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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
Jüdisches Centrum
Date
1898-02-25
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 j*$Wdr Str. 8 dass all' ihr heißes Assimilierungsbemühen umsonst getheidigung sich begnügen werden, ist sehr zu bezweifeln, wesen ist. Was, nützt es ihnen, dass sie sich ,selbst als Ihnen kann eine fremde „Schutztruppe" nicht helfen; wenn vollbürtige Deutsche betrachten, wenn die Deutschen sie sie aber sich selbst helfen wollen, so gibt es nur einen eindoch nur als Fremde erkennen und als . solche behandeln? zigen Weg und dies ist der Weg, auf welchem derZionis- Es mag immerhin richtig sein, dass die Freisinnigen nicht mus voranschreitet. Es ist — mit dem ehrenfesten Cato zu blos; weil , es die Parteiraison ihnen gebietet, sondern aus sprechen — die Via vivendi, der Weg zum Leben, ehrlicher Üeberzeugung den Antisemitismus verabscheuen; . aber fürs Erste sind die Freisinnigen selbst eine bedrängte Minderheit, von der man sagen darf: „Was kannst'du armer Teufel bieten?", und außerdem sind sie auch eine recht problematische Stütze, da sie, um ihre eigene Existenz nicht zu gefährden, sich fürchten müssen, jüdische Candidaturen mit ihrem Parteischilde zu decken. Unter solchen Umständen aber ist es begreiflich, dass die Drohung, eine jüdische Centrumsparlei zu bilden, sich anhöä, wie der -bekannte eingefrorene Ton aus Münchhausens Trompete. Gesetzt, dass die jüdischen Wähler entschlossen und zahlreich genug wären, um ihre eigenen Candidaten aufzustellen und durchzusetzen, so hätte doch die Errichtung eines jüdischen Centrums immer nur einen Sinn, wenn ihr das Bekenntnis vorausgienge, dass die Juden innerhalb der .großen deutschen Nation sich als eine gesonderte Gemeinschaft fühlen, welche, auf sich selbst angewiesen, aus. eigener Kraft ihre bürgerlichen Rechte zu behaupten und zu wahren habe. Sind' die Juden in Deutschland zu solchem Bekenntnisse schon reif? Wir glauben es nicht, aber wir sind tiefstens überzeugt, dass es ihnen nicht erspart bleiben wird. Dann aber werden sie Zionisten sein, denn in der Hauptsache bildet der Zionismus nur den historischen Vortrab, dem alle Juden werden folgen müssen, wenn sie auch jetzt noch mit der Todesangst des Possidens — nicht des beatus yossidens — vor dem schrecklichen Zeichen der Dreyfus-Affaire und des Zola-Processes sich verkriechen. In Wirklichkeit wird der Eroberungszug des Zionismus in Deutschland vollendet sein, wenn das Gefühl der Heimatlosigkeit sich nicht blos mehr in fingierten Drohungen und verzagten Stoßseufzern, sondern in dem festen Willen zu erlaubter Selbsthilfe offenbart. L Üm Worte streitet man nicht. Wenn etwa auf das katholische Centrum exemplisiciert und gesagt werden sollte, es handle sich diesem nur um kirchenpolitische Dinge, nicht üm die Nationsfrage, so wäre dies Spiegelfechterei. Cujus regio, illius religio, hat die Gegenreformation gesagt. Das katholische Centrum ist eine politische Partei und seine Politik ist nicht nationale, sondern Machtpolitik. Die Macht, für die es streitet, ist nicht die Macht Deutschlands. „Katholisch ist Trumpf", lautet eine seiner Trutzparolen. Trotz und Uebermuth aber stehen den Juden nicht an; was sie zu erkämpfen haben, ist Sicherheit ihres nackten Menschenrechtes, die nur sie selbst sich verbürgen können, da alle sonstigen Bürgschaften sich als hinfällig erwiesen haben. Wenn den Juden sonst nichts weh thäte, als etwa eine Beeinträchtigung ihres Ritus oder ihrer synagogalen Gebräuche, so könnten sie die Abwehr getrost auch nichtjüdischen Freisinnigen im Parlamente anvertrauen; für die Fortdauer des Schächtens würden nach einiger sachlicher Information Rickert oder Richter ebenio gut und ebenso