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Die Welt · 1898-02-18 · 7 (18.2.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
7 (18.2.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-02-18
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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erhebt sich, zieht sich zur Berathung zurück, erscheint wieder, und verkündigt, dass diese Anträge abgelehnt wurden. Das wiederholt sich ein dutzendmal. Ein dutzendmal kann man glauben der Gerichtshof berathe ernsthaft, ob die Anträge Laboris' nicht doch berechtigt seien. Endlich entfährt dem Präsidenten ein aufrichtiges Wort. Nachdem er wieder eine Ablehnung verkündigt, fügt er hinzu: „So wird es Ihnen jedesmal gehen." Jetzt ist der Präsident der Naive. Er gibt also zu, wenn der Gerichtshof sich erhebt, wenn er sich zur Berathung zurückzieht, wenn er wieder erscheint, so ist das alles nur Komödie. Die Anträge der Verteidigung werden eben immer abgelehnt, ohne Berathung, auch die, die noch gestellt werden, auch die, die etwa vollständig gerechtfertigt sind. Wahrlich, wenn die Romane Zola's so schlecht und durchsichtig gemacht wären, wie das Spectakelstück, als dessen Held er jetzt figurieren muss, seine Stimme hätte nicht so viel Gewicht. Wenn Zola allabendlich auf die Straße tritt, um durch die johlende Menge nach Hause zu fahren, dann mag er über diejenigen, die seine Richter sind, wohl denken: schlechte Komödianten, nichtswürdige Schauspieler und Coulissenreißer mögen sie sein — aber die Massen verstehen sie zu bewegen, die Comparserie fungiert trefflich unter ihrer Leitung. Das ist aber auch alles, was sie verstehen. Auf die Beschimpfungeu, die Dr. Bloch in der „Oesterreichischen Wochenschrift" ausstößt, nochmals zu antworten, ist überflüssig. Es sei hiemit nur festgestellt, dass wir einen Brief des Herrn Dr. Nordau in Händen haben, in welchem er mittheilt, dass er bei Einsendung seiner Berichtigung an die Bloch'sche Wochenschrift ausdrücklich den unverkürzten Abdruck verlangt habe. Wenn Dr. Nordau die spätere Zuschrift des Dr. Bloch unbeantwortet ließ, so geschah dies, weil er von hier den Rath erhalten hatte, sich mit Dr. Bloch in keine weitere Correspondenz einzulassen. Die Redaction. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, am 7. Februar 1897. An den verantwortlichen Redacteur der periodischen Druckschrift „Die Welt" Dr. Siegmund Werner, Wien. Mit Bezug auf den Artikel „Ein unterschlagener Brief" in der periodischen Druckschrift „Die Welt" Nr. 5 vom 4. Februar 1898 ersuche ich, als Herausgeber und verantwortlicher Redacteur der „Oesterr. Wochenschrift", auf Grund § 19 des Pressgesetzes um Aufnahme nachstehender Berichtigung in der gesetzlichen Form und Frist: Berichtigung. Es ist unwahr, dass ich nach der Publicierung des Artikels „Quittung" von Dr. Glaser einen Brief von Dr. Max Nordau erhalten, mit der stricten Aufforderung, den Brief entweder ganz zu publicieren oder sonst überhaupt nichts daraus zu veröffentlichen. Wahr ist vielmehr, dass das Schreiben des Herrn Dr. Max Nordau eine Verwahrung gegen den etwaigen theilweisen Abdruck der Zuschrift nicht enthielt. Wahr ist ferner, dass ich Herrn Dr. Max Nordau mit den Gründen, welche mich bestimmten, sein Ansuchen um vollständigen Abdruck des Briefes abzulehnen, auch mein Vorhaben, den fachlichen Theil desselben abzudrucken, rechtzeitig zur Kenntnis gebracht, ohne dass Herr Dr. Mar Nordau dagegen Einspruch erhoben hat. Gegen die in der Ueberschrift des Artikels gegen mich geschleuderte Anklage, einen Brief unterschlagen zu haben, behalte ich mir weitere Entschließungen vor? Hochachtend D r. Josef S. Bloch, Herausgeber und veranlrv örtlich er Redacteur der „Oösterreichischen Wochenschrift". Die Reichstagswahlen und der AntifrrnMsuurs. Bon