Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Article
- Judeneinwanderung in Amerika
- Date
- 1898-02-04
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 Wdc Nr. 5 Judeneinwanderung in Amerika. Zu den „brennenden" Tagesfragen, welche zur Zeit die öffentliche Meinung in den Bereinigten Staaten von Amerika beschäftigen, gehört auch die Frage der gegen die fremden Einwanderer zu ergreifenden Maßregeln. Tie Agitation gegen den Zuzug ftemder Arbeiter und Taglöhner entspringt unstreitig einem mächtigen Impulse, der von dem Volke selbst ausgeht und in ihm nicht künstlich hervorgerufen worden ist. Noch in früheren Jahrzehnten herrschte in den Südstaaten, namentlich in Californien, eine weitgehende Animosität gegen die chinesischen Kulis, die bescheidene Ansprüche an das Leben stellten und zu billigeren Lohnsätzen arbeiten konnten und mochten, als die heimischen Arbeiter, deren Standard of life ein bedeutend höherer ist. Es kam schon damals zu gewaltthätigen Ausschreitungen gegen die Chinesen und schließlich auch zu einem gegen diese gerichteten Einwanderungsverbot. Früher galt es als ein Gebot der Civilisation und der Humanität, jedem Fremden, der mit friedlichen und redlichen "Absichten ins Land kommt, die Gesetze der neuen Heimat respectiert und die ihm gewährte Gastfreundschaft nicht im mindesten missbraucht, Asyl und Schutz zu bieten. Heutzutage ist man über diesen „überwundenen Standpunkt" schon längst hinaus und von solchen Gedanken lässt man sich drüben nicht mehr leiten. Die Bill gegen die Einwanderer enthält nach der von der Congressmehrheit geplanten Vorlage mehrere Bestimmungen, über deren gehässige "Absicht niemand im Dunkeln gelassen wird. So wird schon jetzt von dem Einwanderer der Ausweis verlangt, dass er sich im Besitz einer bestimmten Summe befinde, widrigenfalls ihm das Betreten amerikanischen Bodens nicht gestattet wird. Scheinbar soll dadurch verhindert werden, dass arme Fremde, die ganz mittellos hinüberkommen, der öffentlichen oder privaten Wohlthätigkeit zur Last fallen: in Wahrheit jedoch wird damit beabsichtigt, den Zuzug von fremden Arbeitern fernzuhalten. Tie neue Bill soll den Zuzug fremder Arbeiter hauptsächlich dadurch noch mehr erschweren, dass die Einwanderer die schulmäßige Kenntnis des Englischen oder der Landessprache ihrer Heimat nachzuwcisen haben würden. Wenn ganze Familien einwandern, so würde cs nicht genügen, dass das Oberhaupt der Einlass begehrenden Familie sich in der.Kenntnis der englischen oder der Heimatssprache genügend ausweisen kann, sondern es sott dies von allen erwachsenen Mitgliedern gefordert werden. Es könnte somit, wenn diese Vorlage zum Gesetz erhoben werden sollte, der Fall cintreten, dass der Mann wohl die Prüfung glücklich besteht, worauf ihm der Aufenthalt in Amerika gestatter wird, während die Frau in der Bildung nicht so weit ist und daher in ihre Heimat zurückkehren muss. Aehnliches kann auch zwischen Eltern und Kindern Vorkommen, so dass leicht infolge des vorgeschlagenen Gesetzes eine arme Familie zersplittert wird. "Nach jetzt geltenden Bestimmungen hängt die ganze Zukunft des Einwanderers von einer Summe ab, die die wenigsten "Arbeiter aufznweisen in der Lage sind. Es ist auch damit gar nicht beabsichtigt, besitzlose "Arbeiter von Amerika fernzuhalten, denn schließlich wird bei einem "Arbeiter nur Fleiß und Tüchtigkeit und nicht Vermögen gesucht: vielmehr soll dadurch das Einwandern in die Vereinigten Staaten soviel als möglich erschwert werden. "Aber im Allgemeinen enthält die neue Bill viele Härten, namentlich gegen die russischen Auswanderer, die oft weder der russischen noch der englischen Sprache mächtig sind und ihres religiösen Bekenntnisses wegen ihre Heimat verlassen mussten. Es sind dies in der Regel fleißige, nüchterne und ruhige "Arbeiter, die sich redlich und bei schwerer Arbeit ihr Brot verdienen wollen. Diesen die gesuchte Zufluchtsstätte zu verschließen, bedeutet in der Tyat eine grausame Härte. Ucber einen interessanten ägyptischen Fund, der unter den hebräischen Handschriften aus der Geniza oder Rumpelkammer der alten Synagoge in Kairo gemacht