicherer und gewaltsamer zum Durchbruche kommen müsie, je mehr wir die nichtjüdischen Mitbürger nachäffen werden. Die affimilatorische Strömung hat in Belgrad, so jung und unausgewachsen sie noch ist, jetzt schon eine Missgeburt .zur Welt gebracht, welche jedem gesitteten Menschen Abscheu einflößen muss und nicht verfehlen kann, die ganze Agitation zu discreditieren. Es ist dies ein jüdischer Student, welcher sich das Vergnügen nicht versagen kann, alles was jüdisch ist, in unfläthiger Weise durch die Zeitungen zu beschimpfen und mir Koth zu bewerfen. Er stand anfangs an der Spitze der Assimilanten, war einer ihrer Führer, wurde aber hernach als eniant lerrible desavouiert und vor die Thüre gesetzt. Jetzt treibt dieser Mensch eine schmutzige Presscampagne gegen den Zionismus, gegen die hiesige Cnltusgemeinde, gegen Gottesdienst und Religionsunterricht, von einzelnen angesehenen Personen gar nicht zu reden, die ihm missliebig sind, und welche er brutal beschimpft. So oft innerhalb der Judenheit irgend etwas geschieht oder geplant wird, kann man mit Sicherheit daraus rechnen, dass am nächsten Tage in einem Fünf Centimes- Blättchen ein mit pikanten und perfiden Entstellungen ansgeschmücktes Tenunciariönchen darüber zu lesen sein wird. Er hetzt förmlich gegen die Juden auf, klagt sie der Vaterlandslosigkeit an und verlangt vom Cultusminister nnd den Behörden Repressalien gegen die Juden. Diesem Franctireur der Journalistik ist kein Mittel zu schlecht, kein Ausdruck zu unfläthig, um den Antisemitismus in diesem Lande wachzurufen. Und dieser Mensch hat es auf dem Gewissen, dass in Belgrad das zionistische Localcomitä noch nicht gegründet wurde, vielleicht schwer zustande kommen wird. Er hat über den Zionismus soviel haarsträubenden Blödsinn geschrieben und diejenigen, welche diese heilige Sache hier fördern wollten, mit solcher verlogener Bosheit öffentlich, denunciert, dass viele hiesige Zeitungen aufmerksam wurden und in die Discussion eingreifen zu müffen glaubten. Unter diesen Umständen und in Berücksichtigung der anderweitig hervortretenden beunruhigenden Symptome hat man es für rathsam gehalten, von der Bildung eines zionistischen Verbandes einstweilen abzusehen. Es liegt uns fern, die jungen Leute, welche uns mit der Assimilation beglücken möchten, für das Treiben eines einzigen Individuums verantwortlich zu machen, trotzdem dasselbe aus ihren Reihen hervorgegangen ist. Weil wir aber an ihre bona lick es glauben, müffen wir den ernsten und tiefempfundenen Rath an sie richten, von ihren destructiven Tendenzen und Bestrebungen abzustehen. Tie Assimilation taugt für uns Juden nicht. Diese Grundlehre sollten unsere Glaubensgenoffen aller Länder endlich denn doch aus der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Lebens deducieren. Gebt unserem Volke echte, wahre Cultur; führet es auf den Weg zum wirklichen Fortschritte, aber lasset ihm seine Traditionen, rühret nicht an seine Sprache, an seine jüdischen Sitten und Gewohnheiten. Das eine schließt das andere keinesfalls aus. Der Dadidsthurrn Südlich vonr Jaffathor Jerusalems steht die Citadelle. Sie ist ein Rest vom Palaste des Herodes. Flavius Josephus hat den Palast mit glänzenden Farben beschrieben. Wir erfahren, dass er „ganz umgeben war von einer dreißig Ellen hohen Mauer, auf der in--regelmäßigen Zwischenräumen reichverzierte Thürme standen, und dass sich in ihm Festhallen von ungeheurer Größe und zahllose, reich ausgeschmückte Gemächer befanden." Die erwähnten Thürme wurden aus weißen Quadern von ungewöhnlicher Größe erbaut, die „so sorgfältig an und übereinander gefügt waren, dass jeder Thurm wie ein einziges, riesiges Felsstück aussah." Als Titus Jerusalem zerstörte, ließ er die Thürme stehen, damit sie der römischen Besatzung zum Schutze dienten. Ein mehr als zehn Meter hoher Schutt deckt heute die Reste des Palastes. Nur zwei der Thürme, Phasael und Hippicus, lassen sich jetzt noch in den Werken der Citadelle erkennen. Die Beschreibung, die Josephus vom Thürme Phasael gibt, passt recht gut aus den Davidsthurm. Den Unterbau bildet eine feste Böschungsmauer, die sich schräg geneigt aus der Tiefe des Grabens erhebt. und der Hippicus. Hinter der Brustwehr oben befindet sich ein schmaler Gang. Ueber diesem Unterbau erhebt sich der stattliche Thurm in einer Höhe von ungefähr dreißig Metern. Er trägt einen Oberbau. Die Böschungsmauer blieb an manchen Stellen in ihrem alten Zustand erhalten-.- Die- Stirnflächen der Steine sind' mit bewunderungswürdiger Feinheit bearbeitet, und das Ganze hat eine Fläche von solcher Glätte gebildet. dass es wohl unübersteigbar gewesen sein' muss. Das Mauerwerk des Thurmes selbst ist roh. Der Oberbau umfasst verschiedene Gemächer. In einem der Zimmer bezeichnet ein „Mihrab" die Stelle, wo David seine Psalmen verfasst haben soll. Ein anderes Gemach wird als Empfangssaal Davidsbezeichnet. Als Jerusalem von den Kreuzfahrern eingenommen wurde, war der Davidsthurm das letzte Bollwerk, das sich ergab, und als im 13. Jahrhundert die Stadtmauern von den Muslemin zerstört wurden, blieb der Davidsthurm, wahrscheinlich wegen seinerunerhörten Festigkeit, unberührt. Bom Davidsthurm aus genießt man eine weite Aussicht über die ganze Stadt, den Oelberg, das todte Meer und die Berge von Moab.