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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
Die Juden Italiens und der Zionismus
Date
1898-02-04
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 5 jM&m Seite 7 Die Juden Italiens und der Zionismus. Von M. Kaufmann. (San Remo.) Auf dem Baseler Congresse waren die Juden Italiens trotz ihrer verhältnismäßig großen Anzahl nicht vertreten, daher wurde über die Lage derselben auch nichts erwähnt. Es wird daher nicht ohne Interesse sein, und auch zur Vervollständigung des Gesammtbildes dienen, wenn Sie mir gestatten, etwas Authentisches über die Verhältnisse der italienischen Juden zu berichten. In keinem anderen Staate Europas ist wohl die Emantivipcon der Juden eine solche vollständige und denselben in Fleisch und Blut übergegangene, wie in Italien, und zwar aus dem Grunde, weil dieselbe mit den Einheitsbestrebungen und — Kämpfen dieses Landes auf's Engste verknüpft ist. Tie jüdischen Elemente desselben betheiligten sich an diesen Kämpfen auf's Eifrigste und verspritzten ihr Blut opferwillig für das „einige Vaterland, Italia unita". Im Jahre 1848 am 29. März wurde ihnen die Emancipation durch König Karl Albert von Piemont und Sardinien verliehen: „Tie Israeliten des Königreiches genießen vom Datum des heutigen Tages ab, alle bürgerlichen Rechte und haben das Recht, die akademischen Grade zu erlangen. Soweit die Ausübung ihres Cultus und der von ihnen geleiteten Schulen in Betracht kommt, wird keine Neuerung getroffen. Die den vorstehenden Verfügungen widersprechenden Gesetze sind abgeschafft." Ein gleichzeitiges Dekret, welches die Juden zum Militärdienste tauglich erklärte, hatte den sofortigen Eintritt von 235 Freiwilligen zur Folge, welche sich bald als würdige Abkömmlinge der heldenhaften Makkabäer legitimirten. Bei der Bertheidigung Roms gegen die Franzosen im Jahre 1849 wurde der Ansturm der letzteren lange Zeit durch eine Handvoll Tapferer, unter welchen sich fünf Israeliten befanden, aufgehalten. Der jüdische Oberst Enrico Guastalla fand den Heldentod auf dem Gianicolo. An den Feldzügen 1859/60 nahmen 260 Freiwillige theil, der Fourier Giulio Levi ergriff eine feindliche Flinte, und zeichnete sich bei einem Bajonettangriff so aus, dass er die Tapferkeitsmedaille erhielt. Unter den „1000" Garibaldis, welche in Marsala aus Sicilien 1860 landeten, befanden sich 11 Juden, unter chnen der gegenwärtige Leiter der Realschule in Mailand, Proseffor Ritter Colombo Donato. Auch die Zahl der jüdischen Freiwilligen im Feldzuge von 1866 war keine geringe, die israelitische Gemeinde von Modena mit 1600 Seelen stellte 60 Freiwillige, Reggio in der Emilia mit 630 Seelen 44 rc. Tie Zahl der italienischen Juden wurde damals auf 36.000 geschätzt, die Anzahl der Freiwilligen des Krieges auf 380. Bei Custozza erlitt ein jüdischer Lieutenant, Moise G. di Capua, den Heldentod. Endlich, unter den ersten, welche 1870 durch die Bresche der Porta Pia in Rom einzogen, gehörte die 5. Batterie des 9. Regiments, deren commandirender Hauptmann ein Jude, Giacomo Segre, war. Nach der neuesten Statistik beträgt die jüdische Bevölkerung Italiens 47.000 Seelen, die größte Anzahl von Gemeinden befinden sich in Piemont, in der Emilia, Romagna, Venetien, Toskana (Florenz und Livorno) und in der „ewigen Stadt". Die größten Gemeinden bilden Rom mit 7500 und Livorno mit 4000 Seelen. Erstere ist wohl als die älteste der Diaspora zu betrachten, denn schon zur Zeit des Pompejus, also lange, circa 120 Jahre, vor der Zerstörung Zions, befand sich eine jüdische Niederlassung am Tiberstrome. Die Emancipation der Juden Italiens existiert nicht nur „schwarz auf weiß", sondern ist eine vollständige Wahrheit. Kein Stand, kein Rang ist ihnen verschlossen, der Name „hebraico" bildet kein Hindernis: überall in der Armee, im Ministerium, im Senate, sind die Söhne Israels vertreten. Die kürzeste Vergangenheit sah zwei jüdische Minister, den der Justiz, Luzzatto, und