Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Article
- Ein unterschlagener Brief
- Date
- 1898-02-04
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 5 schrist" mich kennen, und aus Rücksicht auf sie gebe ich hier folgende Erklärungen ab: Den mit „Spectator" Unterzeichneten Aufsatz in der „Welt" vom 7. Jänner habe ich weder verfasst noch eingegeben, noch vor Eintreffen der betreffenden Nummer der „Welt" in sparis gekannt; es ist in der „Welt" nie auch nur ein Wort von mir erschienen, das nicht mit meinem vollen Vor- und Zunamen unterzeichnet war: ich nehme aus die Redaction der „Welt" nicht den geringsten unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss. Und nun, nach diesen thalsächlichen Feststellungen, möchte ich auf die besondere Gesinnungsniedrigkeit und Feigheit eines Verfahrens aufmerksam machen, das in Folgendem besteht: Man „vermuthet", dass der Versaffer des „Spectator" - Artikels Nordau ist. Man „behauptet" es beileibe nicht, man „vermuthet" es nur. Es kann sein. Es kann auch nicht sein. Dann überhäuft man, durchaus nicht Nordau, o nein, sondern „Spectator", mit den niederträchtigsten Schimpfreden, wirst ihm vor, dass er sich verstecke, bezweifelt seine Tapferkeit, nennt ihn, mit Anwendung einer dummschlauen unpersönlichen Mehrzahl „die literarischen Seichtbeutel von Paris" u. s. w. Man richtet das Banditenstückchen so ein, dass zwar kein Leser im Zweifel sein kann, gegen wen alle die Beschimpfungen gerichtet sind, dass indes dennoch keines der feigen Schimpfworte geradezu Nordau in's Gesicht gesagt wird. Aus diese Weise hält man sich die Rückzugslinie für das Ausreißen offen. Kommt dann Nordau und erklärt: „Ich bin nicht „Spectator", so wird mit listigem Augenblinzeln gegen den Leser gepiepst: „Nun, dann habe ich doch nicht Nordau gemeint und meine Beschimpfungen „Spectators" gehen ihn nichts an." Der Leser aber weiß Bescheid, und der schlaue Ehrabschneider lacht sich in's Fäustchen, denn er hat dem Gegner hinterrücks eins versetzt, ohne seine Ohren zu gefährden. Das Urtheil über Gesellen, die eines derartigen Verfahrens fähig sind, überlasse ich den Lesern dieser Wochenschrift. Hochachtungsvoll Paris, 18. Jänner 1898. Dr. Max Nordau. Für dir Jude«') von Emile Zola. Seit einigen Jahren beobachte ich mit wachsender Verwunderung, mit zunehmendem Ekel den Feldzug, welchen man in Frankreich gegen die Juden zu führen versucht. Derselbe erscheint mir als eine Ungeheuerlichkeit, als eine Sache, welche ganz außer dem Bereiche der gesunden Vernunft, der Wahrheit und der Gerechtigkeit wird; eine Sache der Albernheit und der Verblendung, die uns um Jahrhunderte nach rückwärts führt; eine Sache endlich, welche aus die schamloseste aller Nichtswürdigkeiten abzielt, aus religiöse Verfolgung, die alle Vaterländer mit Blut besudeln würde. Und ich will über diese Bewegung meine Meinung frei heraussagen. Bor allem Andern, welche Anklagen erhebt man gegen die Juden, was wirft man ihnen vor? Es gibt sogar unter meinen Freunden Käuze, welche sagen, sie mögen die Juden nicht, es widerstrebe ihnen ihre Hand zu berühren. Das ist physischer Abscheu, das ist Widerwillen einer Raste gegen die andere, der weißen gegen die gelbe, der rothen gegen die schwarze. Ich untersuche nicht, ob in diesem Widerwillen nicht der Zorn zum Ausdruck kommt, welchen der Christ dem Juden gegenüber empfindet, weil sein Gott durch ihn gekreuzigt *) Wir bieten unseren Lesern diese Ausführungen Zolas, obwohl wir seine hier geäußerten Ansichten nicht in allen Stücken theilen können. Die Redaction. wurde: das wäre ein vielhundertjähriger Atavismus der Verachtung und der Rache. Alles in Allem, der natürliche Abscheu ist immerhin ein