Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- Algier
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 tztr. 6 Algier. Von Jacques Bahar. Wenn Sie unter Ihren zufälligen Bekanntschaften einen Kannibalen haben, der gerne ein Pendant zum weiland berüchtigten Buch Tissot's „Voyage au pavs des milliards“ schreiben will, so schenke ich ihm einen Titel: Voyage au pays des pillards, — woferne seine Landsleute sich nicht davor scheuen, nach ihrer cannibalischen Mahlzeit eine Indigestion aus lauter Indignation zu bekommen. Denn außer Menschenfressern weiss ich sonst kein gebildetes Volk, das sich der Juden erbarmen könnte. Der Anklagebries Zolas hat Meline in die höchste Wuthversetztund als Erwiderung desselben giengen sofort amtliche Unruhebefehle nach der Provinz und Algier ab. Schon vorher hatte Hanotaux seinem Busenfreund Dr. L . . . . gesagt: „Die Juden werden wir zerhacken!" Man soll nicht glauben, dass die Bevölkerung aus eigenem Antriebe die jüdischen Läden überfiel und ausplünderte. Es wurde Alles ^accurat wie ein Theaterstück aus- und ausgeführt, und Oären die Protestdichter und Schriftsteller nicht sofort eingeschritten, so hätten wir, oder vielmehr unsere Ueberlebenden, eine jüdische Bartholomäusnacht zu verzeichnen gehabt. Einstweilen dürfen wir uns noch ausschnaufen. Aber sobald -die Wahlperiode eintreten wird, da wird es wieder ein Zittern und Zähneklappern geben, und die französischen ^Juden werden gut thun, sich nach Rumänien oder Persien, respective von der Traufe in den Regen zu flüchten. Die Seele der algierischen Unruhen ist noch nicht unter das bimtale Secirmesser der Aufrichtigkeit gekommen. Man soll nicht glauben, dass die Dreysus-Affaire mehr als einen Vorwand dazu bildet. Aus diesem Continent der Fata morgana darf man niemals das als wahr ansehen, was man sieht oder hört. Der tiefe Grund zu allen dortigen Begebenheiten ist noch nie in Algier selbst oder in Frankreich gesagt worden, und er kann auch in keiner französischen Zeitung gedruckt werden. Es ist der Schlüssel zu allen nordafrikanischen Geheimnissen, die ich bei Gelegenheit an dieser Stelle mittheilen werde. Die wirkliche, directe Ursache des mörderischen Putsches sind wiederum die Wahlen. Es handelt sich darum, die Juden von der Wahlurne zu verscheuchen. Ein abgedankter Abgeordneter, Letellier, der zwölf Jahre lang Algier vertrat, wurde vor vier Jahren durch Samary, den jetzigen antisemitischen Deputirten, ersetzt. Run will er sich wieder stellen. Der judenfeindliche Cambon, der Samary zum Sitz verhals, hat dem judenfreundlichen Lepine Platz gemacht. Andererseits hat die Hetze die Juden wieder geeinigt, so dass Samary in einem neuen Kreuzfeuer steht. Der jetzige Bürgermeister Algiers, Guillemin, der seit 15 Jahren^ nur den Juden seinen Thron im Magistrat verdankt, ist auch ein eigenthümlicher „Beschützer" Israels. Er steckt mit Samary unter einer Decke. Das wissen schon alle Juden, sie sagen es aber nicht, denn sie hoffen, den Guillemin durch ihre Freundschaft bei den Antisemiten zu compromittiren. — Fällt Samary durch, so fällt auch Guillemin bald daraus, denn es sind dieselben Wähler. Nun hatte die Regierung Unruhen nothwendig. In Frankreich giengen schon die Ordres per Draht an die Kreisdirectoren, denn mit ihnen hat die Regierung vereinbarte Telegrammchiffres. Mit Algerien gieng es schwerer. Die Regierung hat nur mit Lepine Geheimschlüssel und der hätte sich keinesfalls zur Anstiftung von Unruhen hergegeben. Man benützte daher Samary, um die Ordres an Guillemin zu übersenden, der doch die Stadtpolizei in Händen hat. Aber er konnte per Draht nicht correspondiren und er schrieb. Da der Dampfer nur dreimal in der Woche von Marseille abfährt, so traf der Brief verspätet ein, nachdem die Unruhen in Frankreich schon