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Die Welt · 1898-02-18 · 7 (18.2.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
7 (18.2.1898)
Article
Die Reichstagswahlen und der Antisemitismus
Date
1898-02-18
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Diese Fragestellung in ihrer schlichten Klarheit scheint sreilich eine sehr rasche Antwort zu ermöglichen. Man dars getrost annehmen, dass der gute Turchschnittsdeutsche durchaus nicht absolrttistisch und nicht seudaliftisch regiert werden will. Sobald er merken würde, worum es sich bandelt, ginge er hin und stimmte unverzagten Herzens sür einen Sozialdemokraten, den er sonst wohl gründlich verabscheut, wie nur irgend ein makelloser Engel den Beelzebub verabscheut. Darum bemühen sich die Conservativen, Agrarier und Feudalen, die einfache Klarheit der Lage zu verdunkeln und dem Volksbewusstsein keine Zeit zur Besinnung zu lassen. Der Redacteur der Kreuzzeitung, Professor Kropatschek fand das erlösende Wort, die zugkräftige Wahlparole. Auf dem Parteitag der Brandenburgischen Conservativen zu Berlin meinte der Herr Professor, dem Geschrei gegen die Junker ließe sich die Wahlparole vom „Kamps gegen Juden und Sozialdemokraten" entgegenstellen. Damals applaudierten gar stürmisch die um ihn versammelten Partei- und Zeitgenossen: aber die eonservative Gesammtpartei zögerte noch mit der Annahme dieser urwüchsig einfachen und staatsmännischen Wahlparole. Dieses Zögern hatte seine guten Gründe. Zwischen den Conservativen und der deutschsozialen Reformpartei, welche die eigentliche Trägerin des Antisemitismus ist, spielt sich gegenwärtig ein grimmiger Bruderstrcit ab. Tie Deurschsozialen sind ungerathene Kinder, welche ihre alte Mama, die eonservative Partei, aus allen sicheren und verbrieften Wahlkreisen zu verdrängen suchen. Und die Conservativen merken recht gut, dass ihre Sprösslinge ihnen an ellenbogenkrästiger Demagogie himmelweit überlegen sind, und so schauen sie in ihrer Herzensangst nach Hilfe aus. Sie besannen sich demnach, dass ihre Partei eigentlich gouvernemental wäre, in der Hauptsache nur von Gnaden der Negierung lebe, und dass gegenwärtig in den höheren Regionen ein allzu lauter Antisemitismus nicht willkommen erscheint. So zögerten die Conservativen, und es wurde sogar angekündigt, dass ans dein allgemeinen großen Parteitag in Dresden eine reinliche Scheidung zwischen ihnen und den Antisemiten stattfinden würde. Aber diese Scheidung gieng doch weniger leicht, als sie sich das Oberhaupt der Partei, Freiherr von Manteuffel, vorgestellt haben mochte. Denn es galt nicht nur, das Verhältnis zu den Deutsch-Socialen zu klären, sondern zugleich eine unzweideutige Haltung gegenüber den Agrariern einzunehmen. Einerseits stützt sich die eonservative Partei ganz und gar auf die Regierung und die preußische Bureaukratie. Zum zweiten aber war der Druck des allgemeinen Wahlrechtes doch stark genug, um die Conservativen zu einem Appell an die Massen zu veranlassen. Das willkommene Instrument für diese Bemühungen bot der Bund der Landwirte, welcher die Massen aus dem Lande geschickt aufwühlt, dabei politisch conservativ, vor allem aber durch und durch antisemitisch ist. Von diesem Antisemitismus können die Bnndler umsoweniger ablassen, als sich gegenwärtig das Bürgerthum zu einem furchtbaren Kampfe gegen die Agrarier rüstet und die kleinen Bauern renitent zu werden beginnen, als ob sie ahnten, dass sie nur das Vorgespann der Rittergutsbesitzer mären. Gegen diese doppelte Gefahr kann nur der Jude als Deckmittel verwendet werden. Man hofft eben noch immer, durch den "Antisemitismus das Bürgerthum in Verwirrung zu bringen und zu spalten und dem Ingrimm der kleinen Bauern eine andere Richtung zu geben. Aus all diesen Gründen verblieb der Bund der Landwirte beim Antisemitismus, und die eonservative Parteileitung hatte die Wahl, ob sie der mächtigen Hilfe des Bundes entrathen wollte, indem sie den Antisemiten den Stuhl vor die Thüre