Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Article
London
Date
1898-02-11
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315749--04278-3357320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Seite 9 und von 7 bis 10 Uhr Nachts. Arn vorhergehenden Sonnabend werden die aus ganz Großbritannien erscheinenden Delegirten eine Besprechung abhalten. Milwaukee. Die seit Langem in Aussicht genommene Gründung eines zionistischen Vereines ist berets am 15. Jänner verwirklicht worden. An diesem Tage fand die constituierende Versammlung statt, zu der sich auch unser eifriger Gesinnungsgenosse, Advocat Zolotkofs, aus Chicago einfand. Es wurden mehrere Reden gehalten, in denen die Anhänglichkeit der Anwesenden an die zionistische Idee in begeisterten Worten zum Ausdruck kam. Gleichzeitig wurde auch ein zionistischer Knabenverein, „Bnei Zion", gegründet. Corresplin-enren. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Tie Regierung hat sich nachgiebig gezeigt. Das Semester wurde vorzeitig geschlossen. Der Universitätsstrike ist vorläustg beendet. Hoffentlich wird er überhaupt nicht wieder entstehen. Im Lande der Unmöglichkeiten konnte selbst dieses an und für sich ziemlich geringfügige Geschehnis zu Complicationen führen, die anderswo ziemlich ausgeschlossen sind. Sicher ist es, dass die deutschnationaleu und deutschsreisinnigen Studenten durch die Nachsicht der Negierung aus einer Situation befreit wurden, die ihnen nachgerade unheimlich wurde, weil sie ihr entschieden nicht gewachsen waren. Der Strike der Hochschüler trug doch etwas recht Schülerhaftes an sich. Er war auch gar nicht geeignet, irgend wem zu imponieren. Die Nachsicht der Regierung ist aus ganz andere Tinge zurückzuführen, als auf diesen „luftigen Krieg", den die deutschen Studenten in Scene setzten. Doch das ist schließlich ihre Sache. Es lag entschieden eine Verletzung eines gesetzlich gewährleisteten Rechtes vor, und wenn die Wiener, Innsbrucker, Grazer :c. deutschen Studenten sich ihrer Prager Commilitonen annahmen, so wird mau vielleicht die "Art und Weise des Vorgehens, nicht aber das bewiesene Solidariatsgefühl radeln dürfen. Anders liegt die Sache für die Studenten nichtdeutscher Nationalität, speciell ftir die Juden. Es lag für die Juden kein Anlaß vor, sich in den Streit zu mengen und für eine oder die andere Partei einzutreten. Die nichtjüdischen Commilitvnen haben den Inder: ihre Freundlichkeit zu wiederholten Malen zu klar und deutlich bewiesen. Das war auch der Grund, west halb die zionistischen Studenten dem akademischen Senate der Universität Wien ein Memorandum überreichten, in welchem sie erklärten, vollkommen neutral bleiben zr: wollen, da sie weder den Teutschcn noch den Ezecheu irgendwie zu Hilfe komme!: wollteir. Das Memorandum, das ii: freimürlstgcr Sprache die Zurücksetzungen hervorhebt, welche die Jndei: Oesterreichs überhaupt und die jüdischen Studenten insbesondere zu erdulden haben und hatten, und welches die sich daraus ergebende Conseguenz des vollständigen Abseitsstehens in der Frage des Studenrenstrikes betont, wurde vom Rector übernommen. Tass aber an dieser deutsch-czechischen Streitsache nichtzionistische, jüdische Stude::tci: leider theilgenommen haben, müssen wir der Wahrheit gemäß constatieren. Unser Unheil über ein solches Borgehen ist zu bekannt, als dass wir es erst aussprechen müssten. —w — Wien. (Orig.-Corr.) In zwölfter Stunde hat der Cultusvorstand beschlossen, aus Anlass des Kaiserjubiläums ein wohlthätiges und ein wissenschaftliches Werk zu schaffen, die so norhwendig sind, dass es eigentlich dazu nicht erst dieses besonderen Anlasses bedurfte. Ein jüdisches Siechenhaus und ein Geschichtswerk über die Juden in Wien vermisst Jedermann ]-/.t Langem, für den die Aufgabe einer Großgemeinde nicht blos in der Anstellung von Rabbiner:: und ii: „Überwachung" des Koscherfleisches besteht. Ter Mangel einer Geschichte der Juden in Wien steht mit der allgemeinen Stagnation der jüdischen Wissenschaft in Oesterreich in Zusammenhang. Seit Decennien wird cn:f den: Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung in Oesterreich fast gar nichts geleistet, während z. B. die „historische Commission für Geschichte der Juden in Deutschland" ein riesiges Material auffpeichert. Junge Talente finden nach dieser Richtung bei uns keine Unterstiitzung und Förderung, ja nicht einmal eine Anregung, und so müssen sie sich nothgedri:ngen