Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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S-EI Redartion und Administration: Wien IX., Türkenstraße 9. Telephon Nr. 6805. y.-m Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, -IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briese werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. u-n Preise der Anzeigen: Tie viermal gespaltene Petitzeile IO kr. Einzelne Nummern 5 kr. M-B ÜPittlUtftfPtlf1 * O esterreich -Ungarn; halbjährig 3 fl.---6 Kr.. ganzjährig O fl. -12 Kr.: Z'ür das Ausland: Deutschland * ganzjährig 13 Mk. 70 Ps., halbjährig <> Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg.. Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Toll. 40. Nr 8. Wien, 25 Februar 1898. 2. Jahrgang. BMT* Da Ende dieses Monats eine größere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Anstellung des Blattes keine Unterbrechung einlrcte. Die Administration. Jüdisches Erntrunr. Von O. Erter. Norme dixisse eum minacius quam facturum esse putatis? Cit., Phil. 5,21. Es ist blos eine Episode, aber eine so lehrreiche, dass wir eine sündhafte Unterlassung begehen würden, wenn wir sie verschwiegen. Assimilierte oder assimilierungslüsterne Juden im deutschen Reiche haben es endlich als Misshandlung empfunden, dass weder im deutschen Reichstage noch im preußischen Abgeordnetenhause ein liberaler jüdischer Deputierter sitzt, und dem Gefühle der Kränkung haben sie in einem Appell an die liberalen Fractionen Lust gemacht, welcher in der Drohung gipfelte, eine jüdische Centrumspartei zu bilden. Die Thatsache, dass die liberalen Juden in Deutschland und in Preußen schon seit geraumer Zeit in den Parlamenten keinen Vertreter haben, ist richtig, aber die Drohung mit der Constituierung einer jüdischen Centrumspartei ist, wie die Dinge liegen, ein wenig grotesk, weshalb sie auch theils mit geringschätzigem Achselzucken, theils mit ironischer Bonhommie von den liberalen Adressaten abgefertigt wurde. Dabei hat es sein Bewenden behalten, die tapferen Missvergnügten haben sich gehütet, ihr Pronunciamento zu wiederholen und für die liberalen Fractionen ist somit die Rothwendigkeit entfallen, sich weiter über die jüdische Begehrlichkeit zu echauffieren. Basta! Es steckt in dieser Sache aber doch mehr als ein ephemeres Gelegenheitsinteresse, sie wirft ein fahles Licht auf die sogenannte Emancipation, mit der es die Juden in Deutschland so herrlich weit gebracht haben, und darum verdient sie, auch aus einem anderen als dem beschränkten Gesichtspunkte der Fractionspolilik diskutiert zu werden. Dabei ist an der selbstverständlichen Voraussetzung festzuhalten, dass es sich nur um die liberalen Parteien handeln kann, wenn über die Ausmerzung der Juden aus den Vertretungskörpern Beschwerde erhoben wird, denn den Conservativen, Freiconservativen und Ultramontanen ist niemals zugemuthet worden, Juden unter ihre parlamentarischen Vertreter aufzunehmen. Ein Jude war einst zwar die Leuchte der Conservativen, aber es war der getaufte Jude Stahl. Auch die Nationalliberalen kommen nicht in Betracht, denn sie sind allmählig nach der agrarisch-antisemitischen Seite hinuntergeglitten, wenn sie auch noch mit einiger Verschämtheit ihre Blöße hinter dem liberalen Feigenblatte verstecken; ein Lasker hätte heute unter ihnen keinen Platz mehr. Es bleiben also nur die beiden freisinnigen Fractionen, die Volkspartei und die Vereinigung, auf welche die Drohung mit der Errichtung einer jüdischen Centrumspartei gemünzt sein konnte; diese aber haben alle Mühe, sich selbst in ihrer Existenz zu behaupten, und ihre Führer, die beiden feindlichen Brüder Richter und Rickert, sind zwar nicht der Apostasie vom Liberalismus verdächtig, aber es ist ihnen sicherlich bewusst, dass sie die letzte Rettungsplanke auf's Spiel setzen würden, wenn sie es sich in den Sinn kommen ließen, die freisinnige Candidatenliste mit jüdischen Namen zu beschweren. Wir sind nicht darüber unterrichtet, ob Ludwig Bamberger, als er vor fünf Jahren auf ein Reichstagsmandat verzichtete und von der Führung der freisinnigen Vereinigung zurücktrat, der Stimmung der Wähler Rechnung trug; aber wir vermuthen, dass dieser scharfsinnige und beredte Mann sich damals schon keiner Täuschung hingab und Lfftracismus aus dem Wege ging, anstatt sich von ihm zur Seite schleudern zu lassen. " Da wäre nun zu allerhand sentimentalen Rückblicken und Reflexionen die beste Gelegenheit geboten, denn thatsächlich haben Juden — getaufte und ungetanste — während der ersten dreißig Jahre des parlamentarischen Lebens in Deutschland als Volksvertreter eine sehr ansehnliche und sehr ehrenvolle Rolle gespielt. Gabriel Riesser war Vicepräsident des Frankfurter Parlaments, und Eduard Simson trug als Sprecher der Frankfurter Deputation dem Preußenkönige die deutsche Kaiserkrone an; er war auch der erste Präsident des neugeschaffenen deutschen Reichstages. Auf Eduard Lasker waren die Nationalliberalen, als sie noch liberal waren, sehr stolz, und Ludwig Bamberger saß im Wagen an Bismarcks Seite, als dieser nach dem französischen Kriege eine Fahrt durch die Straßen von Mainz machte. Der äußere Schein der Emancipation blendete auch die feinsten Kreise unter den deutschen Juden, so dass sie für einen ewigen Besitz hielten, was nur das Almosen einer flüchtigen Zeitströmuna war. 4hm, da diese vorüber, und von der vermeintlichen Emancipation nicht viel mehr übrig geblieben ist, als ein winziges Restchen zweifelhafter Duldung, beginnt allmälig unter den deutschen Juden die Einsicht aufzudämmern.