zu Ende waren. Die Regierung hatte nämlich aus wochenlange Kundgebungen gerechnet und die paar Tage Verspätung hätten für Algier nichts ausgemacht. Allein die Protestschriftsteller machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie gebot in Frankreich Ruhe, aber in Algier waren die Würfel schon gefallen. Nur Oran und Constantin blieben ruhig, weil sie zu entfernt liegen und daher keine Ordres hatten. Den wahren Grund zu den antisemitischen Exceffen bildeten der Neid, dass Lepine einen akademischen Verein der jungen, aus christlichen Vereinen vertriebenen jüdischen Studenten genehmigt hatte. Cambon hatte sich stets dagegen energisch gewehrt. Nun fand die Plebs eine Raubgelegenheit. Die Führer aber, Samary, Guillemin und der Stadtrath, die wollten die Juden von der Wahlurne entfernen und somit Letillier unschädlich machen. Die Regierung beabsichtigte wieder Lepine dadurch zum Rücktritte zu zwingen. Jetzt erst wird man den Ausruf Guillemins verstehen, der zur Aufhetzung der Bevölkerung nach dem ersten Unruhetag erlassen wurde. Ich habe ihn absichtlich wörtlich übersetzt und habe die französischen Wendungen beibehalten, um nicht der Uebertreibung geziehen zu werden, so abnorm, so haarsträubend ist dieses Document: An die Einwohner Algiers! Ihr habt Euch über die schändlichen Umtriebe derer entrüstet, die hartnäckig gegen den allerhöchsten Spruch der Gerechtigkeit Proteste erheben. Ihr habt Euch über die frechen Herausforderungen derer empört, welche diese heilige Sache anzutasten versuchen, die man heißt: Die Ehre des französischen Heeres! Ihr habt Eure Gefühle der Mißbilligung gegen die Niederträchtigen und Euren Willen, deren verbrecherische Manöver zu brandmarken, offen kundgegeben. Diese unleugbaren Thatsachen stehen nun einmal fest. Von nun an darf niemand daran zweifeln, dass das reinste Franzosenblut die Adern der Algierianer durchfließt. Die plötzliche Aufregung des Mutterlandes fand, beim ersten Schlage schon, in Eurem Herzen Widerhall. Allein, laßt den Ausbruch dieser schönen Gefühle der Ehre und Gerechtigkeit nicht in Straßenunruhen und Angriffe gegen das Eigenthum ausarten. Setzt Euch nicht den lächerlichen Unterdrückungen seitens der rohen, öffentlichen Gewalt aus. Der Magistrat, welchem leider nicht vergönnt wurde, die zum Schütze der öffentlichen Sicherheit nothwendigen Maßregeln ausschließlich zu ergreifen, hält es für seine Pflicht, bei Euch Schritte einzuleiten und sammt dem ganzen Stadtrath e einen energischen Aufruf im Interesse der Beschwichtigung an Euch zu richten. Der gute Ruf und das Gedeihen Algiers stehen auf dem Spiel. Mitbürger! Ihr habt auf prachtvolle Art Eure französische Furie geoffenbart (vous avez montre supeibement votre iurie fran^aise). Nun zeiget auch Eure Seelenruhe. Nur keine Straßenkundgebungen mehr! Wiederum soll Algier, morgen, die arbeitsame, stolze, sichere Stadt werden, die weitersort durch ihre republikanische Treue die Würde verdienen wird, als erste unter allen algierischen Städten dazustehen. Frankreich lebe hoch! Hoch lebe die Republik! A. Guillemin, 21. Jänner 1898. Bürgermeister von Algier. Die Folge davon waren die Plünderungen von zweiundsechzig jüdischen Läden und Privathäusern, der Mord des armen, braven C h 6 b a t, den ich kannte, der stets für Juden gelebt hat und auch für sie gestorben ist. Die Polizei blieb aus Befehl aus, das Militär, das durch die entstehende antimilitaristische Partei bedroht wird, kam absichtlich zu spät. Der Christ Cayrol, der von einem Unbekannten todtgestochen wurde, ist feierlich bestattet worden. Nach dem Leichenbegängnisse schrie das Volk um Rache, und die Pserdebahnwagen anhaltend, suchte sich der Pöbel Juden heraus. Zwei wurden gefunden und Chebat ermordet. Dann hat man ihn bei Nachtanbruch heimlich beerdigt.