setzte. Zwischen der „Kreuzzeitung" und dem Organ des Bundes, der „Deutschen Tageszeitung", entspann sich eine heftige Polemik. Man durfte jedenfalls gespannt sein, wie diese parteitaktische Judenfrage sich auf dem Parteitage in Dresden gestalten würde. Und der Parteitag kam. Es erhob sich Freiherr von Manteuffel, breitete die Arme aus und rief den Antisemiten und Bündlern zu: „Verlorene Söhne, kehret heim ins Vaterhaus — wir sind ja ganz, wie Ihr!" Er meinte, es wäre doch kein Unterschied, ob in einem Wahlkreis ein conservativer, ein bündlerischer oder ein antisemitischer Candidat aufgestellt würde. Die Gesinnung wäre ja doch immer die gleiche. 9hir hätte der Conservativ e bei der Wahl eigentlich mehr Chancen, und es wäre wirklich nett von den Bündlern und Deutsch-Sozialen, wenn sie im Interesse der gemeinsamen Sache für den conservativen Candidaten stimmen wollten. Die jungen Brauseköpfe sollten also zur alten Mama zurückkehren, die ihnen gelegentlich einmal zur Beruhigung die kühle, milde Hand aus die glühende Stirn legte. Mit dieser sehr sonderbaren, kaum sehr reinlichen Scheidung wollte Freiherr von Manteuffel sich begnügen, wobei es aber an Parteigenossen nicht fehlte, welche behaupteten, dass er viel zu zahm wäre. Wundernehmen muss es uns im höchsten Grade, dass noch keiner von den Ganzgescheiten auf den sinnreichen Einfall kam, der Freiherr wäre von den Juden bestochen worden. Also mit der reinlichen Scheidung zwischen den Conservativen und Antisemiten ist es wieder einmal nichts. Die Feudalen aller Schattierungen werden auch bei den nächsten Wahlen durchaus nicht darauf verzichten, den Antisemitismus als Zugthier vor ihre verfahrene Kutsche zu spannen. Äk Die erste Volksversammlung der Berliner Zionisten. Berlin, n. Februar 1S9S. Tic neue zionistische Gruppe in Berlin ist rührig an der "Arbeit, um die nationaljüdische Idee zu propagieren und ihr stets neue Anhänger znznführen. Nachdem sie im engeren Kreise durch Versammlungen und Borträge das Feld bearbeitet hatte, gieng sie endlich dazu über, den Znkunftsgedanken des jüdischen Volkes in die große Oeffentlichkeit hinauszutragen. Der erste Versuch ist am 8. d. M. im Königstädtischen Casino gemacht worden. lieber 1000 Personen hatten sich eingefnnden. Vertreteraller "Dichtungen waren anwesend und viele der großen Tagesblätter Berlins hatten ihre Berichterstatter entsandt. In Vertretung des ersten Vorsitzenden eröffnete Rechtsanwalt Silber gl eit die Sitzung. Er begrüßte die Anwesenden, wies ans den Zweck der Versammlung hin, und hieß Herrn Tr. H e r z l, den die Berliner Zionisten zum zweitenmale innerhalb der letzten Wochen in ihrer Mitte zu sehen die Freude haben, in begeisterten Worten willkommen. Darauf ergriff Herr Tr. Löwe das Wort zu seinem einleitenden Vortrag: „Ter Zionismus und die deutschen Juden." Referent schildert die verschiedenen Phasen, welche der Zionismus durchgemacht. Zuerst wurde er von den „Klugen" belächelt, dann bekämpft und zuletzt als Gefahr verschrieen. Der Zionisttlns erstrebt neue Bahnen zur Lösung der Judenfrage, er bricht mit dem alten Schlendriansystem des bisherigen Scheinjudenthums, und setzt an die Stelle des Wortes den Begriff, die lebendige That. Tie Zionisten betrachten die Juden nicht nur als Anhänger eines Glaubens, denn der Glaube hat innerhalb des Judenthums selbst gar verschiedene Schattierungen. Für uns sind die Juden Söhne eines Volkes, die eine gemeinsame Vergangenheit hatten und die auch nur als Volksgemeinschaft eine Zukunft haben. Ohne Chauvinisten zu sein, müssen wir darnach streben, uns der ruhmvollen jüdischen Geschichte würdig zu zeigen und mit Stolz unsere Abstammung zu bekennen, denn wenn wir ein Voll sein wollen, so müssen wir uns auch der Pflichten bewusst sein, die uns daraus erwachsen. Er beleuchtet dann in großen Zügen den Gruudgcdauken des Zionismus, und constatierte das Vorhandensein einer Jndenfrage überall da, wo Juden wohnen.

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