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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-02-25
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 JPk^WdC Seite 3 kämpfen wollten, für sich angeboten. Umsonst alle die friedfertigen, verdienstlichen und opferwilligen Leistungen, der Hass ist geblieben und hat die „Untauglichen" oft genug an den Rand des Verderbens gedrängt. Umsonst vergeudet war die kostspieligste und mit unermüdlicher Pünktlichkeit entrichtete Krüppelsteuer, die Assimilation. Die Verfolgungen sind nur umso grausamer geworden, je wehrloser man sich zeigte. Den Juden in Paris droht eine große Gefahr. Es braucht nur irgendwo, in irgend einer Vorstadt ein Mädchen zu verschwinden, oder die Leute, die ein Interesse daran haben, brauchen sie nur zu verstecken, und man wird glauben, worüber die wenigen Besonnenen heute noch lächeln. Es ist nämlich angekündigt worden, dass die Juden zum Purimfest ein Christemnädchen schlachten wollen, damit — Dreyfus frei werde. Tie Juden sollen also dem Christenblut eine wunderbare Wirkung auf den Gang der Gerechtigkeit zutrauen. Es liegt eine Art von teuflischem Humor in dieser neuesten albernen und doch so gefährlichen Beschuldigung. Es ist eine sonderbare Welt, in der wir leben. Wir bringen alles hübsch in ein System und verfahren nach der Ordnung. Auch die Plünderung wird organisiert, erhält ihren Impresario, wird „gemanaget". Der erfolgreiche Regisseur des Judenmassacre in Algier ist nach Paris berufen worden, weil es sein kann, dass man dort aus seine bewährte Kraft reflectieren wird. Kommt es dazu, und erringt Herr Rögis auch in Paris den nämlichen sensationellen Erfolg, wie in Algier, was bei der augenblicklichen Stimmung zu erwarten ist, dann werden ihm Anträge aus allen Ländern zugehen, und vielleicht liest man einmal in den Zeitungen: Herr R6gis tritt, einem ehrenvollen Ruse folgend, demnächst eine Tournee durch die hervorragendsten Städte Europa's an. Walsin-Eßterhazy ist einFeldherrn-Talent erstenRanges. Seine Qualitäten als Officier können wegen mangelnder Leistungen natürlich nicht beurtheilt werden, aber im Kamps um seine Eristenz hat er eine grandiose Geschicklichkeit bewiesen. Vor wenigen Monaten noch eine dunkle Existenz, ist er jetzt, seit es bekannt wurde, dass er der bezahlte Liebhaber verschiedener Frauen war, dass er Trinkgelder von reichen Juden zu erschleichen suchte, dass er der Verfasser desBordereaus, und der ,LNetathesisbriefe" ist, bedeutend im Ansehen gestiegen. Vor Kurzem noch als ein defecter Ehrenmann mit nicht ganz zimmerreiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nothdürftig vegetierend, ist er heute aus diesen Eigenschaften heraus zu einem Factor im Staat geworden, der erklärt, dass er sich an die Spitze von Paris stellen wolle, wenn es gilt, das „Syndicat" in's Wasser zu werfen. Er wird porträtiert, interviewt, man reißt sich um seine Autogramme, obwohl er etwa des öfteren in Calamitäten geräth durch seine Handschrift, und der Prinz von Orleans küsst ihn auf die Stirne. Er hat also eine glänzende Carriere vor sich. In alten Zeiten hat man, um großes Blutvergießen zu vermeiden, manchmal ganze Schlachten durch Einzelkämpfe vor der Front entschieden. Auch jetzt gibt es solche Einzelkämpfe. Ein^Einzelner wird aus der verhassten Schaar herausgegriffen, und an ihm ein furchtbares Erempel statuiert. Er wird niedergemetzelt, geopfert, aber sein schreckliches Schicksal