Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- Schönerer zu Ehren
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- 6 j»c$wdir Aus dem Jahresberichte ist zu erwähnen, dass der Bund den sprachlichen Kämpfen in Böhmen und Blamenland besondere Aufmerksamkeit zugewandt hat. Seit Jahren gehören die österreichischen Reichsrathsabgeordneten Schönerer, Wolf und Jrv zu den Ehrenmitgliedern des Vereines. Zur Förderung der alldeutschen Sache wurde beschlossen, im Bundes-Gasthause Schönerers „Unverfälschte deutsche Worte" auszulegeu. Während der Massenverhaftungen in Przcmysl sagte der k. k. Polizei-Kanzlist P a w a t zum Arbeiter Nawratil, wie die „Arbeiter-Zeitung" mittheilt, folgendes: „Mit der Polizei wollt Ihr streiten? Gehr lieber aus die Juden los, diese Diebe haben Geld. "Wie wir die Herren Byk, P vvatynski -Piepes und die anderen Hausjuden des Polenclubs kennen, werden sie gewiss bald nach Eröffnung der nächsten Reichsrathssession den Minister des Innern darüber interpellieren. Mittellose jüdische Rückwanderer kamen am 5. Jänner — 32 an der Zahl — mit dem Dampfer „Portia" in Hamburg an und wurden zur Weiterbeförderung nach ihrer Heimat von dem israelitischen Hilsscomitö in Empfang genommen. Der Verein sür Arbeitsnachweis in Berlin veröffentlicht den Bericht über feine ersprießliche Thätigkeit im Jahre 1897. Die Mitgliederzahl ist auf 557 gestiegen und hat bereits in diesem Jahre einen ferneren' Zuwachs um 30 erfahren. Wurden im ersten Jahre (1890) im ganzen 601 Stellen vermittelt, so verdanken im Jahre 18.9S 758 ^crjoncn dein Arbeitsnachweis ihre Existenz. Mit geringen, aus der Jahreszeit zu erklärenden Schwankungen (der August meist naturgemäß die geringste Ziffer auf) hat die Zahl der Stellenvermittlungen stetig und bedeutend von Monat zu : Monat zugenommen. Wer die Lage des jüdischen Proletariats 'in Berlin kennt, weiß den Wert und die Bedeutung dieser stetigen Zunahme zu schätzen. Aber diese Stellenvermittlungen gehören nicht ausschließlich oder auch nur zum allergrößten Theile den kaufmännischen Berufen an, vielmehr betrifft eine ganz erhebliche Zahl gerade solche Gebiete, wo lediglich die körperliche Arbeit, nicht die geistige in Bettacht kommt, nämlich 289. und zwar: 78 Handwerksgesellen, 2 Weinküfer, 2 Briefttäger, 63 Hausdiener, 98 Arbeiter und 43 Laufburschen. Bon besonderer Wichtigkeit sind auch die 6 Bolontair- und 24 Lehrlings-Vermittlungen, die ebenfalls fast ausschließlich auf gewerbliche Berufe entfallen. Je mehr endlich die weibliche Berufsthätigkeit zu einer brennenden Frage des gesammten socialen Problems wird, um so anerkennenswerter sind die 179 Vermittlungen weiblicher Stellungen (gegen 83 i. I. 1896), die fast sämmtlich Lebensstellungen sind. Das Jahresbudget des Vereines betrug 5605*28 Mark. Was denkt denn der Wiener Cultusvorstand über diese Tinge? Das Berliner Central-Cornite für die russischen Juden ausgelöst. Das genannte Eomitö hielt Sonntag, den 30. Jänner, seine Schlusssitzung. Ter Vorsitzende, Justizrath Mayer, erstattete den Bericht über die Gesammlthätigkeit und die „Leistungen" des Comitös, das gegenwärtig keine Existenzberechtigung mehr habe. Es hat 195.034 Personen nach Amerika befördert und bei einer Einnahme von 2,954.660 Mark, 2,767.594 Mark ausgegebeu. Ter Bestand sei noch 106.332 Mark hoch. Ueber diesen sollte nun verfügt werden. Nach einer längeren Debatte wurde beschlossen, das ComitO aufzulösen und ein dreigliedriges Cvmtö mit der Aufgabe zu bettauen, das Capital zu verwalten und darüber zu verfügen. Dem „Jsraelittschen Unterftützimgsverein für Obdachloses in Hamburg wurden 5000 Mark, dem Grenzconiitö in Königsberg 5000 Mark und dem in Stettin 3000 Mark als Subventionen bewilligt. Der sinnländische Senat hat an den Czaren eine Petition gerichtet, um im Interesse des Handels eine Ausdehrmng der den Israeliten eingeräumten Rechte zu erbitten. Ter Senat beantragt, dass in allen Städten des Großfürstenthums jüdische Ansiedlung gestattet und der Bau von Synagogen bewilligt werde. Der Betrieb von Gewerben möge den Israeliten unter den allgemein geltenden gesetzlichen Bestimmungen im ganzen Lande freigegeben werden. den Warteräumen erster Classe ist in vielen russischen Stationen Juden der Zutritt verboten. Eine russische Jüdin, Gattin eines Kaunnnnes erster Gilde, wollte sich dies unlängst in Korno nicht gefallen lassen. Sie depeschierte an den Eifenbahnminister und beschwerte sich. 