Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- New-York / M. S.
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 6 Es unterliegt nun keinem Zweifel, dass der Zionismus mit der Bildung der Centrale für Amerika eine Form angenommen hat, welche die Bürgschaft für ein weiteres Umsichgreifen unserer Idee in sich trägt. Die bedauerlichen Vorgänge in Frankreich agitieren mit elementarer Gewalt für den Zionismus und erschließen diesem nun auch solche Kreise, die sich unseren Reden gegenüber taub verhielten. Ter Antisemitismus führt eben eine kräftigere Sprache als wir, und seine Argumente sind auch handgreiflicher. Die Zionisten Amerikas erwarten Alles vom Congresscontite, da die Einwanderungsbill im Senat bereits discutirt worden ist, und es umsomehr bloß eine Frage der Zeit ist, dass die scharfen Beschränkungen hinsichtlich der Einwanderung in Kraft treten. Die Frage der Colonialbank steht in jedem zionistischen Vereine auf der Tagesordnung, und das Jnslebentreten dieses zionistischen Finanzinstitutes wird hier nicht nur mir großer Freude, sondern auch mit thatkräftiger Unterstützung begrüßt werden. M. 8. * Nemusmchnchteu. Die Jüdisch-academische Verbindung „Unitas" veranstaltet am 17. Februar 1898 im Ballsaal des „Hotel Continental" ihr diesjähriges Kränzchen. Nach den bisherigen Erfolgen zu schließen, dürste das Kränzchen glänzend ausfallen. Tie Damenspende besteht aus einem Album, enthaltend 52 Originalbeiträge der bekanntesten jüdischen Autoren Europas. Im Wiener Verein „Zion" sand der in unserer vorigen Nummer bereits angekündigte Vortrag des Herrn Braud es über: „Shylock, Nathan und D r. Samuel" statt. Ter geistvolle Vortrag fand bei den in großer Menge erschienenen Zuhörern lebhaften Beifall. An der dem Vortrage folgenden Tiscussion betheiligten sich Dr. Landau, Rosenberger, Tr. Kahn und Dr. K o k e s ch. Der Ferialverein jüdischer Hochschüler „Massada" hielt im Beth-Hamidrasch zu Leipnik am 6. Februar eine öffentliche Pereinsversammlung ab. Herr Ing. Robert Stricker erklärte in seinem ausgezeichneten Referate der zahlreich erschienenen Bürgerschaft Weißkirchens das Programm der Zionisten. Seine Ausführungen fanden reichen Beifall, der sich auch in den Worten des Herrn Jacob Weiß kundgab, der aber darauf hinwies, dass die Juden vorerst die fremden Völker um ihre Erlaubnis angehen müssten, die zionistische Idee zu verbreiten. Die Antwort besorgte Herr J.-U.-Eand. Mar Riesenfeld dahin, dass das jüdische Volk wie jedes andere' das Recht der Selbstbestimmung habe, das es sich nicht nehmen lasse. Mil dem Ersuchen des letzten Redners, einer künftigen Aufforderung zum Beitritte zur „Massada" nachzukommen, schloss die Versammlung. Ll-d-. S MschnsttUiMdschllil. In der Prager „Geineindezeitnng" veröffentlicht der Jnspector der Nordwestbahn F. R. Engel eine zionsfreundliche Erwiderung gegen die Angriffe, die das genannte Blatt gebracht hatte. Wir reproducieren Einiges aus diesem lesenswerten Eingesendet : „Geehrter Herr Redacteur! Der in Nr. 1 des gegenwärtigen Jahrganges Ihrer geschätzten Zeitschrift enthaltene Artikel „Der Zionismus ad absurdum" ruft billigeriveife Erstaunen hervor, nicht allein ob des Inhaltes, sondern auch wegen der Form, in welcher er gehalten ist. Derselbe athmet eine gewisse Leidenschaftlichkeit, welche, wie immer in solchen Fällen, nicht nur nichts nützt, sondern nur Schaden anrichtet. Gestatten Sie nun mir — einem Arier, der jedoch das lebhafteste Interesse dem Judenthum entgegenbringt, somit einem nicht direct Betheiligten — das Wort zu ergreifen, da es mir ungleich leichter wird, den so nothwendigen kühleren Ton zu tresien. Gewiss ist es zunächst nur der erwähnten Leidenschaftlichkeit zuzuschreiben, wenn sich der anonyme Verfasser zu dem Satze (Seite 5) versteigt: „Es bekundet aber auch eine ganz merkwürdige Auffassung der Herren Eongresstheilnehmer (von Basel), sammtliche Juden als eine Nation hinzufteüen. Es ist dies gerade so unrichtig, als wenn man alle Menschen, die sich zum katholischen Glauben bekennen, als wenn man beispielsweise Franzosen, Deutsche, Russen, Magyaren, Neger (!) als eine Nation hinstellen wollte." — Das ist denn doch etwas stark. Vergleiche hinken zwar stets, aber ein solches Herbeiziehen derartiger heterogener Elemente, bloß um beweisen zu wollen, dass die Juden keine einheitliche Nation bilden, läuft doch übers Maß hinaus. Auf keinen Fall sind, weder in der Geschichte, noch in der Gegenwart, „die Juden durch Blutmischung mit den Nationen, mit denen sie leben, so eins geworden", wie der Verfasser meint. Man muss sich die strenge Abtrennung nur vergegenwärtigen, die seit undenklicher Zeit bestanden hat und eigentlich heute noch, trotz der seit 1848 erfolgten Gleichstellung stets vorhanden ist. Nur kurze Zeit, d. h. wenige Jahrhunderte vor den Kreuzzügen, also vor mehr als 800 Jahren, konnte