Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-02-04
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315748--04059-3357109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 5 Seite 3 zu.. . ." Und sie werden entscheidender, möchte man hinzufügen. Das gilt übrigens nicht blos von Gewerksvereinen. Zu welchem Zwecke immer das Coalitionsprincip angewendet wird, macht es den kleinen Streitigkeiten ein Ende und führt die großen Entscheidungskämpse herbei. In Russland steht man vor der baldigen Einführung der allgemeinen Schulpflicht. So ist Russland daran, eine Macht zu7 verdoppeln, indem es sein Culturniveau hebt. Millionen von Existenzen, die jetzt in tiefer Unwissenheit dahinleben, werde zum Bewusstsein ihrer Menschlichkeit erwachen. 'Das vorzügliche Menschenmaterial, das die Russen bilden und das bisher ungenützt verdarb wird nach Verwertung verlangen. Das schwindende Jahrhundert senkt neue Entwicklungskeime in die Welt. Im kommenden Jahrhundert werden sie ausblühen. Die Rede Chamberlains über die englischen Colonialinteressen ist friedlich. Mit den deutschen Annexionen in China scheint man also aus gütliche Weise ins Reine gekommen und nur von den Bestrebungen des Handels ist die Rede. Von einem anderen Wettbewerb, von einem Streit um die Hegemonie nicht ein Wort. Die Möglichkeit friedlicher Gesetzveränderungen besteht daher, der Einklang des europäischen Concerts ist also wohl imstande, Staaten zu gründen, zu vergrößern und zu verkleinern, ohne Trommelwirbel und Kanonendonner. Die heiteren Bemühungen, den Dreyfus-Scandal und — den Baseler Congress in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen, dauern fort. In der Schweiz ist eine ganze Pressfehde ausgebrochen, und man versucht den Beweis, dass die Gründung des Syndicates auf dem Zionistencongress beschlossen wurde. Die Juden kamen in Basel zu geheimen Berathungen zusammen, und indessen sie sich öffentlich den Anschein gaben, als wollten sie das Königreich Salamonis wiederherstellen, zerbrachen sie sich im Stillen die Köpfe, wie man wohl Dreysus am besten befreien könne. Das ist wohl die witzigste Bescheinigung, die der Antisemitismus je ersonnen hat. Beweisend erscheint, dass der Oberst Picquard zur selben Zeit, als der Congress tagte, bei Eszterhazy Hausdurchsuchungen vornehmen liess. Die ganze zionistische Bewegung wurde nur insceniert, um Dreysus wieder von der Teuselsinsel loszukriegen. Dass Scheurer-Kestner bald nach Schluss des Kongresses aufgetreten, spricht dafür. Die sinnreichen Erfinder dieser Fabel kehren sich nicht daran, dass Picquard und Scheurer-Kestner Christen sind. Ihnen ist der Zionismus nur ein irreführender Vorwand, und der Congress eine geschickt bemäntelte Verschwörung. Sie könnten noch einen Schritt weiter gehen, und ein zeitliches Zusammentreffen mehrerer Ereignisse als verdächtig bezeichnen. Als Dreysus vor seinen Richtern stand, fieng die zionistische Bewegung an. Damals machte der Zionsgedanke eine Runde um die Erde. Welch' eine Organisation! Judenstaat, Befreiung, Rückkehr nach Palästina, alles das wurde sogleich aufgegrissen, als ein jüdischer Ofsicier des Verrathes angeklagt war. Und alle, die für die Sache Zions eintraten, kämpften nur scheinbar für eine Ueberzeugung, in Wirklichkeit aber für Dreysus. Die Juden setzen eben Himmel und Erde in Bewegung, wenn es sich um einen der Ihren handelt. So sagen die Antisemiten. In Wirklichkeit aber sind die Juden leider noch nicht so solidarisch. Dr. Eduard