arideren Gebieten zuwenden. Das Curatorium der von dem österreichischen Juden Tr. Jacob R ap a p o r t begrlindeten Preisausschreibungs- Stiftung hat schon über allerlei mögliche Themen, wie Spinoza, das Ghetto in Rom, die Juden in Frankreich, die Psalmen :c., aber noch nie über ein Geschichtsthema aus der uns so naheliegenden Geschichte der österreichischen Juden Preise ausgeschrieben. Soll das in Aussicht genommene Geschichtswerk, zu dessen Vollendung kaum 7 bis 8 Monate übrig bleiben, noch rechrzeitig fertig werden, so wird eine gehörige Arbeitstheilung nothwendig sein. Tie richtigen Mitarbeiter für die einzelnen Fächer zu finden, wird eine bald schwere, bald leichte Aufgabe sein, je darnach, ob sich der Cultt:svorstand von rein objectiven, wissenschaftlichen oder vom Coterie-Standpunkte wird leiten lassen. Ein Neuster für eine derartige Arbeit liegt bereits in der kurzen aber meisterhaften Geschichte der Londoner Judengemeinde vor, die Beatrice P o t t e r, spätere Gattin und Mitarbeiterin des berühmten Schriftstellers Sydney W e b b, für das zehnbändige Werk von Charles B o v t h über London geliefert hat. Ten: Cultusvorstand bietet sich auch bie beste Gelegenheit dar, durch Sammlung statistischer Taten ein wahrhaft nützliches Werk zu schaffen. Vedersmo. L. Wien, den 2. Februar. (Orig.-Corr.) Zu den Judeuexcessen in Algier veröffentlichte gestern die „Arbeiterzeitung" einen Artikel vom Deputierten Janrsts. Wenn man die Stellung der socialistischen Parteien verschiedenen Länder gegenüber der Affaire Treyfus genau verfolgt, so wird man lediglich die Haltung der deutschen Svcialdcmokratie und des „Vorwärts" vom Anfänge an gerecht, weil objcctiv finden. Tie „"Arbeiterzeitung" drückte sich anfangs um die Geschichte herum, fand es auffälttg, dass man so viel Aufheber:» wegen eines Menschen mache und schrieb es dem Umstande zu, weil es sich um einen Juden handle. Wir haben seinerzeit diese Thatsache festgenagelt. Man hat sich gebessert. Auch die deutschen Genossen scheinen zu dieser Besserung beigetragen zu haben. Nicht nur bei nus, sondern auch in Frankreich. Tenn auch die dortigen Svcialisten nehmen denselben Standpunkt ein, wie die österreichischen: wird gegen einen Christen geschimpft, so werden ihm gleich einige Juden nachgewvrfen. Herr Jaurös bringt es in seinem letzten Artikel zn Staude, die Juden in Algier mir den: Capitalismns zu idcntiffcieren. Er macht es wie die Antisemiten: er generalisiert. Tass dort die NAH der jüdischen Bevölkerung aller Beschreibn.ng spottet, und dass unter de:: Excessen gerade die Unschuldigen leider:, übersieht Herr Janrfis. Das passt ihn: wohl nicht in den Kran:, weil er von den jüdischen Wucherern sprechend hinznnigen wollte, dass gegen einei: Emancipalionskampf der Araber „die Jade::" austreten würden. Ter sonst so geistvolle Professor übersieht auch, dass die Theilnahme der "Araber au de:: Judenexcesfeu nur dem Hasse der Araber nicht gegen die Juden, nicht gegen die Ausbeuter, sondern gegen sie als die Träger der französischen Politik zuzuschreiben ist. Ter Araber ist noch zu schwach, um die Franzosen niederzumachen, darum schlägt er einen Th eil der Franzosen nieder, denn das ist ihm gestattet — die Juden. Ianrss sagt in der „Arbeiterzeitung." „O, ich weiß sehr gut, dass besonders in den letzten fünfundzwanzig Jahren die Inden, die unser bürgerliches Recht mit teuflischer Geschicklichkeit zu handhaben wissen, das alte Grundeigenthun: der "Araber zersetzt und ausgesogen haben. Ja, ich weiß das, und ich weiß auch, dass nur eine sociale Revolution es vermögen wird, der beraubten Rasse in anderer Form ihren Besitz wiedcrzugeben. Aber ich weiß auch, dass die Juden nicht allein die Schuldigen sind. Ich weiß, dass die Selbstsucht der Regierung und der herrschenden Elassen Frankreichs da drüben durch eine ganze Reihe von Maßregeln den Mord eines ganzen Volkes vollzogen hat. Tie Araber haben nach der patriarchalen Ausbeutung durch ihre großen Häuptlinge die brutale Ausbeutung durch das militärische Regiment erfahren, um schließlich mittelst der französischen Processordnung und des jüdischen Wuchers gänzlich vernichtet zu werden. Aber auch in dieser letzten Periode der Aussaugung, die in der That ganz besonders den Juden zur Last fällt, haben die Eoloniftcn, die in Frankreich und "Algier die "Antisemiten spielen, ihr vollgerüttelleS Maß von Verantwortlichkcir.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.