Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- Das Kreta-Problem
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette L Nr. ft darauf hinaus, dass dem Sultan der Besitz Kretas entwunden werden soll, ungeachtet — oder sollen wir sagen unbeschadet? — der Bürgschaft des territorialen Bestandes seines Reiches, die man ihm im vorigen Jahre feierlich versprochen hat. Wenn der griechische Prinz als Gouverneur in Canea sitzt, wird dann noch die Vereinigung Kretas mit Griechenland etwas anderes als eine Frage des. nächsten Lustrums sein? Ein berühmter Mann hat einmal gesagt, wenn er die Wahl habe zwischen einem preußischen Kreisrichter und einem Kadi, so gehe er zum Kadi. Der Sultan hat jetzt die Wahl zwischen Sinowjew und Sir Philipp Currie, wie sein Vater einst die Wahl hatte zwischen Mentschikow und Sir Stratsord Ratcliffe — zu wem soll er gehen, da England und Russland einig sind, ihm den. griechischen Prinzen als Herrn von Kreta auszunöthigen? Wenn er aber zu keinem von beiden geht, was dann? So ist ein Riss in dem jungen Einverständnisse zwischen Oesterreich und Russland die Folge, in welchen Riss sich die hungrigen Balkanregierungen hineinschieben, die nur aus die Gelegenheit warten, ungehindert die Türkei anzusallen. Dann aber wird es auch offenkundig, was übrigens kühlen Beobachtern niemals verborgen gewesen ist, dass in Orientsragen zwischen Oesterreich und Russland kein ewiger Bund zu siechten ist. Vorübergehend kann der Fall eintreten, dass Russland, welches seinen Einsiuss in Constantinopel behaupten, und England, welches den seinigen wiedererlangen will, gegen den Sultan eine Strecke Weges miteinander gehen, wie die zwei Wanderer im Walde, die sich ängstlich beobachten; vorübergehend können auch Russland und Oesterreich ihren entgegengesetzten Balkaninteressen Schweigen gebieten, wenn, sie für eine Weile in anderer Richtung nicht beengt sein wollen. Aber wenn Sanguiniker und Optimisten sich in solcher Pause von den chiliastischen Phantasien eines ewigen Friedens umgaukeln lassen, so ist dafür gesorgt, dass sie bald genug aus ihren Träumen stürzen; der Sultan har sich solchen Träumereien gewiss niemals hingegeben. Er lehnt deshalb auchsehr entschieden die große Selbftdemüthigung ab, welche ihm mittels der Candidatur des griechischen Königssohnes zugemuthet wird. Ihm kann es ja egal sein, ob Russland oder England die Amputationsinftrumenre gegen ihn zücken; schmerzlich ist die Sache so oder so, und dieses Kreta war von jeder ein Schmerzenskind der Türkei. Man kann die Aufstände kaum zählen, die sich während dieses Jahrhunderts in „Kirit" ereignet und Europa in Unruhe versetzt haben, das doch nicht imstande ist, Ordnung und Frieden auf der Insel zu schaffen. Das Problem ist zu schwer sür Diplomatenkünfte. Politisch sind die Muhammedaner die Herren der Insel, numerisch sind die Christen in ungeheurer Ueberzahl. Mau gibt immer die Einen den Anderen preis, was immer man ins Werk setzt, und darum , ist die europäische Einmischung mit Unfruchtbarkeit geschlagen, sie birgt nur sür Europa selbst die Gefahr einer Erschütterung des allgemeinen Friedens in sich. Der alte Bismarck hat den richtigen Weg gewiesen, indem er mahnte, den Sulran mit den kretenfischen Insurgenten fertig werden zu lassen und ihm nicht in den Arm zu fallen. Diese Mahnung wird nicht beachtet, weil einzelne Mächte ihre Sonderinleressen im Orient verfolgen, was sie nur mühsam durch angebliche Humanitäts- und -Rationalitätsvorwände verhüllen. In dem Kreta-Problem lausen zahlreiche Fäden zusammen, die künftige Herrschaft über Constantinopel, die Rivalität des Panslavismus mit dem Panhellenismus, der Jnteressenstreit am Balkan, die egyptische Frage