Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 Nr.-K ganisieren wirddarüber müsste man die Unglücklichen fragen, die unter all dem Zank am meisten leiden müssen. Emile Zola war nach dem zweiten Verhandlungstag in Lebensgefahr. Der Pöbel von Paris misshandelte ihn und feine Freunde, beschimpfte und bespuckte ihn: fast wäre sein Wagen umgeworfen, und er selbst herausgerifsen worden. Das ist das Einzige, was in der Dreysus-Barbarei noch sehlt, dass diesem großen Franzosen auch nur ein Haar gekrümmt wird. Die französische Volkswuth hat schon viele Unschuldige hingemordet, noch nie einen besseren als Zola. Vielleicht machen „höhere nationale Interessen" auch noch diesen Superlativ nothwendig. Wie anders behandelt die Volksgunst den Grafen Henri Rochefort. Die Volksmuse nimmt die Gestalt eines Droschkenkutschers an und küsst ihn auf die Stirne. Wollte ein fatyrischer Zeichner die Inspirierung des Pamphletisten darstellen, er könnte keine bessere Scene erfinden. „Sage mir, wer deine Stirne küsst, und ich sage dir,wes Geistes Kind du bist!" Ah, Herr Rochefort kann stolz fein auf diese Ovation, und es ist gar nicht abzusehen, welche Gedanken ihm jetzt noch für seine nächsten Artikel zuströmen, nun der Kuss des Droschkenkutschers wohl alle Kräfte der Begeisterung in ihm geweckt hat. Die Juden werden es wohl bald verspüren. Verurtheitt. Bon Tr. Tiegmund Werner. Vor dem Justizpalast in Paris drängt sich die Menge. Es sind Leute aus allen Ständen. Sonst trennt sie in ihren Anschauungen oft eine schier unüberbrückbare Kluft, aber diesmal sind sie einig, einig in dem Gedanken, dass der Angeklagte, der es gewagt, für Recht und Menschlichkeit laut seine Stimme zu erheben, dafür büßen müsse. Denn Recht und Menschlichkeit und Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit, die haben für alle Geltung, nur für einen nicht — den Juden. Mit elementarer Wucht, mir rücksichtsloser Wildheit ist der alte Judenhass auch in Frankreich wieder zum Leben erwacht. Die dritte Republik, an deren Wiege ein jüdischer Minister stand, hat gehalten, was Thiers von ihr verlangte. Sie ist conservativ geblieben, sie hat bewahrt, was sie an Borurtheilen und Instinkten aus den früheren Decennien und Jahrhunderten übernommen Hut. Umsonst haben Mirabeau und' Grsgoire vor 100 Jahren gekämpft, umsonst hat die große Revolution den Franzosen ihre Principien gepredigt. Mächtiger als alle Theorie war die alte, ererbte Krankheit des Judenhasses, und jetzt ist sie hervorgebrochen mit der ganzen Tücke eines schleichenden Leidens, das den ganzen Körper durchseucht hat, und dem der geschwächte Organismus keinen Widerstand mehr leisten kann. Frankreich galt nicht nur den französischen Juden sonderns allen Juden als das Land, das sie befreit und ihnen die Freiheit bewahrt hatte. Sie liebten dieses Land, sie lieben es noch — trotz alledem. Und die französischen Juden haben viel geopfert, um ihre Liebe zu beweisen. Von der Zeit des Synhedrins, das Napoleon 1. einberufen, bis in die letzten Jahre haben sie dem Staate nicht nur gegeben, was des Staates ist, sondern auch viel von dem, was Gottes und ihres eigensten Wesens ist. Um „ausgehen" zu können, haben sie ihrer Religion, ihren Ueberlieserungen Abbruch gethan, sie waren bereit, alles hinzugeben—und doch! Und doch? Und eben deswegen! Um in die „französische Familie" ausgenommen zu werden, haben sie ihre jüdischen Familienbande zerrissen, und nun stehen sie da, zurückgewiefen von ihrer ersehnten und entfremdet ihrer eigenen Familie, arm, bettelarm, betrogen um ihre heiligsten Gefühle, um ihren Glauben an die Brüder, um die Liebe, die man ihnen geschworen. Es