Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Die weiße Robbe
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Nr. 7 „Bei den großen Schauinwellen von Magellan", sagte er, zwischen den Zähnen. „Was sind das sür Leute?" Sie sahen weder einem Walross, noch einem Seelöwen oder Seehund ähnlich; auch waren es keine Bären, Wale, Haie, Fische oder Muscheln, die Kotick jemals gesehen hatte. Sie waren zwanzig bis dreißig Fuß lang, und hatten keine Hinterslossen, sondern einen schaufelartigen Schwanz, der aussah, als wäre er aus nassem Leder geschnitzt. Die Köpfe sahen unglaublich dumm aus, und sie balancierten, wenn sie nicht weideten, auf ihren Schwänzen im tiefen Wasser, während sie sich gegenseitig feierlich verbeugten, und mit der Vorderflosse winkten, wie etwa ein fetter Mann mit dem Arm winkt. „Wirklich", sagte Kotick, „ihr seid das Hässlichste in der See, noch hässlicher als Seepferd." Dann erinnerte er sich plötzlich, was ihm die Möve vor fünf Jahren auf der Walrossinsel zugerufen hatte, und er fiel rücklings ins Wasser, denn er wusste, dass er Seekuh gefunden hatte! Die Seekühe grasten weiter, und Kotick legte ihnen Fragen in allen Sprachen, die er auf seinen Reisen gelernt hatte, vor, und das Seevolk spricht ebensoviel Sprachen wie die-menschlichen Wesen; aber die Seekühe antworteten nicht, denn Seekuh kann nicht sprechen. Bei Tagesanbruch war Kotick's Geduld erschöpft. Da begannen die Seekühe langsam gegen Norden zu ziehen, und Kotick folgte ihnen, da er sich sagte: „Leute, die solche Idioten sind, wären längst ausgerottet, wenn sie nicht eine sichere Insel gesunden hätten; und was sür Seekuh gut genug ist, ist auch für Seefang gut genug. Nur wollt ich, sie wären etwas schneller." Es war sehr langweilig für Kotick. Die Seekühe schwammen nie mehr als vierzig bis fünfzig Meilen täglich, und in der Nacht weideten sie, während sie immer nur die Küste entlang giengen; Kotick schwamm über sie, und unter sie, und um sie herum, aber sie giengen nicht schneller. Als sie dem Norden näher kamen, hielten sie alle paar Stunden, und Kotick biss sich in seiner Ungeduld fast den Schnurrbart ab, bis er bemerkte, dass sie einer warmen Strömung folgten; da begann er etwas mehr von ihnen zu halten. Eines Tages sanken sie durch das glänzende Waffer, sanken wie Steine, und das erstemal, seit Kotick sie kannte, begannen sie schnell zu schwimmen; Kotick folgte, und die Geschwindigkeit setzte ihn in Erstaunen. Sie schwammen nach einem Riff am Ufer, einem Riff, das in tiefem Waffer stand, und tauchten in ein dunkles Loch darin, zwanzig Faden unterm Meeresspiegel. Es dauerte sehr lange, und Kotick sehnte sich nach frischer Lust, bevor er endlich aus dem langen Tunnel, durch das sie ihn führten, herauskam. „Potztausend!" sagte er, als er keuchend in's Freie kam. „Es war ein schweres Stück Arbeit, aber es hat sich gelohnt." Vor ihm lagen die schönsten Küsten, die Kotick jemals gesehen hatte. Da war meilenweit glattgetretener Felsen, wie er sich für Robben gerade eignet, und da waren Abhänge aus hartem Sand, und da waren hohe Wellen zum Tanzen, und Sanddünen, und langes Gras zum Kugeln, und, was das Beste war, Kotick erkannte am Wasser, das eine Robbe nie betrügt, dass dort noch keine Menschen gewesen waren. Vor allem sah er sich um, ob der Fischfang reichlich war; dann schwamm er die Küste entlang, und zählte die schönen, flachen Sandinseln, die halb im Nebel versteckt lagen. Um das Land herum waren bis aus sechs Meilen hinaus lauter Untiefen und Riffe, denen ein Schiff nicht nahekommen konnte, und zwischen dem Festland und den Inseln gieng ein Streifen tiefes Waffer, und irgendwo zwischen den Riffen lag der Eingang zu dem Tunnel. „Es ist ein zweites Novastoschnah, nur