Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / Stricker, Robert
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315750--04360-3357520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 7 Seite 9 Licht der Welt. Es war aber eine Frühgeburt, ein erster provisorischer Entwurf, der durch ein bedauerliches Versehen ohne die Sanction des Vorstandes der Berliner zionistischen Vereinigung veröffentlicht wurde. Auch ich, obwohl Verfasser dieses ersten Entwurfes, muss die Verantwortlichkeit dafür insofern ablehnen, als ich keine Correctur erhielt und dadurch verhindert wurde, einige sehr gewichtige Abänderungen, vorzunehmen. Dieser Thatbestand wurde in einer öffentlichen Versammlung vom Vorstand genügend klargestellt. Wenn trotzdem Herr Willy Bambus in seiner alle Vierteljahre einmal erscheinenden Monatsschrift gehässige Angriffe gegen das Flugblatt schleudert, so gönne ich ihm dieses Vergnügen, da ich die bitteren Gefühle depossedirter Fürsten vollauf zu würdigen weiß. Achtungsvoll S. Lublinski. Chicago, 27. Jänner 1898. Geehrter Herr Redacteur! Es ist mir ein Herzensgebot, Ihnen einmal meinen Dank und meine Anerkennung dafür auszudrücken, dass Sie mit so vielem Geiste, mit solch' edler Herzenswärme und mit so großem Nachdrucke für die sogenannte zionistische Bewegung in die Schranken getreten sind und dass Sie, unbeirrt von den gegnerischen Lieblosigkeiten und Sophistereien, auf der von Ihnen betretenen Bahn — die hoffentlich immer mehr und mehr sich als Siegesbahn erweisen wird — muthvoll weiterkämpfend verharren. Diese Dankesäußerung kommt Ihnen aus weiter Ferne zu, aus der Stadt Chicago, und sie kommt aus vollem Herzen. Möge diese Thatsache an sich Ihnen ein kleiner Beweis dafür sein, dass auch in unserem cisatlantischen Erdtheil die Baseler Conscrenzbeschlüsse ein lautes und starkes Echo gefunden haben! Freilich, wenn man einzig und allein nach den Berichten und editoricllen Artikeln unserer hierländischen jüdischen Wochenblätter, welche in englischer Sprache erscheinen, urtheilen wollte, so käme man zu dem falschen Schluffe, dass die Vereinigten Staaten von Amerika fast ganz von der zionistischen Bewegung unberührt geblieben seien, und man müsste glauben, dass bloß in den Kreisen der russischen Eingewanderten Sympathien für den Zionismus vorhanden wären. Aber so groß und unleugbar auch der Einfluss der englisch-jüdischen Journalistik hierzulande ist, so ist er doch nicht s o allgewaltig, dass es unseren Antizionisten gelingen könnte, das Denken aller amerikanischen Juden zu verwirren und deren Urtheile zu trüben Es gibt auch unter den hier in Amerika geborenen und hier in “Amerika großgewordenen Stammesgenossen, sowie auch unter den aus Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern herübergekommcnen Juden recht zahlreiche denkende und fühlende Männer, die tief ergriffen sind von dem namenlosen Elend und der unbeschreibbaren Noth, wie sie unter den Millionen von Juden in Russland, Rumänien und anderwärts herrschen, und die in den Wegen und Mitteln, wie sie in Basel vorgeschlagen worden, die einzig möglichen erkennen, welche in großartigem Maße und in dauerhafter, ersolgsicherer Weise Hilfe im Elend, Licht im Dunkel, Erlösung vom Golurh bringen können. Doch es gibt auch wenigstens einige englisch-jüdische Wochenblätter in Amerika, die sich unter die zionistische Fahne gestellt haben, und die für die Sache, welche durch diese Fahne gedeckt wird, mit Wärme schreiben und wirken; so z. B. der in Philadelphia erscheinende ,Jewish Exponent“. Der New-Iorker „American Hebrew“ will angeblich kein Parteiorgan sein, und man weiß nicht recht, ob er „zu uns oder zu unseren Gegnern" gehört. Er nimmt Einsendungen sowohl für als gegen den Zionismus auf und hält sich dadurch angeblich neutral und über den Parteien. Aber ist das der rechte Standpunkt für eine Zeitschrift, welche auf tiefeingreifende Tagesfragen einen Einstuss ausüben sollte? Freilich, Milde im Urtheil, Gerechtigkeit nach allen Seiten hin, Unparteilichkeit in der Berichterstattung — das und Aehnliches sollte in jedem guten Parteiorgan anzutreffen sein. Aber muss man deswegen „parteilos" und dadurch einflusslos werden? „Parteilos" und „unparteiisch" sind zwei ganz verschiedene Begriffe; das erstere braucht man nicht zu sein, das letztere muss man ja sein. Man kann ein ganz vollendeter Gentleman sein und kann doch dabei mit Entschiedenheit und Wärme für eine Sache Partei ergreifen, — namentlich für eine solche Sache, in deren Beurtheilung ethische Erwägungen den Ausschlag geben müssen. Was ich von der englisch-jüdischen Journalistik unseres Landes gesagt habe, das gilt nicht von denjenigen Blättern, die hierzulande in polnisch-jüdischem Jargon oder in hebräischer Sprache erscheinen. Die zahlreichen jargonischen Zeitschriften in unserem Lande sind meines Wissens alle prozionistisch. Freilich tragen sie infolge ihres Jargons nicht dazu