ist kein Kleines, was den französischen Juden widestahren ist und mit ihnen allen andern, die an eine endgiltige Versöhnung geglaubt haben. Worauf sie ihr Leben gegründet, das ist in's Wanken gerathen, und sie sind noch nicht im Stande, eine neue Stütze zu finden. Wie man den Mann bedauert, der ein Lebenswerk umsonst gethan, so sind alle die zu bemitleiden, die gleich den französischen Juden und mit ihnen von einer Verschmelzung geträumt haben und nun Stück sür Stück ihren Traum zerrinnen sehen. Das ist ein Zusammenbruch, der Feder eines jüdischen Zola wert, der Zusammenbruch der Assimilation. Die französische Regierung führt den Process gegen Zola. Er wird den Richtspruch ruhig über sich ergehen lassen können, denn er hat bereits den Sieg errungen. Er hat Alles in die Schanze geschlagen, was ihm ein arbeitsreiches, vom Glück begünstigtes Dasein gebracht hat und ist seiner innersten Natur gefolgt. Er ist wahr und ehrlich geblieben. Aber einem andern ist der Process gemacht worden, ein anderer ist verurtheilt worden, das ist der Gallier jüdischen Glaubens. Das ist nicht mehr Drumont und Guörin und wie sie alle heißen, die ihn anfallen. Das ist fast das ganze Volk. Die untersten Schichten der Bevölkerung und die „besseren Kreise", ja selbst die höchsten Stände, alle haben Theil daran. Und die Gebildeten bekennen sich osten zum Judenhass. Ter Nachwuchs, der später den Staat leiten soll, zieht am Hellen Tage durch die Straßen und ruft: „Tod den Juden", und selbst die Kleinen wollen nicht Zurückbleiben. Hinter der Madeleinekirche sammelten sich , die Gymnasiasten, um es den anderen gleich zu thun. Die Kinder sind aufrichtig. Sie sagen das heraus, was man sie lehrt, zu Hause, in der Schule, in der Kirche, im öffentlichen Leben. Tie französischen Juden haben den Zaun niedergerissen, den unsere Alten um das Gesetz gemacht, und durch die Bresche stürmen die Kleinen und die Großen auf die Thörichten ein, die sich selber ihres Schutzes beraubt haben. Aus der Teuselsinsel schmachtet ein Jude. Er stirbt geistig, bevor ihm noch die glühende Sonne das Mark in den Knochen vertrocknet. In Algier ist jüdisches Blut geflossen. In allen Städten Frankreichs hat man die Juden beschimpft und bedroht. Wenn man sie an ihren Früchten erkennen soll, dann hat sie bittere Früchte getragen, die Lehre von der Assimilation, und dann ist es Zeit, dass die französischen Juden und alle, die gleich ihnen denken, einhalten. Frankreich hat verhältnismäßig wenig Juden. Sie leben auch, von Algier abgesehen, nicht in den traurigen Verhältnisten, dass sie einen wüthenden Concurrenzkamps führen — um das Leben von Proletariern. Die französischen Juden haben nach Bildung gestrebt und haben sie reichlich sich zu eigen gemacht. Sie waren immer treue, hingebende Bürger ihres Vaterlandes. Und das alles konnte die anderen nicht vergessen machen, dass sie Juden sind. Vor dem Justizpalast drängt sich die Menge. So hat sie sich sicher auch vor 000 Jahren gedrängt und gestoßen, als die Flammen des Scheiterhaufens emporloderten, aus dem man in Paris den Talmud verbrannte, als Symbol der Vernichtung des jüdischen Geistes und des jüdischen Lebens. Und doch hat dreihundert Jahre später ein Mercier in Paris die jüdische Wissenschaft betrieben, die die französischen Juden heute so wenig kennen. Und vor wenigen Jahren hat wieder ein M e r c i e r den Juden Dreysus verurtheilen lassen, der vom Talmud sicher nichts weiß. Und heute glaubt die Menge und vielleicht auch mancherJude, dass esZola sei, überden das Urtheil gesprochen werde. Und doch ist ein ganz anderer verurtheilt worden. Wer wird diesen Zusammenbruch beschreiben? HS