Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
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- None (sequence 1)
- Language
- German
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n-L Vedartion 1 Erscheint jeden Freitag. 1 -n Preise der Anzeigen: und Mdministration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wie» die Redaction oder Administration: Wien, -IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. Trkephon Nr. 6605. Unffankirte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 fr. v.-r i Manuscripte nicht zurückgesendet. j 3-« ftftllfPtf* Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 0 fl. — 1-2 Kr.: Für das Ausland: Deutschland 3 ♦ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig <i AU. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg„ halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, «erbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr 6. Wien, 11. Februar 1898. 2. Jahrgang. Das Kreta-Problem. Von O. Erter. Im vorigen Jahre waren die europäischen Mächte darüber einig, dass das türkische Reich in seinem territorialen Bestände zu erhalten sei. Diese Einigkeit sah sich zwar ganz so an, wie wenn Wolf und Fuchs miteinander gemeinsame Sache machen: aber äußerlich war sie vorhanden und sie hatte ausgesprochenermaßen den dreifachen Zweck, die Souveränität des Sultans zu schützen, die Türkei vor dem Verluste der Insel Kreta zu bewahren und Griechenland von dem Kriege zurückzuhalten, auf dessen Ausbruch die übrigen Balkanstaaten lauerten, um auch ihrerseits über die Türkei herzufallen. Gelungen ist bekanntlich von alledem nur, die Balkanstaaten an die Kette zu legen, und dies war das gemeinsame Werk Oesterreichs und Russlands: der Krieg wurde nicht verhütet, und dass Kreta nicht an Griechenland fiel, hatte die Türkei nur dem Siege ihrer Waffen, nicht dem sogenannten „europäischen Concert" zu danken. Dafür sind dem letzteren empfindliche Malicen nachgesagt worden, die es umso ruhiger einstecken konnte, als es von Anfang an ein bloßer Begriff und noch dazu ein ganz verschwommener Begriff war. Aber auch ein solcher blos zu sein, hat es ausgehört, seitdem Russland, von den Engländern und Franzosen flankiert, die Candidatur des Prinzen Georg von Griechenland für den Gouverneursposten ausgestellt hat, mit welcher Oesterreich und Deutschland sich nicht befreunden wollen. „Es gibt kein Europa mehr", hat einmal Gras Beust geklagt; jetzt würde dieses Wort eine größere Berechtigung haben als vor dreißig Jahren, und das Traurige oder, wenn man will, das Komische dabei ist, dass wegen des kretischen Gouverneurpostens und wegen des griechischen Anwärters auf denselben ein so radicaler Couliffenwechsel sich ereignet. Von solchen Kleinigkeiten hängt die Gruppierung der europäischen Mächte ab! Natürlich, für die Türkei ist es nicht gleichgiltig, dass man ihr mittelst des „kalten Verfahrens" die Insel Kreta abknöpsen will, indem ein Sohn des Königs von Griechenland als Gouverneur derselben eingesetzt werden soll. Um dies zu verhüten, hat der Sultan einen siegreichen Krieg geführt und seine Truppen halten gegenwärtig noch das eroberte Thessalien besetzt. Hätte die Türkei auf Kreta freiwillig verzichten wollen, so hätte sie den Krieg nicht zu führen gebraucht. Aber man sagte ihr, sie müsse ihren Territorialbestand und ihre Souveränität, welche von Europa als Bedingungen des allgemeinen Friedens anerkannt würden, mit den Waffen vertheidigen: es sei ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, um Europas willen die Griechen zu züchtigen. Und am lautesten wurde ihr dies von Russland gesagt. Sie that, was sie musste und was man von ihr verlangte. 3hm aber ist Russland jählings anderen Sinnes geworden, es fordert, dass die Türkei den griechischen Prinzen als Gouverneur von Kreta zulasse, denselben Prinzen, der die zur Eroberung Kretas bestimmte griechische Torpedoflottille commandierte. Und darüber erfolgt das wunderliche ..Cliangezdes internationalen Eontretanzes, dass Russland mit England und Frankreich im Arme plötzlich als Vis-a-vis von Deutschland und Oesterreich aufgepflanzt steht. Man darf erfahrungsgemäß diplomatische Schwenkungen nicht nach dem moralischen Privatcodex beurtheilen, was übrigens im vorliegenden Falle auch ganz zwecklos wäre, weil die Motive der überraschenden russischen Schwenkung in tiefstes Dunkel gehüllt sind. Im vorigen Jahre hieß es, England begünstige den griechischen Anspruch auf Kreta, weil es die Sudabai, welche das ganze östliche Mittelmeer beherrscht, unter seine Obmacht bringen wolle, was aber Russland gerade Hintertreiben müsse, um nicht vor den Dardanellen einen unbequemen Hüter zu haben. Jetzt sind die beiden Antipoden Eines Sinnes: was England will, das will auch Russland. Wer erklärt dieses Räthsel? Und wenn man selbst annehmen möchte, dass Russland sich nur den Anschein gibt, zu wollen, was England will, um desto gewisser die englischen Absichten zu durchkreuzen, so bliebe noch immer die Frage offen, wie Frankreich mitthun könne, da doch die Sudabai auch den Weg nach Egypten beherrscht und als englische Flottenstation den französischen Mittelmeer-Jnteressen sehr unbequem sein würde. Aber wie sagte doch Axel Oxenstierna zu seinem Sohne? „Du siehst, mein Sohn, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird." In diplomatische Motive und Geheimnisse eindringen zu wollen, ist eine halsbrecherische Sache, und darum thut man klüger, zu warten, bis sie aufhören, Geheimnisse zu sein. Es ist auch an den offensichtlichen Thatsachen Einiges, worüber man nachdenklich werden kann. Und damit wollen wir uns für heute beschäftigen. Dass das sogenannte europäische Concert eine Fiction ist, deren sich jede Macht nur so lange bedient, als es in ihre Exempel passt, sieht man wohl auch jetzt mit unbewaffnetem Auge. Dabei drängt sich aber auch die Frage aus, ob die türkische Diplomatie nicht besser gefahren ist, als sie noch auf den Zwiespalt unter den Mächten, nicht aus deren Einigkeit rechnete. Es läuft ja doch alles, was man in diesem Augenblicke wahrnimmt.