Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Wien / -w-
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 7 wenn man in unerhörtester Weise über die polnischen „Israeliten" in der öffentlichen Bereinsversammlung der Union herfällt, könnte mit mehr Recht ganz andere Proteste einstimmig beschließen lassen, wenn er schon hu Potestieren das Heil des „Israelitenthums" erblickt. — \v — Russland. St. Petersburg. Ter unlängst verstorbene Senator und wirkliche Geheime Rath Alexander v. Schuhmacher gehörte zu den wenigen noch lebenden Staatsmännern, denen das größte Verdienst an dem umfassenden Reformwerke "Alexanderll. in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit gebührt. Durch die Muster-Städteordnung bewies er seine liberale Gesinnung auf's glänzendste, denn er gewährte allen Andersgläubigen, darunter auch der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit, sich nicht nur als Steuerzahler, sondern innerhalb der städtischen Interessensphäre als gleichwertiger Factor neben der russischen Bevölkerung zu fühlen. Schuhmacher sollte noch während seines Lebens die grundsätzliche Umarbeitung seines Werkes erleben, wobei die Theilnahme der Juden an der städtischen Verwaltung auf ein verschwindendes Minimum beschränkt wurde: aber schon bald nach der Veröffentlichung der modificierten Städteordnung wurden Stimmen laut, die die Rückkehr zur alten Ordnung Alexanders II. verlangten und die gesammte fortschrittliche Presse trat für diese Forderungen ein. Was aber dem verstorbenen Staatsmanne bei unserem Volke in Russland ein besonderes Andenken sichert, war sein tiefer Gerechtigkeitssinn und das Verständnis fiir die sociale Noth der russischen Juden; sie verlieren an ihm einen warmen Freund und Beschützer. Auf dem verantwortungsvollen Posten des Präsidenten der ersten Section des Senates, der höchsten Gerichtsinstanz Russlands, hatte er einem Amte vorzustehen, das dem österreichischen Obersten Verwaltnngsgerichtshofe entspricht. Hier flössen zusammen die Recurse gegen alle Ausweisungen, Rechtsverletzungen und willkürlichen Bedrängungen der jüdischen Bevölkerung aus dem ganzen weiten Gebiete des russischen Reiches, und der Verstorbene hat als der oberste Hüter des Gesetzes in tausenden von Fällen bewiesen, dass sogar die "Ausnahmsgesetze gegen Juden bei weitem nicht so streng sind, als sic manche zu deuten wissen; sogar die Ministerien mussten sich vor den Entscheidungen des Senatorencollegiums beugen, und es wurde manche niinistericlle Verordnung dadurch wesentlich gemildert und modificiert. Zahllos sind die jüdischen Existenzen, die durch Scnatsentscheidnngen vor dem Untergang gerettet wurden und sogar in der traurigsten Zeit der Iudenexcesse in Russland war der Glaube der Juden an die Gerechtigkeit des Senats unerschütterlich. Bereits an's Krankenlager gefesselt, bekundete Schuhmacher seine Gerechtigkeit, indem er in der bekannten Frage wegen Zulassung der academisch gebildeten Juden nach Sibirien im Sinne des Reichsgesetzes sein schriftliches Gutachten dahin abgegeben hatte, dass er mit der Minorität der Ansicht wäre, für Sibirien gelten die Gesetze m demselben Maße wie für das europäische Russland. Tie russischen Juden und mit ihnen alle Stammmesbrüder schulden dem Andenken dieses Staatsmannes tiefste Pietät. Möge sein Nachfolger in seinem Geiste den Juden gegenüber nur auf die strenge Einhaltung der Gesetze bestehen, dann rvird wenigstens manches Einzelschicksal sich weniger traurig gestalten. A. W. Nioskau. (Orig.-Corr.) In Nummer 30 der „Welt" war eine kleine Mittheilung aus Moskau, laut welcher den jüdischen Aerzten, Medicinern und Chirurgen die Ausübung ihres Berufes in Moskau und im Gouvernement Moskau untersagt worden ist. Als jüdischer practischer Arzt in Moskau erlaube ich mir zu berichten, dass die Sache sich nicht so verhält. Der Grund des Jrrthumes des gesch. Correspondentcn der „Welt" liegt offenbar in dem vor kurzem veröffentlichten kaiserlichen Ukas, wonach „jüdische Apothekcrlehrlinge und Hebammenschülerinnen nicht das.Wohnrecht in Moskau und im Gouvernement Moskau haben, während sie sonst im ganzen europäischen Russland (mit Anschluss des Dongebietes) das Wohnrecht genießen." 