Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Der zweite Zionisten-Congreß
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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sondern wünscht sich des Wohlwollens Aller zu versichern und hofft es auch allmählig zu erlangen. Darum wurde der ursprüngliche Antrag, den Congress nach London einzuberufen, schließlich abgelehnt. Die allzeit sprungbereite Böswilligkeit unserer Gegner hätte leicht einen solchen Anlass zu Mißdeutungen benützen können. So soll denn dort, wo der erste Stein gelegt wurde, auch der zweite gefügt werden zu dem Bau der Zukunft, den wir geduldigen Herzens und voll Hoffnung ausiühren. In der letzten Augustwoche dieses Jahres sehen ffch die Vertreter der Zionisten in Basel wieder, unserem Volke zur Ehr' und Wehr'. Sie werden kommen, wie es in der Schrift heißt, von den vier Enden der Erde. Wien, 17. Februar 1898. Man lernt eine merkwürdige Sorte von Menschen kennen in diesem merkwürdigen Process, den Emile Zola jetzt im Namen der Wahrheit führt. Die Leute benehmen sich wie Figuren in einem Theaterstück. Sie treten unter großer Spannung auf, sie sagen aufs Stichwort ihren Part her, jeder bleibt ängstlich im Charakter seiner Rolle, und dann gehen sie ab, während man ihnen applaudiert oder sie auszischt. Wie der Chor in der Tragödie begleitet das Publicum die Scenen dieses Schauspieles mit seinen Unisono-Reflexionen, und ein noch größerer Chor steht unten auf der Straße und brüllt, dass man nicht im Zweifel sein kann, welcher Ausgang, welcher Actschluss gefordert und erwartet wird. Wie aus dem Theater die Correctheit der processualen Ordnung zugunsten der dramatischen Wirkung durchbrochen wird, so verfährt man jetzt auch im Schwurgerichtssaal mit der Justiz, dem Effect zuliebe; denn die Autoren dieses neuesten Zugstückes, die Verfasser der Dreyfus-Eßterhazy-Zola-Trilogie wollen den Erfolg um jeden Preis, gleichviel, mit welchen Mitteln. , Neckisch ist der Präsident, dem sonst immer die Aufgabe zufällt, den gesetzlich gewährleisteten Wahrheitsbeweis Kraft des Gesetzes zu schützen. Diesmal antwortet er auf die Frage des Verteidigers: Wie sollen wir die Wahrheit'beweisen. wenn man den Beweis nicht erlaubt? mit der artigen Hänselei: „Das geht mich nichts an." Oberst Picquard spielt*die Rolle der Naiven. Als ihn der Vorsitzende des Kriegsgerichtes gegen Eßterhazy fragte: „Haben Sie die Briese des General Gonse?" da erwiderte Picquart: „Ich habe sie", und überreichte dem Vorsitzenden das Paket. „Danke", sagte dieser und steckte die Briefe ruhig ein. Auf so einfache Weise kam der Generalstab in den Besitz von Schriftstücken, die ihm unangenehm waren. Der Präsident erklärt, er werde von Dreysus nicht sprechen lassen. Er sei fest dazu entschlossen. Er führt diesen Entschluss auch consequent durch, so lange Picquart, Scheurer-Kestner und Frau Dreysus sprechen. Er unterbricht sie beim ersten Wort. Als aber Kriegsminifter Mercier aussagi: Dreysus war ein Verräther, er wurde richtig und gesetzlich verurtheilt, zeigt der Präsident, dass es eine Möglichkeit gibt, von Dreysus reden zu dürfen. Der Präsident spielt die Rolle des Tyrannen, die schon auf der altfranzösischen Bühne so gute Vertreter gesunden. Die Rolle des unparteiischen Richters scheint ihm nicht zu liegen, denn als der Vertheidiger sich wiederholt in der Ausübung seines Amtes beschränkt sieht, und formelle Anträge ankündigt, sagt der Präsident zu ihm: „Thun Sie was Sie wollen — hier bin ich der Herr!" Das ist der erste Richter, der sich für einen