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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
London
Date
1898-02-04
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 jpic^wdtr Nr. 5 England. London. (Orig.-Corr.) Tie Haltung der englischen Tagesblätter gegenüber der Afsaire Trcyfus verfolge ich mit Aufmerksamkeit. Ter Londoner Correspondent des „Figaro" erklärte erst unlängst, dass eine freie Presse nicht ausnahmslos ans Seiten der Gerechtigkeit stehen könne, und die englische Presse erwiderte, dass der Gerechtigkeitssinn die Revision des Prozesses verlange. So weit wäre es gut. Allein vor mir habe ich einen'lArtikel, den heute mindestens 800.000 Leute lesen, in dem die ärgsten Jnstincte gegen die Juden erweckt werden. „Tie Presse ist in den Händen der Inden", „das jüdische Kapital regiert die Welt", „die Welt wird von den Juden beherrscht" u. s. w. Tcshalb habe das Volk von Paris mehr oder weniger Recht die Juden zu verfolgen. Bon diesen Gedanken hätte man noch vor einigen Jahren angenommen, dass sie englische Leser nicht interessiren können. Der „Daily Chronicle" cirirt den Bericht des englischen Konsuls in Odessa, worin vor jüdischen Händlern mit Llckerbaugerärhen als vor Schwindlern gewann wird — in einem offiziellen Bericht. "Nun, der Engländer mag aus Gerechrigkeitsliebe auf Treyfus' Seite stehen, in seinen ^Anschauungen über die Juden hat sich ein Wandels vollzogen. Nusslcrnd. St. Petersburg. (Orig.-Eorr.) Alan scheint sich mit der verhängnisvollen Judcnfrage in letzterer Zeit angelegentlicher zu befassen. Dafür spricht der Umstand, dass eine "Anzahl von neuen Ällinisterialcommissivnen eingesetzt worden ist, von denen eine mit dem Sttrdium der sog. „provisorischen" Maßregeln des Grafen Jgnatieff betraut ist in Bezug auf ihren Einfluss auf das ökonomische Leben der russischen Landbevölkerung innerhalb des "Ansiedlungsgebietes. Diese „provisorischen" Maßregeln wurden am 8. Mai 1882, also bald nach dem Regierungsantritte auf administrativem Berordnuugswege erlassen, passierten also nicht den Weg der Gesetzgebung, d. h. den Reichsrarh. Sie führten den Ruin von mehreren Hunderttansenden jüdischen Existenzen herbei, da es mir einem Federstriche jedem verboten wurde, auch nur 24 Stunden lang in einem Dorfe zuzuvringen, und traf Einen die "Nacht auf der Reise, so durfte er das "Nachtquartier nicht im Torfe nehmen, wobei selbstredend alle Güter als Dorf bettachter wurden. Blau behauptet, dass Hunderte von Bittschriften von Seite der Großgrundbesitzer dem Ministerium Vorlagen, um diese „provisorischen", 18 Jahre lang bestehenden Verordnungen aufzuheben, da die Großgrundbesitzer enorme Verluste durch dieses Verbot des Uebernachtens erleiden sollen, welches die Landpvlizei in rücksichtslosester Weise ausübte, ja, es soll sogar der Bruder des Ministers Jgnatieff, der unlängst von seinem Posten enthobene General-Gouverneur von Kieff, auf seinen Gütern in Süd- Rußland die ganze wvhlthätige Wirkung dieser Maßregeln empfunden haben, und der eigene Schaden machte die Herren klug. "Auch eine allseitige Durchsicht aller Verordnungen und Gesetze, den Aufenthalt der jüdischen Handwerker außerhalb des Anfiedlungsgebietes betreffend, wird jetzt im Ministerium des Innern vorgenommen und wollen wir hoffen, es werden viele von den bis jetzt geübten Bestimmungen aufgehoben, um einem Theile der jüdischen Handwerker menschlichere Existenzbedingungen zu ermöglichen und theilweise der auf's äußerste gestiegenen Roth im "Ansiedlungsgebiete abzuhelfen. "Auch wäre es sehr erfreulich, wenn das Geriicht sich bewahrheiten sollte, dass das Verbot, die außerhalb des "AnsiedlungSgebieres gelegenen Eurorre aufzusnchen, aufgehoben werden soll. Für die vielen Juden, denen die Mittel nicht erlauben, in'S "Ausland zu gehen, wäre die "Aufhebung dieses Verbotes eine wahre „Heilsbotschaft". Beu-Ann. Türkei. Jaffa. (Orig.