S. Lublinski. (Berlin). Man darf gespannt sein, wie die antisemitische Partei in Deutschland bei den nächsten Reichstagswahlen abschneiden wird. Manchmal sieht es so aus, als wäre der Antisemitismus in vollem Niedergang begriffen, und sogar Ahlwardt, der Glorreiche, beklagt sich bitterlich, dass die Schaustücke der letzten Jahre, namentlich das Bärenweib bei Castan, seiner Dreißig-Pfennigcollecte einen erheblichen Abbruch thaten; die meisten deutschen Juden lassen sich daher in ein Gefühl der Sicherheit hineinwiegen, welches gar nicht einmal zu tadeln ist. Denn trotzdem bewahrt der deutsche Jude ein reges Interesse für jüdische Verhältnisse und für die Schicksale seines Stammes in fernen Welttheilen. Selten wird er sich entschließen, Zionist zu werden, und nicht ganz mit Unrecht betont er seine innige Verflechtung mit der 'deutschen Cultur. Naturgemäss wird es unter solchen Umständen entsetzlich schwer und kostet manchen harten Seelenkampf, sich zum Gedanken eines nationalen Judenthums emporzuringen. Wenn es aber gelingt, dann ist der Zionismus nicht mehr nur eine Reaction auf empfindliche Kränkungen, sondern eine große, geschlossene Weltanschauung. Das Nationalgefühl eines solchen Zionisten hat einen positiven Inhalt und wächst sich zu einem Culturideal aus, statt sich auf Angriff und Abwehr zu beschränken. Darum glaube ich, dass es auch im Interesse des Zionismus und durchaus zu wünschen wäre, wenn sich die Verhältnisse in Deutschland in ruhiger Weise fortentwickelten. Die Massen mögen dann nicht in einem plötzlichen Impuls zum Zionismus Hinströmen, um ebenso plötzlich wieder abzufallen. Wir werden dann zwar langsam, aber dauerhaft unsere Eroberungen machen, kraft der mächtigen Anziehung eines großen Gedankens und einer energisch durchgebildeten Weltanschauung. Wenn ich darum an dieser Stelle einige Symptome des erwachenden Antisemitismus constatiere, so geschieht das nicht, um Gespenster an die Wand zu malen und vermittelst des Schreckens Propaganda zu machen. Aber ein schwaches, trübes Wölkchen, wenn man es nicht beachtet und sich nicht vorsieht, kann der Vorbote eines Sturmes werden, der die allzu Sicheren unheilvoll überrascht. Eine Warnung ist darum immer am Platz, selbst wenn sie einer zu großen Aengstlichkeit entspringt. Die Politiker aller Parteien beschäftigen sich schon eingehend mit den nächsten Reichstagswahlen. Allgemein ist die Erwartung, dass diesmal höhere Dinge auf dem Spiel stehen, als wofür sonst in der Wahlschlacht die Würfel geworfen werden. Der Parlamentarismus strebt sichtlich nach einer Erweiterung seiner Rechte und hat sich die hartnäckige Opposttion im österreichischen Reichsrath einigermaßen zum Muster genommen. Anderseits gibt auch die Krone durch kräftige Lebensäußerungen Kunde von ihrem Dasein. Das demokratische und das absolutistische Bewusstsein regen sich beide kräftiger, als je zuvor, und werden sich im Wahlkampf als gepanzerte Gegner gegenübertreten. Ein vorgeschobener Posten in diesem Kampf ist die preußische Bureaukratie, gegen welche sich in Folge von Missgriffen sulbalterner Organe ein unglaubliches Maß von Erbitterung angefammelt hat. Ganz ernsthaft wagte eine angesehene Tageszeitung den Vorschlag, den „Kampf gegen den Schutzmann" zur Wahlparole zu erheben. Neugierig darf man auch sein, wie sich die Socialdemokratie verhalten wird, ob sie gemeinsam mit den Freisinnigen Front gegen die Agrarier macht. Denn, und das ist für uns Juden das Wichtigste, die Hauptschlacht wird diesmal zwischen den Industriellen und den Agrariern geschlagen werden. Es soll sich entscheiden, ob Deutschland schon ein moderner bürgerlicher Culturstaatt geworden ist, oder ob der halb absolutistische Feudalftaa. aus dem vorigen Jahrhundert noch immer in Kraft besteht.

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