Grund, ja die einzige Begründung, denn man kann den Leuten nichts entgegnen, wenn sie sagen: „Ich verabscheue sie, weil ich sie verabscheue, weil mich der bloße Anblick ihrer Nase schon zur Verzweiflung bringt, weil mein Fleisch sich gegen sie empört, welches empfindet, wie verschieden und entgegengesetzt sie unserem Wesen sind." Thatsächlich ist jedoch dieser Rassenhass, kein hinreichender Grund. Ta müssten wir ja unsere Wohnsitze wieder in den Wäldern ausschlagen, wieder den wilden Krieg der Art gegen die Art beginnen, einander vertilgen, weil wir nicht dasselbe Kriegsgeschrei haben, weil unsere Haut anders geartet ist. Tie Bemühungen der Civilisation sind aber gerade daraus gerichtet, die wilden Triebe zu vernichten, welche den Menschen veranlassen, sich aus seinen Nebenmenschen zu stürzen, weil er ihm nicht ganz ähnlich ist. Die Geschichte der Völker im Lause der Jahrhunderte soll uns blos eine Lehre der gegenseitigen Duldung sein; ebenso wie der Traum der Zukunft die Verbrüderung der ganzen Menschheit ist: die ganze Menschheit mit zärtlicher Liebe zu umschlingen, um sie von allgemeinen Schmerzen zu erlösen. Und da sollten wir einander hassen und ansallen, weil unser Schädel nicht genau so construirt ist wie der andere? Dies scheint mir die ungeheuerlichste aller menschlichen Thorh eiten zu sein. Ich komme nun zur eigentlichen Anklage, welche der socialen Frage angehört. Ich fasse das Requisitorium zusammen und will in großen Zügen daraus Hinweisen. Tie Juden werden beschuldigt, eine Nation in der Nation zu sein, abseits eine religiöse Kaste zu bilden, über alle Grenzen hinaus eine internationale Sekte, welche kein Vaterland hat, welche, wenn sie eines Tages zum Siege gelangt, im Stande wäre, die Welt in Beschlag zu nehmen; die Juden heiraten untereinander, ihre Familienbande sind sehr fest inmitten der losen Familienbande der Modernen; sie unterstiitzen, ermuthigen einander, zeigen in ihrer Isoliertheit eine Kraft des Widerstandes, welche ihnen langsam zum Siege verhilft. Aber der Hauptvorwurs ist, dass sie eine praktische, umsichtige Rasse sind, in ihrem Blute liegt das Bedürfnis nach Gewinn, die Liebe zum Gelde; sie besäßen einen ungeheuren Geschäftsgeist, welcher in weniger als hundert Jahren enorme Kapitalien in ihren Händen ausgehäust hat, und der, wie es scheint, ihnen dereinst die Macht sichern wird in einer Zeit, in welcher das Kapital zur Herrschaft gelangen wird. Und alles das ist wahr; nur müsste man, wenn die Thatsache constatirt wird, dieselbe auch erklären. Hinzufügen muss man noch, dass die Juden von heute das Werk unserer achtzehnhundertjährigen Verfolgung sind. Man hat sie in scheußliche Stadtviertel eingepfercht wie die Aussätzigen, und es darf uns nicht Wunder nehmen, dass sie für sich gelebt, ihre Tradition erhalten, ihre Familienbande enger zusammengezogen, und so als Besiegte unter den Siegern gelebt haben. Man hat sie geprügelt, beschimpft, mit Ungerechtigkeiten und Gewaltthaten überhäuft, und man wundere sich nicht, wenn sie, vielleicht unbewusst, die Hoffnung auf dereinstige Vergeltung in sich tragen. Man hat ihnen verächtlich das Geld, welches man zu jener Zeit geringschätzte, als Domäne überlassen, machte sie gesellschaftlich zu Krämern und Wucherern und man staune nicht darüber, dass man sie später, als Intelligenz und Arbeit die Herrschaft über die rohe Gewalt errungen hatten, als Herren des Kapitals vor fand, das Hirn geübt und geschmeidig gemacht durch Jahrhunderte lange Vererbung, fähig, die Herrschaft des Geldes anzutreten. Heute steht Ihr erschreckt vor dem Werke der Verblendung, zittert Ihr, da Ihr seht, was die Sectirerwuth des Mittelalters aus den Juden gemacht hat und wisset