worden ist — es handelt sich um einen P a l i m p s e st mit zwei Stücken der griechischen Uebersetznng des alten Testamentes des "A y u i l a v v n P v >: I u s — wird berichtet: Der Fund ist die erste nennenswerte Probe der Uebersetznng, die unter den griechisch sprechenden Juden mit der Septuaginta wetteiferte. Tie Uebersetznng ist, wie sich aus den gefundenen Stücken ersehen lässt, so pedantisch wörtlich, dass sie zuweilen beinahe unverständlich ist; nicht eine Silbe des heiligen Textes ist unbeachtet geblieben, jede Partikel in der ihr eigenen Bedeutung beachtet und wiedergegeben. Eine weitere Eigenart dieser Uebersetzung ist ihre Behandlung des Tetragrammaton, des Gottesnamens Jahweh. "Aquila hat ihn weder übersetzt, noch umgeschrieben, sondern einfach abgeschrieben, und zwar in den alten hebräischen Buchstaben, wie sie sich auf alten jüdischen Münzen und auf der Siloahinschrift finden. Diese alte Schreibart, die man bisher nur auf Stein oder Metall gefunden hat, findet sich demnach hier zum erstenmal in einem geschriebenen Tocument. Tie Anwendung dieser alten Schriftzüge in einem Text des zweiten Jahrhunderts macht es zusammen mit ihrem Vorkommen auf den Münzen des Bar Kvchba, eines Zeitgenossen des Aquila, ziemlich sicher, dass die alte Schrift die Einführung der Quadratschrift länger, als man annahm, überlebte. Ten interessanten Fund verdankt man Mr. Schlechter, Dozent der talmudischen Literatur an der Universität Cambridge, und Mr. Burkitts. Ter erste hat ihn mit Erlaubnis des Oberrabbiners von Kairo nach London gebracht. Die üomWchk Lewcgung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. C. Ko kesch, Hof- »nd Gerichts-Advocatcn in Wien, I., Singersträtze 25, zu senden. Jajfyer Brief. Als eine erfreuliche Erscheinung auf dem Gebiete des Zionismus muss die Theilnahme der weiblichen jüdischen Jugend unserer Stadt betrachtet werden. Auf Anregung der Damen: Frl. Risa Dux, Marie Nacht und Frau Sophie Nacht wurde eine Gesellschuft von Fräulein und jungen Frauen gegründet. Schon in der kürzesten Zeit wuchs die Zahl der Mitglieder der Gesellschaft „Benoth Zion" auf 180. Am 18. Jänner fand die erste Generalversammlung der Gesellschaft im Tempel Beth Jacob statt. Zur Ehrenpräsidentin wurde Frau "Adelheids de N e u s ch o tz per Acclamation gewählt. Diese hochintelligente Dame hat sich für den Zionismus erklärt, zahlte den Schekelbcitrag und stellte den Tempel Beth Jacob, der ihr Eigenthum ist, der zionistischen Propaganda zur Verfügung. Ob andere Damen der hiesigen sogenannten „besseren Gesellschaft" diesem Beispiele folgen werden, ist mehr als zweifelhaft. In Dingen, die das Judenthum betreffen, haben die hiesigen Juden ihre eigene feste, unwandelbare Meinung, die, obwohl in vielen Punkten sich widersprechend, doch in einem einzigen als die Anschauung aller zu gelten hat. Alle stimmen nämlich darin überein, dass sie keine höhere maßgebende Autorität über sich anerkennen außer jener der „Rabbis". Und diese waren bis jetzt die enragiertesten Gegner der Colonisation Palästinas, resp. des Zionismus. Ich verstehe unter der Bezeichnung „Rabbi" nicht die eigentlichen Rabbiner noch die Doctoren, von denen die Ersteren wohl dem Zionismus nicht abgeneigt sind, sich aber, mit Ausnahme meines alten Freundes, Rabbiners A v n e r K a s s w a n in Rimik Saras, unthätig verhalten. Hingegen sprechen die Prediger gewöhnlich in antizionistischem Sinne. Eine löbliche "Ausnahme macht in Jassy mein junger Freund, der gediegene Literat Rabbiner Dr. I. "Nacht, Mitglied des Localcomites Jassy. Die Rabbiner- Doctoren und die Wunderrabbis sind daher, wem: auch nicht die gefährlichsten, so doch die thätigsten Gegner des Zionismus. Es scheint indessen auch unter den Rabbis eine Neigung zum Bessereir platzzugreifen, da sich ein Rabbiner in Paschkan unbedingt zum Zionismus bekehrte. Es hat mich daher sehr gewundert, als ich im unlängst erschienenen Journale des Herrn Aron Marcus, „Jüdische Zeitung", las, dass der selige Rabbi Friedmann aus Bohusch in Rumänien der Gründer der Colonie „Rosch Pinah" gewesen wäre. Das Gegentheil ist wahr. Rosch Pinah ist von Moinester