-Eorr.) Tie Eolvnie „Rischon l'Zion" hat einen empfindlichen Verlust erlitten. "Am 4. Jänner starb einer ihrer ersten Gründer und ihrer angesehensten Bewohner, der greise Hirsch Lew ent in. "Nicht als Desperado aus materieller "Norh oder "Aussicht auf Gewinn zog dieser Pionnier in das heilige Land; er war ein angesehener, reicher Kaufmann in seiner Geburtsstadt Nikolajew (Russland), wo er ein behagliches Leben führen konnte. Seine Liebe zu Zion ließ ihn alles hinter sich werfen und das behagliche Stadtleben gegen das stille Colonistenleben, das er mit den größten Opfern erkaufte, vertauschen. Am Grabe sprach Dr. M a s i e, der in rührenden Worten die Verdienste des Verblichenen um das Gedeihen der Colonie und um andere zionistische Unternehmungen feierte. Dercmsnachnchte«. Wien. Im Vereine „Zion" hielt Herr Dr. O. K o k e f ch am 28. Jänner einen Vortrag über das „Neue Ghetto" von Theodor Herzl. An der Discussion betheiligten sich die Herren Dr. Kahn, Redactenr Schalit, Lederer,Buchsbau m, Rosenberger. Im Einzelverein „Wien" des „Zion" (N. Rembrandstraße 11) wird Herr R. A. Brandes am Dienstag den 8. d. M. 7 Uhr "Abends einen Vortrag halten über das Thema: „S h y l o k" (Kaufmann von Venedig), 9k a t h a n (Nathan der Weise) und Dr. Samuel (Das neue Ghetto). Gäste willkommen! Der humanitäre Geselligkeitsverein „Fides" veranstaltet am 18. Februar im Prachtsaale des Wiener Thiergartens ein Costümkränzchen. Der Reinertrag des Festes wird ausschließlich zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder des lll. Bezirkes verwendet, Karten sind zu haben, lll. Pragerstraße 12 (Slatky)und lll., Radetzkyplatz 8 (Casv „Hungaria"). Dem Vereine, der anläßlich des Makkabäersestes viele jüdische Schulkinder mit Winterkleidern berheilr hat, wäre auch für diese Veranstaltung das Beste zu wünschen. Ikitschristrurim-schau. „Pcarsons Weekly" betrachtet in einer seiner letzten Nummern die ökonomischen Eonsequenzen eines Erfolges der zionistischen Bewegung für die Welt. Der Verfasser kommt zum Schlüsse: „Das allgemeine Resultat für die civilisierte Welt wäre ein sehr schädliches. Die Juden sind sparsam, scharfsinnig, arbeitsam und nüchtern.... Durch den Rückttitt so wertvoller Mitbürger vom commerciellen Leben der Nationen würden Lücken entstehen, die in vielen Ländern gar nicht auszusüllen sind. Demgegenüber würden sich jedoch auch zwei Vorlheile für die Welt ergeben. Palästina würde zu einem großen stnanciellen Eentrum und durch seinen Nutzen für die übrige Welt auch zu einem mächtigen Factor der Eivilisalion werden. Zweitens wäre die Rückkehr der alten Einwohner für das heilige Land selbst fruchtbringend." Isidor Z a n g w i l t lässt nunmehr als Fortsetzung seiner „Dreams of Ghetto" (Ghetto-Träume) nach Uriel A c o st a, S a b b a t a i und Heine im „Sunday Special" eine Skizze über Ferdinand Lass alle erscheinen. Er nennt sie „The l'eopLüs Saviour* (Ter Polkserlöser). „Woschod" bringt in seinem Feuilleton vom 28. Jänner eine Besprechung von Th. Herzl's „Neuem Ghetto" aus der Feder seines Wiener Correspondenten. In der Einleitung wird das Stück als eine directe Folge des gewaltigen Umsturzes in der Weltanschauung Herz l's h'ingestelll, der als ein bekannter Dramaturg sicher ecnmat zum Theater greifen musste, um für seine neue Weltanschauung Anhänger auch unter jenen seiner Stammesgenosscn zu werben die oft nur e i n Druckwerk respectieren, den Eurszeltel, und auf die die Argumente von der Bühne mächtiger einwirken müssen, als ein Stoß von historisch-politischen Untersuchungen, die sie ja nicht lesen. Es folgt dann die genaue Wiedergabe des Jnhaltes,und zum Schluffe hebt der Correspondent die Tendenz des Stückes hervor, die sich in das künstlerisch schöne Ganze des Stückes harmonisch einsügt und dadurch das Stück lebenswarm und lebenswahr gestaltet. „Auf dem kurzen Zwischenräume des Stückes sind gruppirt alle bisher unternommenen Versuche, aus der Judengasse herauszutteten. Eine von den handelnden Personen Dr. Bichler suchte den "Ausweg in der Taufe: die individuelle Lösung brachte ihm nicht die erwünschte Befriedigung und seine alten Zweifel quälen ihn nicht weniger, als früher. Wir erleben auch den Krach der äußeren Assimilation beim "Abschied Samuel's von seinem christlichen Freunde. Der Wunsch, die Judensrage durch den Socialismus zu lösen, wird noch vor der Lösung der socialen Frage die ganze Rache der Bourgeoisie auf die Juden entladen. Und diese These wird durch die Erzählung aus der Mainzer Chronik erhärtet. Das Schicksal Samuel's, der gewagt hat, das „Ghetto" zu verlassen und dem Unterdrückten zu Hilfe zu eilen, ist ganz analog dem des edlen Mainzer Jünglings. Mit einem feinen Verständnisse der Psychologie der Menge vermeidet Herzl, ihr die Lösung des Problems aus dem Präsentierteller zu bieten, aber für alle denkenden Zuschauer, die sich für moderne Strömungen im Judenthum interessieren, liegt dieselbe in dem politischen Credo Herzl's.

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