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Die Welt · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Article
[Kommentar] / Békach, Ch.
Date
1898-02-11
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Seite 13 „Ucbcr gesellschaftlichen und politischen Antisemitismus" schreibt Pfarrer Naumann in der „fntfc": „Man muss, wenn man von Antisemitismus redet, zweierlei genau unterscheiden, nämlich die Stellung der Juden innerhalb der Gesellschaft und innerhalb des Staates. Welche Rolle sie innerhalb der Gesellschaft spielen, ist eine wichtige, aber keine politische Frage. Keine politische Partei kann das Geringste darüber bestimmen wollen, in wieweit ihre Mitglieder den geschäftlichen und persönlichen Verkehr mit Israeliten suchen oder vermeiden sollen. Das ist vom Standpunkt aller Parteien aus Privatsachc, selbst vom Standpunkte der antisemitischen Parteien aus, denn auch diese können nicht hindern, dass sogar ihre Parteiorgane mit jüdischen Annoncen zu thun haben oder Personen mit ganz oder halb semitischer Abstammung sich ihnen aus Abneigung gegen ihre eigenen Stammesgenossen anschließen. Aber selbst wenn es, was wir bezweifeln, irgend einer antisemitischen Gruppe gelungen sein sollte, die Boykottierung der Israeliten für den engeren Kreis ihrer Anhänger durchzusühren, so würde sie nicht im Geringsten eine politische Leistung sein, denn dieser gesellschaftliche und geschäftliche Boykott würde an der Stellung des Juden als Staatsbürger nicht das Geringste ändern. Die Stellung der Juden im Staate ist aber der einzige Stoff, um den sich ein politischer Antisemitismus gruppieren konnte, Alles andere, was 'Antisemitismus genannt wird, ist vom politischen Standpunkte aus nur Decoration. Das Programm des politischen 'Antisemitismus kann seiner Natur nach nicht reichhaltig sein. Man hat zwar bisweilen von „antisemitischer Weltanschauung" gesprochen, aber das ist offenbar nur eine der gerade bei den Antisemiten landläufigen bombastischen Redewendungen. Es dreht sich der ganze politische Antisemitismus um folgende Punkte, die sich in den Programmen der Lrebermann'schen und Böckel'schen Richtung vorfinden: Aufhebung der Gleichberechtigung, Herstellung eines besonderen Judenrechtes, Verbot jüdischer Einwanderung, Ausschluss der Juden aus Parlament, Staats- und Gemeindeämtern. — Alles andere, was in den antisemitischen Programmen geschrieben steht, mag es sonst nützlich sein oder nicht, lässt sich aus dem antisemitischen Grundgedanken nicht ableiten. Es war daher ein Fehler, den Antisemitismus, der ja agitatorisch leicht zu behandeln ist, zur Grundlage einer politischen Parteibildung zu machen, denn von Agitation allein lebt keine Partei. Sie muss bestimmte Grundgedanken haben, von denen aus sich das ganze politische Leben beleuchten lässt und von denen aus man Antworten auf die einzelnen schweren Fragen der Tagespolitik findet. Hierin aber hat sich der Antisemitismus als völlig unfruchtbar erwiesen. Der Antisemit als solcher kann für oder gegen Militär- Vorlagen, für oder gegen Umsturzgesetze, für oder gegen Handelsverträge, für oder gegen 'Arbeiterschutz, für oder gegen Monarchie sein, sein Antisemitismus zeigt ihm in keiner Form den Weg. Es hängt von zufälligen Ansichten der Führer oder von tactischen Augenblicks-Erwägungen ab, ob man sich so oder so entscheidet. Deshalb muss der Antisemitismus, sobald er politisch austreten will, ein Bild der Zerfahrenheit bieten, er muss es, denn ihm fehlt eben eine politische Gesammtanschauung. Tie Grundlage, auf die er sich gestellt hat, ist für einen politischen Bau zu^klein." >.1.6 Temps*‘ publiciert ein Interview mit dem hervorragenden russischen Gelehrten und Dichter Solowiefs über den Antisemitismus: „Zweifellos", sagt der Gelehrte, „ist der Antisemitismus keine ausschließlich ftanzösische Bewegung, aber wenn man an die erhabenen und liberalen Ideen der französischen Republik denkt, so hält man es geradezu für unmöglich, dass in Frankreich für den Antisemitismus ein Platz wäre. Solche Manifestationen erscheinen mir auch für Frankreich sehr gefährlich. Es ist zu befürchten, dass dieser Rückschritt in der Civilisation nicht als Fortschritt betrachtet werde, da wir schon gewohnt sind, in Frankreich den Führer der Nationen zu sehen. Ich bin bereits ein- oder zweimal mit Drumont zusammengekommen. Ich halte ihn nicht für so schlecht, wohl aber für wenig unterrichtet. Ich habe ihn eingeladen, zn uns nach Russland zu kommen und unter den Millionen Juden zu leben, statt sich seine 'Ansicht nach der geringen Minorität der ftanzösischen Juden zu bilden. Er wollte aber darauf nicht eingehen. Was Russland betrifft, so kann ich nicht leugnen, dass unser Antisemitismus oft brutaler als in Frankreich oder anderswo austritt, aber er verdirbt die öffentliche Meinung weniger als in Frankreich. Er ist hier zumeist eine 'Angelegenheit der Regierung ^und je nach ihrem Gutdünken mehr oder weniger rücksichtslos. Sie erinnern sich an die Judenvertreibungen aus Moskau. Man