Gebieter hält. Der Effect ist gut, aber nur in der Comödie sagen die Rechtsbrecher, dass sie die „Herren" sind. Wo ihnen die Begriffe fehlen, da stellt das Wort zur rechten Zeit sich ein. Besonders das decorative, das groß klingende Wort, das aus die Massen wie Sturmgeläute wirken soll. Jede Discussion, die unbequem zu werden droht, erstickt man sogleich im Bim-Bam tönender Phrasen. Oberst Henry versteht diese echt französische Kunst. Er möchte sich gerne entfernen, denn er sieht voraus, dass die Advocaten ihm ungemüthlich werden könnten. Er schützt Fieber vor, der Vertheidiger Zola's glossiert dieses Verhalten, und die Stimmung scheint sich gegen den Oberst wenden zu wollen. Aber Oberst Henry ist gefasst: „Ich habe achtzehn Feldzüge mitgemacht und möchte jetzt nach Hause gehen!" ruft er aus und hat gewonnen. Allen scheint es so, als hätte der brave Soldat diese achtzehn Feldzüge soeben in einem Athemzug absolviert und wünsche nun nach den Kriegsstrapazen sein geliebtes Heim wieder aufzusuchen. Ein Wort dagegen zu reden wäre Vermessenheit. Den Oberst zu erinnern, dass die achtzehn Feldzüge mit seinem Wunsche, sich der Zeugenaussage zu entziehen, in äußerst losem Zusammenhang stehen, wäre Tollkühnheit. So rettet der Ton, die Phrase, wo nichts anderes mehr Helsen kann. Weniger glücklich ist General Pellieux. Der möchte das Terrain im Sturm für sich erobern, und Zola mit einem einzigen Satz zu Boden werfen. Und obwohl das Jahr 1870 mit dem Process noch weniger zu thun hat, als die Affaire Dreyfus, beginnt er davon zu reden und sagt: „Wer weiß, wo gewisse Leute während des Krieges sich verborgen hielten." Zola aber, der Mann, der aus dem Sedanstage ein Ruhmesblatt für Frankreich geschaffen, erwidert: „Sie haben damals sicher viele Siege erfochten, aber die Nachwelt wird entscheiden, wer dem Vaterlande mehr geleistet hat. Sie oder ich." Und der General erlebt die sicherlich nicht ungewohnte Enttäuschung, eine Attaque zurückgeschlagen zu sehen. Du Paty de Clam, derPeiniger des Dreyfus, erscheint vor Gericht und sagt, auf das Fräulein von Comminges anspielend: „Ich bin entrüstet, dass es erlaubt sein soll, die Ehre eines jungen Mädchens zu berühren." Sofort sind die galanten Franzosen auf seiner Seite, aber nur so lange, bis Labori erwidert: „Dieses junge Mädchen ist 55 Jahre alt." Die trübseligste Rolle spielt Bertillon, der Sachverständige im Schreibfache. Bertillon, die „Autorität", auf deren Ausspruch hin Dreyfus entehrt und verurtheilt wurde. Er langweilt den Gerichtshof mit lächerlichen graphischen Darstellungen. Er hat eine Festung gezeichnet, welche beweisen soll, dass Dreyfus ein Verräther ist. Alle, die seinen Darstellungen folgen, gewinnen die Ueberzeugung, dass man es hier mit Spielereien zu thun hat, dass die groteske Fexerei des Herrn Bertillon diesen selbst zwar amüsieren mag, wie andere etwa durch Laubsägearbeiten zerstreut werden — dass es aber abenteuerlich ist, aus solche Dinge hin Urtheile zu fällen. Bertillon selbst scheint allmählig zu ahnen, wie vermessen es war, das Geschick eines Menschen mit seinen Zeichnungen und Schlüsseln zu entscheiden. Er verliert die Fassung, er stammelt, wird bleich, und taumelt hinaus. Der Präsident hatte verboten, von der Affaire Dreysus zu sprechen — in Bertillon erschien sie neu verkörpert und leibhaftig, und es brauchte keines Wortes, ein Blick genügte auf die schlotternde Gestalt dieses Mannes, das war mehr als Worte. Der Vertheidiger Zola's in seiner Beweisführung eingeschränkt, stellt formelle Anträge. Der Gerichtshof