noch zehnmal besser"; sagte Kotick. „Seekuh ist klüger, als ich glaubte." Dann tauchte er und merkte sich den Eingang des Tunnels, und raste südwärts. Niemand als eine Seekuh oder eine Robbe hätte sich's auch nur träumen lassen, dass Herausgeber: P. Nsfchaurr. Verantw. Red.: Dr. Sirgm. Wer solch' ein Ort existierte, und als Kotick auf die Riffe zurückblickte, konnte er sich's selbst kaum glauben, dass er dort gewesen war. Er brauchte zehn Tage, um nachhause zu kommen, und als er endlich Land betrat, war die erste, die er traf, die Robbe, die auf ihn gewartet hatte, und sie sah ihm's an den Augen an, dass er die gesuchte Insel gefunden. Aber die Hollusschickie und Seefang, sein Vater, und alle die anderen Robben lachten ihn aus, als er ihnen berichtete, was er entdeckt hatte, und eine junge Robbe in seinem Alter sagte: „Das ist alles recht schön, Kotick, aber du kannst uns nicht mir nichts, dir nichts, in ein unbekanntes Land hincommandieren. Wir haben gekämpft, was du nie gethan hast; du hast es vorgezogen, in der See herumzubummeln." Darüber lachten alle, und die junge Robbe warf sich in die Brust. „Ich habe nicht sür Frau und Kinder zu kämpfen", sagte Kotick. „Ich will euch nur einen Ort zeigen, wo ihr in Sicherheit leben könnt. Was soll das Kämpfen?" „Ach, du drückst dich schon; da Hab ich freilich nichts mehr zu sagen", sagte die junge Robbe mit hässlichem Kichern. „Willst du dich mir anschließen, wenn ich siege?" fragte Kotick; und seine Augen glänzten grünlich, denn er ärgerte sich sehr, dass er überhaupt kämpfen musste. „Abgemacht", sagte die junge Robbe, „wenn du siegst, komme ich mit." Sie hatte keine Zeit, sich eines Besseren zu besinnen, denn Kotick's Zähne hatten sich in ihrem fetten Hals verbissen. Dann zerrte und schüttelte er den entkräfteten Gegner und warf ihn zu Boden. Hierauf schrie Kotick den Robben zu: „Seit fünf Jahren denke ich an nichts, als an euer Wohl; ich habe euch die Insel aussindig gemacht, die eure Rettung ist. Aber wenn man euch die blöden Köpfe nicht von den Leibern reißt, wollt ihr ja nicht glauben. Jetzt will ich euch glauben lehren, nehmt euch in Acht!" Seine weiße Mähne stand ihm zu Berge in seiner Wuth, seine Augen flammten, und seine großen Zähne blitzten; er warf sich auf die Schaaren der erwachsenen Robben, hieb rechts und links auf sie ein, dass sie wie Spreu vor dem Winde auseinanderstoben. Da brüllte der alte Seefang auf und schrie: „Er ist vielleicht verrückt, aber er ist der beste Kämpfer weit und breit. Greif' deinen Vater nicht an, er hält zu dir. Ich bin stolz auf dich, mein Sohn, und mehr als das, ich will mit dir nach deiner Insel ziehen." Eine Woche später gieng Kotick mit feiner Armee (fast zehntausend Hollusschickie und alte Robben) nach Norden zu dem Tunnel der Seekühe. Die Robben, die in Novastoschnah blieben, nannten sie Idioten. Aber im nächsten Frühling, als sie alle im stillen Ocean zusammenkamen. erzählten Kotick's Robben solche Wundergeschichten von den neuen Gestaden, dass immer mehr Robben Novastoschnah verließen. Es geschah natürlich nicht auf einmal, denn die Robben sind nicht sehr klug, und sie brauchen lange, bis sie sich entschließen, aber die Zahl der Auswanderer wuchs von Jahr zu Jahr. Bücherwett. „Die ungarischen Jude« und die Miüenniumsseier" ist der Titel eines Buches, das demnächst erscheinen und die tausendjährige Geschichte der Juden in Ungarn schildern wird. Der Versasser ist Gras Hermann Z i ch y. — Im Selbstverläge des (Komponisten Isidor Redelmann in Braila ist soeben ein Walzer „Zions-Klänge" erschienen. Anfangs März beginne» wir die Publikation des Schauspiels „Das neue Ghetto" von Theodor H e r z 1. \ Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11.