behauptet, dass der jetzige Gouverneur von Moskau eine Petition an den Ezaren zu richten gedenke, dass selbst die privilegierten Juden nicht in Moskau wohnen dürfen. Hoffentlich wird er abgewiesen werden." Aus Algier schreibt man dem „Hameliz": „Voller Befriedigung sahen die gebildeten Franzosen, diese Herolde der Eivilisations- und Freiheitsideen, den Verheerungen zu, die an^den hiesigen Juden in den letzten Tagen verübt wurden. e>o weit haben es nicht einmal die barbarischen Rumänen und die wilden MaroKaner gebracht — wie die civili- Nerten französischen Freiheitshelden Algiers. Fünf Tage wüthete das zügellose Plündern, bis endlich am sechsten Tage Nch die Behörden zum Einschreiten veranlasst sahen: es war aber nicht nur zu spät, sondern eS half auch nicht viel. Denn die Plünderung dauerte noch am folgenden Abend fort. Ter Schaden, der den jüdischen Bewohnern zugefügt wurde, wird auf einige Millionen Francs geschätzt — Auch eine Synagoge wurde geplündert und demoliert, einige Thorarollen geschändet und zerrissen. Die Behörden sahen es ruhig mit an. Es wäre aber weit gefehlt, anzunehmen, dass diese Ercesse eine Folge der Dreysüs-Affaire gewesen. Schon lange vorher haben die Franzosen 'Algiers auf den Anlass gewartet, ihr Müthchen an den Juden;ii kühlen. Roch aber war die behördliche Fürsorge für die jüdischen Unterthanen nicht unter den Nullpunkt gesunken. Die Affaire Treysus und der offene Brief Zolas an den Präsidenten der Republik haben dieses Sinken der Theilnahme und des Wohlwollens ries unter den Nullpunkt bewirkt, und die Hetze konnte insceniert werden. Aber wozu sich über die R egierung beklagen, wenn daS Volk es nicht anders will und unS, gerade uns sich als Prügelknaben auserkoren hat. Wann und wie das einmal ein Ende nehmen wird? Vielleicht, wenn wir zum Judenthum zurückkehren und jener Idee der Selbsthilfe uns anschließen, die Zionismus heißt, ihr zum Durchbruch verhelfen, aus dass wir endlich erlöst werden. Eh. B s k a ch. * Pas Fetz der Bäume. Von R. A Brandes. Aus dem hebräischen Manuscripte übersetzt von A. Hausmann — „Anachronismus!" Es ist am fünfzehnten Sch'wat, in einem kleinen Städtchen in Polen. Der Mann, der inmitten des Marktes das Wort „Anachronismus" ausrief, ist Jakob Löwy, mit dem Beinamen der „Gelehrte". Der Marktplatz hatte heute eine neue Physiognomie angenommen. Es war kein Markttag, an dem die Bauern der Umgegend zusammenströmten, um ihre Waren zu verkaufen und ihre Einkäufe zu besorgen. Heute sah man eine Menge Leute, die jüdischen Bewohner des Städtchens, am Marktplatze auf- und abgehen. An den Seiten des Marktes sind Tische und Fässer mit aufgelegten Brettern aufgestellt, über die Tische und Bretter sind weiße Tücher aus gebreitet, und auf ihnen liegen verschiedene Südfrüchte : Orangen, Feigen, Datteln, Mandeln, Rosinen, Johannisbrod und andere. Ein jeder von den Herumgehcnden kauft von ihnen, je nach seinem Vermögen und der Größe seiner Familie ein, der Reiche mehr, der Arme weniger, aber niemand geht an ihnen vorüber, ohne auch nur etwas zu kaufen. „Chamischoossar" ist heute, das 'Reujahr für die Bäume, und an diesem Tage ist es ein alter, jüdischer Brauch, Früchte zu essen, über sie den Segensspruch auszusprechen und sie den Kindern zu schenken. Die Kinder wissen den Wert des Tages zu schätzen und freuen sich schon lange vorher auf ihn. Die Früchte, die sie erhalten, nennen sie auch „Chamischoossar", indem sie schon im vorhinein darum bitten: „Lieber Vater, bring mir „Chamischoossar!" oder, wenn das Erhaltene ihnen zu gering erscheint, sich darüber beklagen: „Mutter, du hast mir zuwenig „Chamischoossar" gegeben!" Die Eltern wissen sehr gut, dass sie ihren Kindern damit eine Freude bereiten, und deshalb gehen sie jetzt ans dem Markte herum, um „Chamischoossar" zu kaufen. Jakob Löwy ist auch auf dem Markte. Er schaut auf die aufgestellten Tische und Fässer, und beobachtet das Treiben der Leute. Ein überlegenes Lächeln spielt um seine Lippen und halblaut spricht er vor sich hin: „Anachronismus!" Er will damit das Veraltete an dem Brauche bezeichnen, er ist ihm wie eine Münze, die schon aus dem Verkehr gesetzt ist, ein Ding, dessen Berechtigung schon längst nicht mehr vorhanden ist. — Jakob Löwy gilt in der Stadt als Denker. Schon in seiner Jugend war er der einzige „Gebildete", der „Aufgeklärte" im Städtchen. Zu jener Zeit las er viele Bücher und dachte über sie viel nach. Auf seine „Bildung" und „Aufklärung", es ist dies die Bildung und Aufklärung der Vierzigerjahre unseres Jahrhunderts, that er sich viel zugute. Er glaubte fest an sie, sie wurden ihm zn einer neuen Gottheit, die er anbetete, zu einer Religion, in die er sich vertiefte, und von der er bis zum heutigen Tage weder nach rechts noch nach links abgeirrt war, als ob in der ganzen Zwischenzeit gar keine Aenderung und kein Fortschritt sowohl im Leben als auch in den Ansichten eingetreten wäre. Die actuellen Tinge und Strömungen schätzte

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