bei, den culturellen Standpuntt ihrer Leser zu heben. Aber wie sagt doch die Frau von Stasl? Ich erinnere mich im Augenblicke nicht des genauen Wortlautes, in welchen der Satz, der mir gegenwärtig im Sinne ist, gefasst war. Aber sein Inhalt ist der, dass man gar vieles entschuldigen würde, wenn man nur recht es zu verstehen und zu erklären wüsste. Wir kennen ja die traurigen geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Bedingungen, die den Jargon in der osteuropäischen Judenheit produciett haben und ihn heute noch am Leben erhalten. Aber wir wissen auch, dass er in Amerika nicht mehr lange bestehen wird, dass er schon in der nächsten Generation verschwinden wird, dass er ab« zur Zeit noch eine Nothwendigkeit ist für die Myriaden russischer Flüchtlinge, die über's Meer Herübergetrieben worden sind. Aber die Tage des Jargons sind, in Amerika wenigstens, gezählt. Ein Culturmorgen tagt auch für die amerikanisch-russische Judenheit. Zeitschriften in hebräischer Sprache gibt es drei in Amerika: die Monatsschrift .Ner ha-Maarabhi“ und die Wochenschrift „halbhri“ (beide in New-Iork) und die Wochenschrift Jia-Pisp'ah“ (in Chicago). Sie alle sind Streiter für den Zionismus. Ter Herausgeber des letztgenannten Blattes ist Herr W. Schur, und dieser Mann verdient ganz insbesonders Anerkennung und Lob. Er lebt und webt im Zionismus und für denselben. Er hat, wie einmal Heine von sich sagte, nicht die Idee, sondern die Idee hat ihn. Seine Artikel sind in ihrer Art meisterhaft. Sein Denken ist gänzlich europäisch, wenn es auch seine Einkleidung findet im Gewand der hebräischen Sprache — und diese Sprache, im Vorbeigehen sei es gesagt, handhabt er mit großer Gewandtheit, Correctheit und Eleganz — und seine Argumentationen sind nicht, wie dieser Tage einmal behauptet wurde, pilpulistischer Natur, sind nicht talmudisch-dialectisch, sondern sie sind sachlich, logisch, modern, und sie wären auch interessant nnd fesselnd und schlagend, wenn sie in der englischen oder der deutschen Sprache vorgebracht würden. Noch viel mehr möchte ich beifügen, doch wozu? Bloß ein Zeugnis wollte ich ablegen dafür, dass die tiesergreisendc Tragödie (eine der größten und traurigsten aller Zeiten, in deren Verlaus die Baseler Conserenz ein Hoffnung erweckender und Muth einflößender Sonnenstrahl gewesen ist) auch hier in Amerikaympfängliche Herzen gesunden hat, und dass auch in der Seele der amerikanischen Judenheit die Gefühle und Gedanken dauernd nachklingen, welche jenes Trauerspiel in den Herzen so vieler Tausende unserer Stammesbrüder aus dem ganzen weiten Erdenrund wachgerusen hat. Und so mag denn das Vorstehende für heute genügen. Mir den besten Segenswünschen für Sie, Ihr Streben und Ihr Wirken verbleibe ich Ihr ergebener Dr. B. Felsenthal.', JSs* „Das neue Ghetto von Theodor Herzl wird demnächst im Hamburger Stadttheater in Scene gehen. Die Uebersetzerin des Artikels von Zola „Für die Juden", den wir in Nummer ö der „Welt" veröffentlichten, ist Frau Tobias Markus in Meran. Das Brautpaar Goldsmid - Montagu wurde am 9. d. M. in der Londoner New-\Wst-Kwl Synagoge in Anwesenheit von über fünfhundert Gästen getraut. Tie zionistische Gesinnung der Väter des Brautpaares kam auch bei dieser feierlichen Gelegenheit zum “Ausdrucke. “Am Gipfel des Trauerbaldachins wehte das Banner der ,.C!iorori Zion Association-1, an deren Spitze der Brautvater Colonel Goldsmid steht, und beim Festmahl wurde palästinensischer Wein von Rischon le Zion serviert. Die Tafelmusik besorgte die Militärcapelle der Royal Scots Füsiliers. Mr. S. Sch echter — Chrendoctor von Cambridge. Der Mann, dem diese seltene Ehre mittelst Tecrer vom 3. Februar zutheil wurde, ist in Rumänien geboren und kaum 50 Jahre alt. Seine grundlegende “Ausbildung ans dem Gebiete der hebräischen Wissenschaft, insbesondere des Talmud's, erhielt er am Wiener Beth-Hamidrasch unter der Leitung Weiß' und Friedmann's. Dann gieng er nach Berlin und Breslau. Im Jahre 1882 finden wir Mr. Salomon Schechter bereits in England, wo er 1890 als Lector des Talmud's nach Cambridge beritfen und ein Jahr später zum LI. A. (magister of arts) honoris causa promoviert wurde. Die stattliche Reihe der hervorragenden wissenschaftlichen Arbeiten dieses Gelehrten, der in den letzten Jahren zu Studienzw ecken Aegypten und Palästina besuchte, vcranlasste die Universität Cambridge ihm auch den höchsten Ehrentitel zu verleihen. Todesfall. Isidor S. Tonn, ein talentvoller Maler nnd eifttger Zionist, der sich vor mehreren Monaten nach Palästina begeben hat, um dort einige Bilder fertigzustellen, ist am 27. Jänner in Nizza gestorben. Tie englischen Cliovevi Zion verlieren in dem hoffnungsvollen, kaum 34-jährigen Künstler *) Anmerkung. Wir legen die Ausführungen des nicht nur in Amerika hochgeschätzten Mannes unseren Lesern vor. wenn wir auch mit seinen Ausführungen über den Jargon nicht einverstanden sind. Die R e d a c t i o n>