beredt eintreten können, wie Ludwig Bamberger oder Dr. Byk. Dazu bedürfte cs einer jüdischen Centrumspartei nicht. Es ist eben noch sehr viel Anderes und Unerträglicheres, was die Juden in Deutschland wie allerwärts drückt; sie wagen nur nicht, es gerade heraus zu sagen und nach dem einzigen Rettungsmittel zu greifen, weil sie davor zittern, in diesem Jubiläumsjahre der Revolution, welches auch — mit Respect zu melden — das Jubiläumsjahr ihrer Emancipation ist, zu bekennen, dass es eine Fata Morgana war, hinter der sie fünfzig lange Jahre hergelaufen sind. Und sie werden es doch bekennen müssen! Dass sie dann aber noch mit der armseligen Illusion einer jüdischen Centrumspc.rtci cdcr mit der Bevollmächtigung der freisinnigen Fraetio::?:'. zu. ihrer Vcr- Drr zweite Zionisten-Congress. Die Einberufung des Congresses macht es allen Ortsgruppen zur Pflicht, rasch und energisch an die nothwendigen Vorarbeiten zu gehen. Vom Congressbureau (Wien, II., Rembrandtstraße 11) wird den Ortsgruppen und Inhabern von Schekelbüchern auf Verlangen eine Instruction für die Durchführung der Delegierten-Wahlen zugeschickt werden. Schon jetzt empfiehlt es sich den Zionisten, die ein Mandat für den Congress wünschen, sich darum zu bekümmern. Ortsgruppen, die keinen eigenen Vertreter nach Basel schicken, mögen sich in der Liste der vorjährigen Congressmitglieder ihre Vertreter aussuchen. Es können auch mehrere Ortsgruppen im Sinne der Baseler Beschlüsse einem und demselben Delegierten ihren Auftrag geben. Durch eine rechtzeitige Vorbereitung dieser Mandate wird es möglich sein, dass die Ortsgruppen ihren Vertretern Wünsche und Beschwerden bekanntgeben, ihnen die zur Vorlage bestimmten Petitionen zukommen lassen, so dass alles für die Uebersicht der Lage erforderliche Material sich bei den berufenen Männern zusammenfindet. Das Congressbureau wird zu dem angedeuteten Zwecke auch eine neue Ausgabe der vorjährigen Mitgliederliste veranstalten und den Ortsgruppen und Inhabern von Schekelbüchern auf Verlangen zusenden. Das officielle Protokoll des ersten Baseler Congresses (200 Druckseiten) wird jeder Zionist im Hinblick auf die bevorstehende zweite Versammlung mit Nutzen lesen. Die Arbeit, die schon gethan wurde, und die Arbeit, welche dem nächsten Congress obliegt, werden sich aus dieser umfassenden Publication erkennen lassen. Me Woche. Wien, 24. Februar 1898. Es ist eine sonderbare Welt, in der wir leben. Wie eine heftige Krankheit ist überall ein allgemeiner Hass ausgebrochen. Der große Völkerorganismus ist durch und durch inficiert davon und fiebert in den tollsten Delirien. Besonders friedlich ist es ja auf dieser Erde niemals zugegangen, aber wenn man sich einstmals zankte, schlug man einander die Köpfe blutig, und dann kam's zur Versöhnung. Heute, da die Armeen seit langem feiern, da der europäische Friede immer wieder „als gesichert" erscheint, geht der schleichende Hass um, der unversöhnlich ist, zäh statt temperamentvoll. Er trägt keine Rüstung, sondern das Civil, er kämpft keine Feldschlacht, höchstens dass er Straßenexcesse anzettelt. Neben der gesetzlichen ist eine andere Wehrpflicht erwachsen, die das ganze Leben dauert, die Wehrpflicht jedes Einzelnen für sich selbst, für seine eigene Haut, feine eigene Ehre, und wehe dem, der untauglich ist. Ihm kann keine Krüppelsteuer helfen — er muss einfach zu Grunde gehen. Am meisten Opfer hat sich dieser Hass, der sich tropfenweise auslebt, unter den Juden geholt, und es war schlimm genug um die Wehrpflicht derjenigen bestellt, die, stets von Feinden umgeben, dahinschreiten mussten. Wie hohe Militärsteuern haben diese schlechten Soldaten, die für ihren Stand und für ihre Menschheitsrechte nicht

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