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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
Die jüdische Presse und der Zionismus
Date
1898-02-25
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 jüdischen Journalisten, die für jüdische Blätter arbeiten, zumeist Anti-Zionisten sind und entsetzt aufschreien: „Mission", „Gefahr", „Assimilation" u. s. w. Der Engländer sagt zwar: „Jedermann hat seine Meinung." Aber jede Meinung muss consequent sein — Worte und Thaten müssen sich decken. Der wichligsle Grundsatz des Zionismus ist, dass die Juden eine Nation sind. Unsere Gegner aber behaupten, wir seien nur eine „Religionsgenossenschaft" — eine „Secte" würde Mr. Claude Montefiore sagen. Allein die Ansichten eines jeden Volkes sind in seiner Presse niedergelegt — im Guten oder Bösen bleibt eine Zeitung eine Stimme der Nation. „Die Juden" sagen nun die leitenden Artikel der Judenblätter „sind keine Nation. Aber jede folgende Seite appelliert an die nationalen Jnstincte Israels. Das kann ich durch eine langjährige Praxis bestätigen. Seit den sieben Jahren, da ich alle Judenblätter Englands, Amerikas, Oesterreichs, Deutschlands, Hollands, Frankreichs, Australiens u. s. w. allwöchentlich lese, bin ich zur Ueberzeugnng gelangt, dass die antinationale Haltung dieser Blätter mit dem Inhalte der meisten von ihnen nicht übereinstimmt. Wollen wir sehen. Wenn die Juden wirklich eine Secte oder religiöse Gruppe wären, müssten sich die jüdischen Blätter mit religiösen Fragen beschäftigen — die Synagoge und der Kahal wären ihre einzige Domäne. Wir haben in England einige solche religiöse christliche Blätter und auch in Amerika können wir sie finden. Allein in der jüdischen Journalistik ist mir nur ein solches Blatt bekannt: rTlie Reform Advocate“ in Chicago, der den Interessen der „Reformjuden" dient. In diesem Blatte schrieb auch jüngst Dr. Schreiber, dass ein jüdisches Blatt mit den socialen und politischen Angelegenheiten der Juden aller Länder nichts zu thun habe. Das ist wenigstens consequent. Es erinnert mich an einen Theaterdirector in Paris, der, als man ihm eine Rechnung für Katzenfutter vorlegte, meinte: „Wenn es hier keine Ratten gibt, wozu die Katzen: und gibt es wieder Ratten, wozu das Futter?" Wenn es keine jüdische Natton gibt, warum füllen die jüdischen Blätter ihre Spalten mit Neuigkeiten nationaler Natur aus, und besteht wiederum die Natton, warum leugnen sie deren Existenz? Die! ganze Bedeutung eines Blattes besteht doch darin, dass es ein specifisches Jntereffe befriedigt. Hier finde ich beispielsweise den „Jewish Chronicle", der seine vierzig Seiten mit allerlei politischen und socialen Jnformattonen über die Juden von China bis Peru ausfüllt, und kein einziger Artikel darunter beschäftigt sich mit einer religiösen Frage. Und der orthodoxe „Mainzer Israelit" oder die resormsüchtige „Allgemeine Zeitung des Judenrhums!" Wie kommt es, dass diese antinationalen Blätter ihre Spalten in erster Reihe politischen oder socialen Jnformattonen öffnen. Bei den hebräisch, jüdisch oder polnisch geschriebenen Blättern ist es ähnlich. Woher kommt das? Woher, wenn nicht von der Sorge um das Wohl der Station, oder, wenn Sie lieber wollen, des Volkes? Ein Mann, den ich meinen Führer im Beriffe nennen möchte, sagte mir einmal: „Es gibt in allem einen jüdischen Gesichtsvunkt." Das ist nicht nur wahr, sondern gerade das macht die Jndenblärter zu dem, was sie sind, zu den eigenarrigstcn Blättern unter der Sonne. Ist dies richtig, dann entbehrt auch die Haltung der Herausgeber jüdischer Blätter ganz der Logik und Begründung. Zudem würde ein religiöses Blatt nur wenig gelesen werden. Wenn es keine Clarion gibt, so gibt es keine nationalen Angelegenheiten und zwischen den orthodoxen und reformierten Gemeinden würde gar keine Verbindung bestehen. Solche Verbindungen wären übrigens unpraktisch, und wenn praktisch, dann nutzlos. Indische Gemeinden werden ja zumeist von Männern geleiter, die religiöse Bedürsnisse nach finanziellen Möglichkeiten befriedigen. Und nun, wieso kommt es dennoch, dass diejenigen den Ideen, Gefühlen, Gewohnheiten der Natton ihre Aufmerksamkeit schenken, die deren Existenz in der heftigsten Weise bekämpfen? Wir fragen und finden keine Antwort. & Ungarische Zeikungsstinnnen. Bon den klerikalen Blättern, die auch in Ungarn nur Hass und Verleumdung gegen die Juden ansftreuen, sowie auch von den nicht-magyarischen gehässigen Journalen