'Aus eine 'Antwort wartet sie noch bis heute; freilich nicht im Warteraum erster Elaffe. Ein radikaler Senator in Belgien. Senaror Pidard hat die Aufforderung, sich der Manifestation Zola zu Gunsten Treyfns anzufchließen, abgelehnt und motiviert feinen Entschluss in einem Briefe an „Echo de Paris" damit, dass er dadurch nur „den beinahe dreitausendjährigcn Kampf der arischen Rasse gegen eine fremde Raffe verschleiern" würde. Er schreibt weiter: „Zu Gunsten Treyms? Aber er ist Jude und es handelt sich jetzt darum, die Juden und ihre Uebermachr zu brechen." Und das sagt ein Radicaler'. Die Ermordung des Dr. Chebat. Auf welche Weise mit unseren unglücklichen Brüdern in 'Algier verfahren wurde, davon gibt auch die Ermordung des Tr. Chobat Zeugnis, über die ein Augenzeuge der „Frkfrt. Ztg." berichtet. Tr. EHObar war 26 Jahre alt, Arzt, und genoss allgemeines Ansehen. Seine Mutter bar ihn nicht auszugehen, allein er wollte feine Kranken besuchen. „Ich laufe keine Gefahr," sagte er, „in der Menge gibt es Studenten, die meine Collcgen, meine Freunde sind." Man riss ihn aus der Trambahn, um ihn zu ermorden, und ein Schaffner hetzte die Menge aus, indem errief: „Ich werde euch noch 'Andere bringen'." Tie Mvrdthat währte ziemlich lange. Tr. Chc'-bat wurde umringt, taufende Hiebe sielen auf ihn nieder, bis er als ein blutiger Fetzen ans dem Boden lag. Tie Behörden, die sich bei dem Begräbnis des im Krawall gerödtcten Spaniers Cayrol gezeigt hatten, bekundeten nicht das geringste Bedauern über diesen feigen Mord. Ter Generalguverneur rührte sich nicht: der Jude wurde insgeheim während der Dladjt eingefcharrt wie ein Hund. Ter Rabbiner und fünf oder sechs Personen folgten der Leiche ans den Friedhof. Hungersnoth unter den Juden Maroceos. Tie isli A-sociation“ in London veröffentlicht in den englisch-jüdischen Blättern folgenden Aufruf: „Von den Vorständen der jüdischen Gemeinde in Marocco und in Tanger find uns entsetzliche Nachrichten über eine Hungersnoth in der erstgenannten Stadt, zugekommen. Tie jüdische Einwohnerzahl der Stadt Marocco bettägt ungefähr 12.000, von denen der größte Theil seit langer Zeit infolge der schlechten Ernten und Geschäftsverbältnisse in den letzten vier Jahren halbverhungert ist. Tie wohlhabenderen Mitglidder der Gemeinde, wenn auch wenig an Zahl, haben dem Uebel widerstehen können, allein infolge der Einwanderung von vielen tausenden armer Juden aus den benachbarten Ortschaften, wo sie ausgeplüudert und ruiniert worden waren, har sich die Situation verschlimmert. Diese Unglücklichen campicren jetzt mit Weib und Kind in der Stadt 'Marocco unter freiem Himmel, ohne Zelt und Schutz. Viele sind bereits Hungers gestorben. Es sind in den verschiedensten Theilen des Reiches Marocco Subfcribtionen eröffnet worden, und auch au uns ist die Bitte eingelangt, unter den Inden Großbritanniens Sammlungen einzuleiten. Die 'Association ist selbst nicht imstande (?) einen Bettag zu spenden, doch will sie gerne die ihr für diesen Zweck zukommenden Gelder abführen." Tie Adresse der Gesellschaft ist: Kloomfmld Honse, London Wall. E. C. Eine Schreibmaschine mit hebräischen Lettern ist jüngst in London von der ,.Yost Tvpe.writer Company “ fertiggeftellt worden. Das Verdienst ihrer Construction gebührt, wie die ...lewish World“ mittheilt, unserem Gesinnungsgenossen Chief-Rabbi Tr. Ga st er, der sich zuerst eine solche Maschine ftir den eigenen Gebrauch nach mühsamen Vorarbeiten zusammenstellte. Ein geplanter Uebertritt zum Judcnthum. Vor .Kurzem erschienen, wie bereits berichtet wurde, siebzig Bauern beim Brüuner Laudersrabbiner, die den Wunsch äußerten, sammt ihren Familien zum Judenthum überzutreten. Ueber Abrathen des Rabbiners kehrten sie wieder in ihre Heimat zurück. Tie Gründe ihres Schrittes, der ganz unbegreiflich erschien, sind folgende: Im Norden Mährens hat in der letzten