von einem friedlicheren Beisammenleben der Juden mit den sie umgebenden Nationen in Mitteleuropa esprochen werden. Von da an aber datiert bekanntlich die surchtare Leidensepoche, in der jede Berührung mit Juden als das größte Verbrechen und die größte Schmach betrachtet und demgemäß geahndet wurde. Aller gegentheiligen Behauptungen ungeachtet, ist doch der physische und psychische Unterschied zwischen den einzelnen Juden des Orients, wie des Occidents lange nicht so groß, wie zwischen den Nationen Europas: den Deutschen, Magyaren, Slaven rc. und nun gar den Negern!... Eine weitere Behauptung in dem angezogenen Artikel, welche sofort der Richtigstellung bedarf, ist die, dass die Zionsidee „Entmuthigung in die Reihen der Juden" trage. Gerade umgekehrt! So wie der messianische Hoffnungsanker die Juden durch zwei Jahrtausende all' die entsetzlichen Greuel muthig und standhaft ertragen ließ, so lässt sich im Gegentheil gerade von dem Zionismus, dem ins Praktische übertragenen Messiasgedanken, erwarten, dass die ins Wanken Gerathenen wieder aufgerichtet werden und mit neuer Zuversicht den ungleichen Kampf aufnehmen werden. „Wenn den armen, unterdrückten Juden in Rumänien und Russland nicht anderweitig Hilfe geschaffen wird, — von der zionistischen Bewegung haben sie keine Besserung ihres Loses zu erwarten!" ruft der Verfasser auf Seite 5 aus; ferner: „Seit 2000 Jahren stehen die Juden in der Bresche, sie kämpfee heldenhaft gegen eine weit überlegene Ueberzahl, sie lassen sich verhöhnen, beschimpfen, sie lassen ihr Leben auf dem Platze, wenn es nöthig ist, aber sie laufen nicht davon." Bald darauf aber findet er, dass „auf Grund des angestellten Vergleiches mit dem Zustande vor und nach der französischen Revolution bezüglich des weiteren Loses der Juden mit frohem (!) Muthe der Zrckunft entgegengesehen werden könne"! Uns ist dieser ganze Jdeengang nicht verständlich: gerade' der Umstand, dass in dem Lande, wo die ungeheuerste Revolution vor sich gieng, in Frankreich, die Umkehr zum Bösen wieder eintreten konnte, und dass längst die letzten Reste der einst so schönen .fraternite^ und . e-nliic" hinweggefegt wurden, gerade dieser Umstand hätte müssen den Verfasser nicht froh in die Zukunft blicken lasien. Aber nun tritt ja noch Amerika auf mit einem antiquierten Rassendünkel und mit seiner Plutokratie! Wenn solche Rückfälle in republikanischen Ländern mit freier Selbstbestimmung möglich sind, was harrt der Juden in Staaten, welchen eine wohlorganisierte, ungeheure Macht zur Verfügung steht — jederzeit bereit. Andersdenkende zu zermalmen? Und wenn von Zion aus nichts zu erwarten steht, woraus gründet sich denn der frohe Ausblick? Wenn der Verfasser des qu. Artikels als einziges Mittel seinen Glaubensgenossen M uth zuzurusen weiß und sie zum Ausharren auffordert, so zieht er seine Schlüsse jedenfalls nicht aus der Geschichte. Er müsste sonst wissen, dass mit dem letzteren nichts oder nicht viel erreicht wurde. Wohl gieng das Judenthum als solches nicht unter, allein die Träger desselben büßten ihre Vertrauensseligkeit nur zu oft mit dem Leben. Dass heute in Mitteleuropa überhaupt noch Juden existieren, ist ja nur der beständigen Einwanderung von Osten und' Süden zu danken, da die „einheimischen" in der Regel erschlagen oder wiederholt vertrieben wurden. Dass aber gerade die Idee des Zionismus die ungleich richtigere, die viel weiter ausgreifende ist, als die vom Verfasier ausgegebene Parole der Passivität, d. h. „den Muth nicht sinken zu lasten" — das beweisen wohl am besten die jüngsten Vorgänge in Galizien, in Böhmen, in Rumänien, die Affaire Dreyfus in Frankreich, die hässliche ständige Judenhetze in Wien u. s. w. Eben in dem Zionismus liegt doch weit eher die vom Verfasser gewünschte „rasche, nützliche Thätigkeit, um der Noth zu steuern", als in seinem Recepte, welches einzig darin zu bestehen scheint, die rechte Backe hinzuhalten, nachdem die linke den Streich empfangen hat. Dem Verfasser, der stark an Gleichnissen zu leiden scheint, möchten wir nur das Eine ins Gemüth rufen, dass gegen einen wüthend gemachten Stier auch der m u t h i g st e Mann nichts auszurichten vermag, am wenigsten mit Vernunftgründen, und dass es da nur ein Mittel gibt: demselben aus dem Wege zu gehen! Der hämische Hinweis auf das vergebliche Projectieren des lenkbaren Luftschiffes — was der Zionismus sein soll — um aus der Roth sich zu retten, ist wohl recht unpassend. Was aber den schönen Spruch betrifft, in dem der Artikel ausklingt: „Hier, wo deine Wiege stand, soll dereinst dein Grab auch sein", so scheint dieser mehr zur Warnung als zur Befolgung zu dienen! Bei der steten Fürsorge der arischen Umgebung für «vorzeitige) Gräber wäre das Judenthum wohl nicht mit so heiler Haut durch das Mittelalter durchgekommen, wenn es diesem Principe immer getreu geblieben wäre."