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Die Welt · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Article
Das Fest der Bäume
Date
1898-02-11
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite.!* er ungemein gering und hielt es. unt.er seiner Würde, sich mit ihnen zu befassen. Er betrachtete sie als Eintagsfliegen, als etwas, das heute noch die Köpfe, und die Herzen aller Leute beschäftigt, morgen aber schon vergessen und unbeachtet ist. Wenn man ihn wegen seiner Gleichgültigkeit gegenüber den Fragen, die aus der Tagesordnung waren, beftagte, so antwortete er stolz: „Ich beschäftige mich nur mit Wissenschaft". Aber auch in dem, was er wusste, machte er keinen Fortschritt oder nahm - er irgendwelche Aenderung vor. „Ich habe genug an dem, was ich schon, weiß", pflegte er zu sagen, „es ist so ziemlich alles schon darin enthalten, und die Neueren haben nichts dazu hinzugesügt." Tie jüngeren „Maskilim", deren Zahl sich in den letzten Zeiten im. Städtchen vermehrt hatte, lachten ihn deshalb aus und gaben ihm den Spottnamen „Phonograph", indem sie sagten, er gebe nur jedesmal, die Worte wieder, die in seiner Jugend in ihn hineingesprochen worden waren, ohne auch nur einen Ton daran zu ändern. Merkwürdig war, dass er mit derselben Hartnäckigkeit, mit der er gegen alles Neue ankämpfte, auch nichts von allem dem wissen wollte, was von ihm hochgehalren und als vernünftig betrachtet worden war. Er nannte es „Anachronismus" und verspottete diejenigen, die daran sesthielteu. So beobachtete er auch jetzt spöttisch das Treiben der Leute aus dem Markte und ' schüttelte darüber den Kopf. — „Was lachst Du?", fragte ihn einer seiner Bekannten, indem er auf ihn zuttat „weißt Du nicht, dass dies eine Erinnerung an das Land unserer Väter, an „Erez Jsroel" ist, weil dort in dieser Zeit die Bäume zu blühen beginnen, und fiir sie ein neues Jahr anbricht, in welchem sie wieder Früchte bringen werden?" ... — Das ist ja eben eine Münze, die außer Verkehr gesetzt ist, das ist ja das, was ich immer gesagt habe, dass wir bei allen unseren Gebräuchen vergesien, dass ihre Berechtigung schon längst geschwunden ist. Beten wir denn nicht auch zum Beispiel im Winter fiir den Landmann, „Gib Thau und Regen", während er doch in der Zeit hier im Lande Schnee und Fröste benöthigt. . . . — Dieses Gebet ist auch fiir „Erez Jsroel", weil dort gerade in der Zeit unseres Winters die Regenzeit ist. . . . — Für „Erez Jsroel"?! antwottete Jakob mit Kopfschütteln, wir wohnen ja hier, und dott bebauen Barbaren das Land! Was haben wir mit ihnen Gemeinsames? Benöthigen etwa die jüdischen Schnorrer, die dott an den Gräbern sitzen und beten, Thau und Regen? . . . — Wir hoffen ja aber, einmal zurückzukehren! . . . — Zurückzukehren?! Anachronismus! . . . Damit hatte das Gespräch ein Ende. Jakob verließ den Marktplatz und begab sich in das Haus eines Freundes, der eben aus der Hauptstadt zurückgekehtt war, und bei dem er Neuigkeiten zu hören hoffte. Wie erstaunt war, er aber, als er die Wohnung seines Freundes bettat, und dott auch „Chamischooffar" fand. Die Kinder des Freundes, welche im Zimmer spielten, waren voller Freude, ihre Augen glänzten, und ihre Gesichter drückten großes Vergnügen aus. Ein jedes von ihnen hatte „ Chamischoossar erhalten und brüstete sich vor dem andern, dass sein Theil das Beste und Größte sei. — Ich habe Feigen bekommen! — Meine Datteln find besser als Deine Feigen. . . . — Aber nur ich habe Mandeln. — Vater, gib mir auch Mandeln. — Gib mir von Deinen Feigen zu kosten. ... — Vater, Du hast auch Rosinen gebracht, gib sie uns! Der Vater antwottete nicht, sondern