den Schatzminister Sonnino. Im Senate befinden sich 5, in der Deputirtenkammer 12 Abgeordnete, unter letzteren der Vertreter Roms, der vielgenannte Barzilai. Im Generalstabe sehen wir einen jüdischen Generallieutenant, einen Oberst, 8 Majore, 43 Hauptleute und 109 Lieutenants. Durch ein Dekret des Königs Humbert I. von 1895 wurde der bisherige jüdische Generalmajor Comm. Giuseppe Ottolenghi zum Generallieutenant befördert und zum Befehlshaber der Division von Turin ernannt. Als ftüherer Generalmajor in Neapel war er lange Zeit dem.Kronprinzen, Prinzen von Neapel, zu dessen militärischen Ausbildung attachirt. Ottolenghi ist Ritter der höchsten italienischen Orden. Ter Antisemitismus ist bis jetzt in Italien eine unbekannte „Krankheit". Beispielsweise wurde vor einigen Jahren in Mailand Paul Lindaus „Gräfin Lea" in italienischer Uebersetzung aufgeftihrt, und fand eine mehr als kühle Aufnahme. „Was interessirt uns denn die gleichgiltige Thatsache," las man in der Kritik einer angesehenen Zeitung, dass in dem Drama ein „jüdischer" Wucherer, die Hauptrolle spielt'." Freilich für italienische Verhältnisse eine etwas unverständliche Geschichte! — Als Zeichen eines sehr geringen Zusammengehörigkeitsgefühls sei erwähnt, dass nur circa ein Drittel der italienischen Juden eine Synagoge besucht. Ein großer Theil der Juden ist sehr wohlhabend; aber auch ein ungeheurer Percentsatz, namentlich in Rom und Livorno, schmachtet in entsetzlicher „physischer Noth". Demgemäß steht auch die geistige Bildung hier auf sehr geringem Niveau und der Zionismus ist diesen Armen bis heute fast gänzlich unbekannt, Zion überhaupt ein nebelhaft geographischer Begriff. Die politische Freiheit, verbunden mit einer ziemlich stark ausgeprägten materiellen Lebensauffassung, ist die Ursache, dass die Ziele der zionistischen Bewegung hier wenig bekannt sind, und dass daher auch bis jetzt für dieselben wenig Interesse bei den Juden Italiens vorhanden ist. Meltchronik. Crnile Aola. Zola ist geboren in Paris am 2. April 1840. Sein Vater, ein italienischer Ingenieur, starb bereits im Jahre 1847 zuAix. Zola verbrachte seine Jugend im^-üden und trat dann, um sich dem Buchhandel zu widmen, in das Geschäft von Hachette ein. In seinen Mußestunden war er schriftstellerisch thätig. Für den „Figaro", den „Voltaire" und den in Moskau erscheinenden „Europäischen Boten" schrieb er literarische und Theaterkritiken, in denen die naturalistischen Ansätze bereits merklich hervortreten. Von der Kritik wandte sich Zola zum Romane. Es entstehen: rLes mysteres de Marseille" und „Le voeu d’une in orte". Mehr Beachtung als diese Werke fanden schon seine ,,C'.>nte8 ä Ninon“ (1864) und die ,.0onkession de Claude-* (1865). In ..Therese Raquin“ ist die naturalistische Richtung schon scharf ausgeprägt, das Talent Zolas, die Nachtseiten der menschlichen Natur mit grausamer Wahrheit abzuconlerseien, lässt sich deutlich erkennen. Nachdem er darauf ,.Mad eieine Ferat“,, (1868), eine Studie über die Fatalität der ererbten Anlagen gleichsam als Vorspiel vorausgeschickt, begann er seinen berühmten Romancyklus „Les Rougron. Macquart“, der das Thema in ausführlicher Weise behandelt. Ueber die Grundidee des Werkes spricht sich Zola in der Vorrede zum ersten Bande selbst aus. Er will, sagt er, durch Lösung der Doppelfrage des angeborenen Temperamentes und der umgebenden Welt den Faden zu verfolgen suchen, der mit mathematischer Genauigkeit von einem Menschen zum andern führt. Diesem Cyclus verdankt Zola seine Berühmtheit. Einzelne Werke davon haben eine Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren erlebt. Die Rücksichtslosigkeit im Enthüllen fauler Stellen, hat dem Naturalisten maßlos gehässige Angriffe und unbegrenzte Bewunderung eingetragen. Unbegrenzte Bewunderung, maßlosen Hass erntet auch der Zola, der von den Bresten der Republik mit schonungsloser Hand die kläglichen Lappen wegzieht.

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