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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
Krakau / M. L.
Date
1898-02-04
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 5 J*$wr Krakau. (Orig.-Corr.) Seit einer geraumen Zeit beginnt die Socialdemokratieeine Opportunitätspolitik zu führen, welche auch an den Grundsätzen des Socialismus zu rütteln ansängt, denn die Socialistensührer stürzen sich — ihren internationalen Standpunkt über Bord werfend — in den Nationalitätenkamps, um sich unter dem frischen Banner des Nationalismus dem Volke nähern zu können. So will auch die Socialdemokratie in diesem allgemeinen Rummel sogar aus Kosten ihrer Grundprincipien Anhänger gewinnen. Als Beweis hiesür diene der vom Reichsrathsabgeordneten Taszynski an seine Wähler gerichtete Ausruf. In demselben heißt es unter anderem: „Für den Polen existirt nur eine große Politik und zwar die der Unabhängigkeit Polens". Was denken nun die internationalen Socialdemokraten mosaiischen Glaubens angesichts solcher Enunciation zu thunV M. L. Brody. (Orig.-Corr.) Nr. 3 der „Welt", 2. Jahrgang, widmet dem Zahlenverhältnisse der jüdischen Mittelschüler Galiziens eine kurze Besprechung: es wird darin als wünschenswert hervorgehoben, dass am Brodyer Gymnasium, wo sich 144 jüdische Schüler zur deutschen Nationalität bekennen, das jüdischnationale Selbstbewusstsein lebhafter betont werde. Im Name, unserer jüdischen Collegen will ich dies dahin richtig stellen dass wir es ebenfalls angemessen finden, uns als Juden zu melden, — nur müssen wir es leider unterlassen, weil der Begriff der jüdischen Nationalität in unseren Gymnasien derzeit noch nicht die gesetzliche Anerkennung besitzt. A. L. S. Schweiz. Zürich. (Orig.-Corr.) Der Centralvorstand des „Internationalen ethischen Bundes" beschloss an Zola eine Sympathie-Depesche zu senden. "Aus Veranlassung der „Schweizerischen Gesellschaft für ethische Cultur" werden in der Schweiz Unterschriften gesammelt für eine "Adresse an Zola. Eine ähnliche Adresse geht auch von den Züricher Studenten ab. Italien. 31. Jänner. In der Kammer fragte DelBalzo den Minister des Aeußern, welche Action die italienische Botschaft in Paris in der Trcysus-Sache entfaltet habe. In Vertretung Bisconti-Venostas antwortete der Unterstaatssecretär Gras Bonin, die italienische Botschaft habe in dieser Sache keine wie immer geartete Thätigkeit eirtsalten können, da die Einmischung einer fremden Macht in die inneren Angelegenheiten Frankreichs undenkbar sei. Ta übrigens in den Zeitungen der Name des italienischen Militärattachees des Oesteren in Verbindung mir jenem des Excapitäns Treysus genannt worden, erkläre er aus das Bündigste, dass weder der genannte Attachee, noch irgend ein anderer Functionär der italienischen Botschaft direct oder indirect mit dem Excapitän in Verbindung gestanden sei. (Beifall.) Tel Balzo erklärte, diese Antwort zur Kenntnis zu nehmen. Frankreich. Paris, 28. Jänner. Seit den letzten Krawallen in "Algier wurde die Meinung laut, dass die Lage in Algerien erst dann sich bessern werde, wenn das Cremieux'sche Decrer wieder ausgehoben worden sei. Bekanntlich verlieh Cremieux als Mitglied der Regierung der Nationalvertheidigung seinen algerischen Glaubensgenossen mittels eines aus Tours erlassenen Decrets, welches im Februar 1871 durch die Nationalversammlung von Bordeaux bestätigt wurde, das volle französische Bürgerrecht und damit das politische Wahlrecht. Infolge der nachträglichen parlamentarischen Sanctivn kann auch die Reform nicht, wie viele glauben, durch ein bloßes Teeret rückgängig gemacht werden. Es würde hierzu eines ausdrücklichen parla mentarischen Beschlusses bedürfen, und ob ein solcher jetzt, wo die algerischen Juden seit fast drei Jahrzehnten beaii possiüeiites sind, rathsam oder möglich sein würde, ziehen auch mehrere Blätter, die kein Bedenken tragen, die Fürsorge Cremieux' für seine nordasrikanischen Glaubensgenossen zu radeln, ernstlich in Zweifel. In diesem Sinne behandelt z. B. das „Journal des Debats" die Angelegenheit. Paul Leroy-Beaulieu führt in den Spalten des genannten Blattes aus, dass Cremieux ohne Zweifel einseitig und voreilig handelte, als er 35 bis 40.000 algerischen Israeliten unvermittelt das sranzösische Bürgerrecht verlieh, während eine solche Maßregel nur langsam und stufenweise hätte verwirklicht werden sollen. Wenn man dies allmählich gethan hätte, sagt Leroy-Beaulieu, so wären große Uebelsrände vermieden worden: man hätte dann nicht bei den sich benachtheiligt fühlenden Arabern den Groll, ja den Hass angesacht, die vor einigen Tagen in Brand- und Mordscenen zum "Ausdruck gelangten. Jetzt aber das Teeret Cremieux auszuheben, hält Leroy-Beaulieu fiir unrhunlich. Es ist, so bemerkt er, zu lange schon in Kraft. Tie algerischen Juden haben sich rasch die französische Sprache und "Anschauungsweise angeeignet, und es wäre unrecht, ihnen das einmal gewährte Recht zu nehmen, zumal jetzt, wo sie so heftig angeseindet werden. "Nur eines erachtet er für thunlich: eine noch schärfere Abstellung des Missbrauchs, dass auch marokkanische oder tunesische Juden in die Wählerlisten eingetragen werden, als wären sie französische Bürger. Tie „Libre Parole" und der „Jntransigeant" schwören aber, sie werden nicht ruhen, bis das unheilvolle Teeret ausgehoben sei, und die Juden nicht länger über den "Arabern stehen. Paris, 20. Jänner. Heute Nachmittag schaarten sich einige hundert Gymnasiasten hinter der Madeleine-Kirche zusammen, um eine Kundgebung gegen Zola zu veranstalteir. Tie Manifestanten wurden von der Polizei zerstreut. 30 Verhaftungen wurden vvrgenvmmen. Paris, 20. Jänner. Tie Meldung des „Siecle", dass Gras M ü n st e r Herrn Hanvtaux in amtlicher Eigenschaft die Erklärungen des Staatssecretärs v. Bülow überbracht habe, macht hier einen starken Eindruck. Vorübergehend beeinflusste die "Nachricht sogar die Börse. — Tie deutsche Botschaft versichert, dass ihre Mitglieder im Zola-Processe nur dann Zeugnis ablegen würden, wenn auch andere Diplomaten vor Gericht erschienen. Paris, 31. Jänner. Tie erste Zeugenvorladung im Zola-Processe erhielt Bertillon. Vorgestern versammelte der ehemalige MinisterPo ine a r6 seine Collegen vom Ministerium Tupuy, unter welchem der Treysus-Process verhandelt wurde, zu einem Tiner. Dieser Cabinetsrath von Exministern beschloss, dass alle vorgeladenen Herren dem Rufe des Gerichtes Folge leisten sollen. Es verlautet nichts, inwieweit sie entschlossen sind, Aussagen abzulegen. Paris, 31. Januar. Im „Radical" veröffentlicht der Senator Rane einen Artikel, in welchem die Behandlung des Capitäns Treysus und seiner Frau scharf getadelt wird. Treyftls soll ohne Grund einen Monat lang in Eisen gelegt worden sein. Frau Treysus soll die Briese ihres Gatten nicht im Original, sondern mir in einer Abschrift erhalten, damit er sich nicht mir ihr durch besondere Unterscheidungszeichen oder bestimmte Fehler eine "Art Chiffreschrist einrichte. Während der Untersuchung durfte Treysus nie allein mir seiner Frau sprechen. So hatte es Patt) du Clam angeordner. Ranc schließt, indem er den Colonien-Minister auffordert, wenn er schon K crkerm e i ft e r sein wolle, nicht Henker und nicht Folterer einer Frau zu sein. Paris, 31. Januar. Ter Besuch des deutschen Kaisers bei dem französischen Botschafter in Berlin, Marquis de Nvailles, hat in Frankreich bei der anttsemirischen Presse natürlich wieder zu den unsinnigsten Hetzarttkeln Anlass gegeben. So tischt Roch eso rt im „Jntransigeant" seinen Lesenr das Märchen aus, der Besuch des Kaisers habe eine Intervention in der Treysus-"Affaire bezweckt. "Ans einer solchen Intervention müssten aber für Frankreich die schwersten Gefahren erwachsen. „Falls diese Gefahren eintteten", schreibt Rochesort, „gebe ich ftir die Haut der Mitglieder des Syndicats keine zehn Sous." — Deutlicher kann man schon nicht mehr sein. Es ist nicht zu zweifeln, dass Rochesort und seine Genossen „gelehttge" Leser finden werden.

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