entscheidet den Ausgang des Kampfes nicht. Auch das Blutvergießen wird nicht verhindert. Man rauft in kleinen Gruppen, aber mau rauft überall, in jedem Winkel der Erde. In alten Zeiten aber hat man trotz Krieg und Hass das fremde Unglück geehrt. Unglück war eben immer ehrwürdig, und auch die Barbaren haben es nicht verspottet. Die Spanier hassen jetzt die Amerikaner. Ein amerikanisches schiff geht durch ein Unglück unter, hunderte von Menschen büßen in qualvoller Weise ihr Leben ein — in Spanien aber werden aus diesem festlichen Anlass einige Städte beflaggt. Mit Theilnahme lesen die menschlich Empfindenden überall von der tödtlichen Katastrophe, in Spanien aber werden Freudenfeuer angezündet, man brennt Raketen ab, veranstaltet Volksbelustigungen und öffentliche Bälle. Vielleicht greift Rochefort oder Eßterhazy diesen neuen Brauch aus und arrangieren alljährlich bei der Wiederkehr des Verurtheilungstages von Dreyfus eine große nationale Feier, „unter gefälliger Mitwirkung des Herrn Rägis aus Algier". Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Redacteur! Aus Grund des § 19 P.-G. ersuche ich um Ausnahme der Berichtigung, der in Nummer 5 vom 4. Februar 1898 der „Welt" erschienenen, von H. gefertigten Erklärung. Es ist unwahr, dass ich mit gefälliger Miene mich an Herrn Dr. Theodor Herzl herandrängte; wahr ist, dass ich den genannten Herrn persönlich nicht kenne, und keine Anstalt machte, eine solche Bekanntschaft herbeizusühren. Es ist unwahr, dass ich behauptet hätte, H. hätte meine Einladung zu einer Besprechung mit Dr. Karpeles in Berlin angenommen; wahr ist, dass ich in der „Allgem. Zeitung des Judenthums" den Vorschlag zu einer gemeinsamen Besprechung aller Parteien machte, wahr ist, dass mir mitgetheilt wurde, dass sich Herr Dr. Theodor Herzl Herrn Professor Stein aus Bern gegenüber bereit erklärte, an der von mir vorgeschlagenen Besprechung theilzunehmen. Wahr ist, dass mir die Mittheilung hievon nach dem Erscheinen meines als bösartig bezeichnten Artikels im „Berliner Tageblatt" gemacht wurde. Achtungsvoll Dr. Eduard Glaser. Wien, am 18. Februar 1898. Wohlgeboren Herrn Dr. Siegmund Werner, verantw. Redacteur der „Welt" Wien, IX., Türkenstraße 9. Wie mild geberdet sich bei uns der Judenhass. Das Aergste, was zuletzt gegen uns geschehen ist, war die Anklage, die man im Landtag erhoben, dass bei den volksthümlichen Universitätscursen meist Juden und Jüdinnen als Hörer und Juden als Vortragende fungieren. Gibt es etwas Schändlicheres als diesen Bildungseifer? Kann man sich etwas Niederträchtigeres denken als diesen Wissensdurst? Und ist diese vom Landtag constatierte Lernbegierde nicht der schlagendste Beweis für die Uncultur und Niederträchtigkeit der jüdischen Rasse? Wahrlich, die Juden werden sich nicht sobald davon erholen können, dass man ihre Umtriebe in offener Sitzung so gebrandmarkt hat.! Wir geben dieser „Berichtigung" auf Grund des £19 Raum. Unsere Leser werden sich darüber ein Uriheil bilden, was sie wert ist. Der Berichtiger leugnet, dass er behauptet hätte, Dr. Herzl habe seine Einladung angenommen. Gut. Er behauptet also selbst nicht, dass Dr. H. die Einladung angenommen habe. Es sei ihm nur von einem Dritten mitgetheilt worden, Dr. H. habe sich zu einem Vierten so geäußert. Wir finden diese Bestreitungen und Behauptungen nicht interessant genug, um die Debatte noch zu verlängern. Die Redaction.

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