erhob sich, um Jakob Löwy zu empfangen. Jakob setzte sich an den Tisch, schaute aus die Kinder und schüttelte endlich mit dem Kopse. — Warum wunderst Du Dich? fragte ihn der Witt des Hauses. — Ich sage es ja schon lange, dass wir bei allen unseren Bräuchen niemals erwägen, ob sie auch noch immer berechtigt sind. — —- Was fällt Dir plötzlich ein, darüber zu sprechen? siehst Du Böses an diesem Brauche? — Die Früchte, die Ihr heute esset, sind ja zun denken an vergangene Zeiten, an ein Land, mit dem wi nichts mehr Gemeinsames haben. — Lassen wir das Thema, wehrte der Hausherr al bin nicht aufgelegt, darüber jetzt zu discutieren. Aber wil nicht mit mir zusammen ein Glas Wein oder Cognac tri Ich habe eine gute Sorte aus der Hauptstadt mitgebrack — Wenn sie gut sind, mit Vergnügen! . . . Jakob { Freund brachte eine Flasche Cognac und eine Flasche und sie ttanken von beiden. — Schmeckt es Dir? — Sie sind in der That beiweitem besser als u bei uns im kleinen Städtchen bekommt. — Ja, weißt Du, woher sie sind? — Aus Frankreich. ... — Schau die Etiquette an! Löwy schaute auf die Etiquette, las auf ihr „5 Lezion" und war sehr verwundert. Der Wirt des Hauses, der dies bemerkte, sagte 31 —- Heute wirst Tu doppelt staunen müssen, den die Früchte, die meine Kinder essen, sind aus „Erez I aus den Colvnien, in welchen unsere Brüder, arbeiten. Und nun erfuhr er all' das diene, was. sein Frei der Hauptstadt vernommen hatte, über die Colvnien, Palästina gegttindet wurden, über den Zionismus) : an Verwirklichung viele uneigennützige undopferfreudige! arbeiten, und über die Resultate, die bisher erzielt wur Löwy hörte ganz. verblüfft zu. „ Colvnien in Erez Juden tteiben Ackerbau... der Judenstaat.".... Nr schwer zu fassen waren ihm diese Gedanken. — Jetzt siehst Tu schon, dass das, was Du. 2 nismus nennst, doch seine Berechtigung hat. — Was sagst Du? ■ — Wenn wir nicht fottwährend um - das Wr heiligen Landes gebetet hätten, wennwir nicht im „Gib Thau und Regen" sagen und im Schwat Früch würden, da hätten wir schon längst an „Erez Jsroe gessen, und würden gar nicht daran denken, uns dott einmal ansässig zu machen. Unsere Vblksbräuche, die Tradition fußen, beweisen unsere Hoffnung, die di Gefühle in uns wiedererweckt und uns zu Thaten Zukunft unseres Volkes anregt. Diese Fttichte sind 1 Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit und w uns die Sehnsucht nach einer'ähnlichen Zukunft. — Vater, unterbrach ihn sein, siebenjähttger Sc auf ihn zutrat mit t>er- Bibel in der Hand — Vat dies dieselben Feigen und Datteln, von denen in der I zählt wird? Schau her: „Ein Land von Weizen, Gers stöcken. Feigen und Datteln". Wachsen diese Feigen und die Tu uns gegeben hast, auch in „Erez Jsroel?" — So ist es, mein Kind! antwortete der Bc... .. . küsste ihn auf die Wange. Der Knabe lief schnell zuttick zum anderen Tische, an dem seine Geschwister spielten, und rief frohlockend aus: „Seht Ihr, der Vater sagt auch, dass ich Recht habe. Diese Feigen und diese Datteln, alle wachsen sie in „Erez Jsroel" und von allen wird in der Bibel erzählt". — In „Erez Jsroel?" fragte Löwy diesen. — Hast Tu es bemerkt? Schon den Kindern wird es auf diese Weise eingepflanzt. — Ader Palästina ist ja wüst, so wenigstens habe ich gelesen, und ein Land, in dem nur die Pilger etwas zu suchen haben! — Wir werden aber das Land wieder beleben und zu seiner alten Blüte bttngen. — Anachronismus, murmelten Löwy's Lippen gleichsam mechanisch. — Ein Anachronismus bist Du selbst, antwottete ungeduldig werdend der Freund — ein Anachronismus von anno dazumal!

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