1)r. Cli. ... V. England. London. (Orig.-Corr.) In der heutigen Versammlung der rAnglo Jewisli Association** wurde die zionistische Frage erörtert. Die „Chowewe Zion" forderte die Affociation auf, auf der Londoner Zions-Conferenz theilzunehmen. Man bereitete eine Resolution vor, in welcher beabsichtigt wurde, dass die Association an der Conferenz sich nicht betheiligen sollte, weil über die zionistische Bewegung die Ansichten noch getheilt seien. Dr. Gaster nahm den entgegengesetzten Standpunkt ein, er meinte, dass, da die Association die Wohlfahrt aller Juden im Auge habe, und da sie noch nicht alle Einzelheiten und Zwecke der Bewegung kenne, ihre Delegierten zur Conferenz schicken sollte. - Sir Philipp Magnus sagte, die Association könne keine Delegierten zur Conferenz senden, weil sie dann durch die Beschlüsse der Conferenz mehr oder weniger gebunden erschiene. Mr. S. Schloss erklärte die Bewegung fiir unbesonnen und gefährlich, aber er war der einzige in dieser Versammlung, der eine so veraltete Auffassung der Bewegung zum Besten gab. Air. B. Kish wollte die Last der Entscheidung dem Ausschüsse überlassen, er schien aber sympathisch gestimmt. Der Vorsitzende Claude G. Montesiore wich der Discussion über die zionistische Bewegung aus. Weun der Delegierte zur Conferenz geschickt werde, könnte die öffentliche Meinung die Haltung der "Association missverstehen, und diese wäre "Angriffen ausgesetzt. Mr. Frederic D. Mocatta, der wohlbekannte Philanthrop, unterstützte die Resolution, weil er es vermeiden möchte, dass die Association die zionistische Bewegung entweder verurtheile oder billige. Man sollte vielmehr nur die Entwicklung mit Sorgfalt verfolgen. Tic Zionisten seien ehrlich» Enthusiasten, für die er Sympathien empfinde. Mr. Isaak Seeligman, der Chef des großen Bankhauses Seeligmau, sagte, dass er solche Bemerkungen nicht vorübergehen lassen könne, ohne ausdrücklich zu erklären, dass er im Princip mit der zionistischen Bewegung vollständig symphatisiere. Für ihn besteht die practische Frage lediglich darin, ob die Juden in England ihre jetzige Lage schädigen würden, wenn sie die zionistische Bewegung unterstützten. Wenn er diese Besorgnis nicht mehr haben müsste, so wäre er eines Sinnes mit den Zionisten und er wollte diese Gelegenheit wahrnehmen, um seine "Ansichten zu äußern, damit es nicht erscheine, als wäre im Comite der ,.Anglo Jewisli Association** ein den Zionisten feindseliges Gefühl vorhanden. — Diese würdigen Erklärungen erregten bei mehreren Anwesenden das allergrößte Erstaunen. Manche mögen davon unangenehm berührt sein, dass der Beschluss, an der Conferenz nicht theilzunehmen, schließlich durchdrang, aber wer die Art bedenkt, wie noch im vergangenen Juli in der Association gesprochen wurde, und wer die Persönlichkeiten der Association kennt, wstd von diesem Beschlüsse weniger überrascht sein, als davon, dass diesmal schon mehrere schwiegen. Es waren mindestens ein halbes Dutzend Leute zugegen, die im vorigen Jahre nach einer Gelegenheit sahen, den Zionismus anzufeinden und diesmal kein Wort mehr sagten, mit "Ausnahme des Mr. Schloss, der noch den alten Schimmel ritt. Das Auftreten Mr. Seeligman' ist ein hochbedeutsames Zeichen. Mit der Zeit wird wohl die Anglo Jewisli Association“, die sich schon so weit geändert hat, unserer Bewegung noch näher kommen. I. de Haas. Amerika. Rew-Aork. (Orig.-Corr.) Tie betrübenden Vorgänge in Frankreich und "Algier werden hier lebhaft discutiert. Nicht allein die Blätter befassen sich in spaltenlangen Artikeln mit jenen Ereignissen, auch in den Clubs und sogar in jüdischen Kreisen, in jenen jüdischen Kreisen, wo man der Judenfrage mit ängstlicher Scheu aus dem Wege geht, erweckt das wüste Geschrei in Paris einen Wiederhall. Leute, die mit Vorliebe Amerika das Palästina der Juden nannten, können sich nunmehr kaum dem Argumente verschließen, dass das, was in der Wiege der allgemeinen Menschenrechte, in dem culturell allen Völkern der Erdenrunde voranschreitenden Frankreich zur Möglichkeit