soll hier nicht die Rede sein. Aber auffallend muss es, besonders dem Ausländer, erscheinen, dass die Organe eines Flügels der äußersten Linken, also radikal-freisinnig sein sollende, und der National- (Apponyi)-Partei in Wort und Bild unaufhörlich theils halbversteckten, theils offenen Antisemitismus cultivieren. Dies beweist die Haltung der Tagesblätter „Ellenszök", „Magyarorszäg", „Budäpesti Hirlap" und des illustrierten Wochenblattes „Kakas Märton" dem Pariser Sensationsprozess gegenüber. Da werden Zola und seine Anhänger verkleinert, geschmäht und verdächtigt, während Boisdeffre als Künder der reinsten Wahrheit und Eßterhazy als makellos gefeiert werden. Wer „Budäpesti Hirlap" vom 10. Februar d. I. nicht gelesen hat, möchte es nicht glauben, dass, während dessen Specialcorrespondent entschieden gegen Zola schreibt und dessen Berurtheilung schadenfroh prophezeit, an anderer Stelle desselben Blattes und derselben Nummer ein Leitartikel den schwankenden Versuch macht, unparteiisch zu sein und Zola zu verherrlichen. Aber weil es ihm nicht vom Herzen kommt, will ihm das unbequeme Unternehmen nicht gelingen, was folgende Stellen bezeugen: „Kann Derjenige unschuldig sein, in dessen Affaire die zwei vornehmsten französischen Militärgerichte gleichmäßig geurtheilt haben?. Und die Art und Weise, wie die Gönner Dreyfus' die Frage mit Hilfe ungeheurer Geldbeträge in Frankreich, besonders aber in den übrigen Theilen Europas administriert haben, hat diese odiose Auffassung gar sehr genährt. Uns wird voraussichtlich auch der Zola-Prozess kein Licht in die Mysterien bringen." Nach weiterem Augenverdrehen schwingt sich der vornehme Leitartikler zu folgender wohlfeiler Tapferkeit empor: „Wenn ich Dreyfus wäre, ich würde vielleicht lieber unschuldig die Feffeln und die Schmach des Verbrechens ertragen, als durch die Aufstöberung meiner Angelegenheit die Republik und deren Führer als Opfer der obigen schändlichen Machinattonen Hinzuwersen. Als Casimir Perier hätte auch ich vor den Geschwornen nur so viel esagt: Aus constitutioneller Rücksicht vermag ich nicht die Wahreit in vollem Umfange zu sagen." Aus solchen Zeitungsstimmen und Stimmungen möge sich der denkende Jude ein Bild zurechtlegen, wie es beiläufig einem — ungarischen Dreyfus ergehen würde. Aber ein jüdisches Blatt wirft der „Welt" vor, jeder Gelegenheit förmlich nachzuspüren, um mit einem gewissen Behagen die Lage der Juden .auch in Ungarn prekär darzustellen. | Jenes ungarisch-jüdische Blatt (das die zahmsten Zionisten als Vaterlandsverräther denunciert) gibt vor, mit seiner Vogelstrauß-Taktik dem Vaterlande zu dienen. Als ob Ungarn mit Brettern verschlagen und von der großen Welt unbeachtet wäre. Als ob man nicht ehrlicher und erfolgreicher dem Vaterlande dient, wenn man die Missstände aufdeckt und Besserung sucht. Andererseits ist es doch Pflicht eines jüdischen Weltblattes, ein möglichst vollständiges Bild über die Lage aller Juden zu entwerfen, da es sonst geschehen könnte, dass z. B. Ungarn als Juden- Eldorado verschrien und von Schwärmen unglücklicher Juden anderer Länder überfluthet würde, was unseren Assimilanten und Simulanten wiederum recht unangenehm werden könnte. D r. I. R «'> n a i. Äk Belgrader Brief. Belgrad im Februar. Die Inden der kleinen Orientstaaren haben Assimilationsgelüste. Jnnge Leute wollen auch von dem Tranke naschen, welchen ihre Racenbrüdcr im Westen Europas seit 1780, 1848 oder seit 1807 so gierig geschlürft, dass er ihnen jetzt einen desperaten Katzenjammer verursacht. Tie spanischen Juden in Bulgarien und Serbien sollen nicht mehr Inden genannt werden, denn dieses Wort ist verpönt, sondern höchstens noch „Serben mosaischer Consession" und „Bulgaren mosaischer Confession." Weg mit allem, was jüdisch an ihnen ist, weg mit den separatistischen Sitten und Gebräuchen; in den Plunderkästen mit der spanischen Sprache, mit dieser „Mundart unserer grimmigsten Feinde und Verfolger." Sie sollen serbisch-national, respective bulgarisch-national fühlen und denken, in allem und jedem ihren christlichen Brüdern gleichen. Nur die Sprache ihres Landes sollen sie erlernen und diese allein darf von nun an zuhause und auf der Straße, im Tempel und bei Geselligkeiten in Gebrauch kommen. Es werden Vereine und Verbindungen mit Statuten von drakonischer Strenge creirt, welche ausschließlich den Zweck haben, das spanische Idiom mit Stumpf

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