hängen mit dem Problem zusammen. So lange in dem orientalischen Hexenkessel die verschiedenen Interessen solchermaßen durcheinandergähren, kann der Sultan trotz aller ober- und unterirdischen Ansechltmgen, denen er ausgesetzt ist, verhältnismäßig ruhig fein. An seine Souveränität hütet sich Europa zu rühren, und schließlich bliebe er auch ohne Kreta noch ein sehr großer Herr in der Wett. Aus sehr naheliegenden Gründen geht dies auch den Zionismus an, der in diesem Betracht wiederum des internationalen Culturmoments sich bewusst sein darf, das den Kern seines Wesens und seines Wollens ausmacht. Dort, wohin, seine Gedanken sich wenden, ist des Sultans^ Souveränität und Verfügungsfreiheit durch europäische Interessengegensätze nicht beengt, dorthin reichen auch diese Gegensätze nicht, und unberührt von ihnen kann die Erfüllung erstrebt werden, welche unsere Hoffnung und unser Ziel ist. Mk Mmhk. Wien, 10. Februar. Von dem Sturme, der jetzt durch alle Universitäten Oesterreichs weht, haben sich die jüdischen Studenten nicht mit sortreißen lassen. Der Standpunkt, den sie innehaben, ist ein vollkommen neutraler. Mit den Deutschen können sie nicht gehen — denn die Satisfactionsangelegenheit erlaubt ihnen keine Waffenbrüderschaft. Sie begreifen die Erregung über das Farbenverbot, ohne sie theilen zu können. Mit den Tschechen wollen sie nicht gehen. — Die Prager Ereignisse und andere Dinge sind noch in frischer Erinnerung. Wenn aber künftig einmal nicht für Parteiwünsche und -Rationalfarben gestritten werden soll, sondern für allgemein menschliche Güter, dann werden die jüdischen Studenten nicht zaudern. Es wird jetzt fünfzig Jahre, dass sie es bewiesen haben, wie heftig sie sich bei solchen Anlässen in die vordersten Reihen drängen. Aus Transvaal kommen schlimme Nachrichten. Dort sind die Juden völlig rechtlos und allen Chicanen der frömmelnden Buren ausgesetzt. Man kann-sie verhaften wie man will, einsperren, ohne Grund. In diesen- „freien" Ländern, wo ja, antisemitischem Vernehmen nach, die Juden immer leichtes Spiel haben, find die Juden unfrei, beinahe Sclaven. Fast noch schlimmer geht es ihnen in den südamerikanischen Republiken. Und doch wollen die Leute; welche Palästina als Utopie erklären, haben, dass man die armen Juden nach Südamerika sende. ' Wie ein Paradies preist man ihnen diese fernen Zonen, in welchen sie sich van dem galizischen Elend erholen können. Wie der Anekdotcnbanquier auf den Schnorrer deutet: „Schmeißt ihn hinaus — er zerbricht mir das Herz", sagen die reichen Juden zu ihren armen Brüdern: -Rur hinaus aus Europa, dass wir euer Elend nicht vor- Augen sehen!" Was in Transvaal und in Südamerika geschieht, geht ihnen nicht an das gebrechliche Herz. ßOWenn die Juden in Wien den Armen und Kranken Wohlthaten erweisen wollen, so müssen sie das im Geheimen thun. Oeffentlich machen sie, von der Rettungsgesellschaft an, doch zu schlimme Erfahrungen. Man ist immer höchlichst beleidigt, sobald von jüdischer Seite etwas Großes geschieht, um das menschliche Elend zu lindern, ^o wurde jetzt im Landtag die Errichtung eines Asyles für Sieche und Geistesschwache heftig bekämpft, denn man wollte Juden dahinter stecken gesehen haben. Bei diesem Anlass bekam es der Landesausschuss zu hören, dass er schon „gänzlich verjudet sei." Die Mitglieder desselben heißen u. A.: Pater Sch eiche r, Geßmann und Steiner. ß HEs gibt, wie man weiß, verschämte Arme. Sie sind selten, aber sie sind die wahrhaft hilfsbedürftigen. Ihnen nachzuforschen, ist der Sinn einer organisierten Wohlthäligkeit. Wie die Dinge sich bei uns entwickeln, wird es stets verschämte Wohlthäter geben. Ob das den Armen -^nützlich ist, wenn man das Hilfswerk systematisch reor-