Glaser und Dr. I. S. Bloch. Dr. Eduard Glaser und Dr. I. S. Bloch setzen ihre „Beschäftigung" in den Spalten der „Oesterreichischen Wochenschrift" leidenschaftlich fort. Sie führen die „sachliche" Discussion in dem vornehmen Tone weiter, den wir an ihnen bereits kennen. Dabei plagt sie eine geradezu sündhafte Neugierde zu erfahren, wer hinter dem Pseudonym „Spectator" steckt. Wir sind entgegenkommend genug, ausdrücklich zu constatieren, dass weder Dr. Herzl noch Dr. Nordau jemals unter diesem Pseudonym geschrieben haben. Für den Inhalt des vielcitierten Artikels aber steht selbstverständlich die Redaction ein. Die „höheren Motive" und den „Mannesmuth" werden die Zionisten nicht von Herrn Dr. Glaser erst lernen müssen. Dazu wissen sie andere Lehrmeister und competentere Beurtheiler. Die Redaction. der „Oesterreichischen Wochenschrift" aber, die sich gar herausnimmt, darüber zu urtheilen, was die Gebote der Ehre verlangen, hat uns völlig überrascht. Von dieser Seite Morallehren zu empfangen, das wird uns hoffentlich auch unser erbittertster Feind nicht zumuthen. Die Redaction. Erklärung. Dr. Bloch's Wochenschrift und Dr. Glaser fallen mich in einer Weise an, über die das Urtheil allen anständigen Leuten überlassen bleibe. Dr. Bloch insinuirt, dass ich für etwas, das ich geschrieben hätte, nicht einstehe. Diese Unterstellung weise ich mit Verachtung zurück. Dr. Glaser, der sich früher mit gefälliger Miene an mich herandrängte, versucht es jetzt, sich durch seine beispiellose Dreistigkeit bemerkbar zu machen. Vor einiger Zeit schickte er mir ein Expose und schrieb mir mehrere Briefe, die nur mein Mißtrauen erregten, denn er verlangte sie gleich wieder zurück. Ich sandte ihm seine Briese, die für mich absolut keinen Wert hatten, zurück. Er wollte offenbar „freie Hand" haben. Dennoch schrieb er mir später wieder, ich gab ihm keine Antwort. Nun behauptet er, ich hätte seine Einladung zu einer Besprechung mit Dr. Karpeles in Berlin angenommen. Ich habe Dr. Karpeles nichts dergleichen geschrieben. Die Einladung zu einer Besprechung wurde von einem Universitätsprofessor an mich gerichtet. Diese Einladung habe ich angenommen. Ich hatte ursprünglich nichts dagegen, dass neben anderen gleichgiltigen und gegnerischen Personen auch Dr. Glaser, der sich aus seine „Orientkenntnis" berief, anwesend sei. Nach dessen Artikel im „Berliner Tageblatt", den ich als bösartig gemeinten Angriff auf unsere Sache ansehen mußte, schrieb ich dem Professor, dass ich mit Dr. Glaser nicht zusammenzukommen wünsche. H. Ein unterschlagener Brief. Der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" hatte nach der Publicierung des Artikels „Quittung" von Dr. Glaser einen Brief von Dr. Max Nordau erhalten, mit der stricten Aufforderung, den Brief entweder ganz zu publicieren oder sonst überhaupt nichts daraus zu veröffentlichen. Der Herausgeber der genannten Wochenschrift hat aber trotzdem nur Bruchstücke des Nordau'schen Briefes veröffentlicht, die den Anschein erwecken konnten, als ob sich Dr. Nordau beeile, eine Entschuldigung vorzubringen. Wir veröffentlichen daher, zur Vermeidung aller Missverständnisse, den Brief Dr. Nordau's hiemit vollinhaltlich. Die Redaction. Herr Dr. Max Nordau hat an den Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Dr. Bloch, folgende Zuschrift gerichtet: Herr Redacteur! Von unbekannter Hand empfieng ich heute aus Wien die Nummer 2 Ihrer „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. Jänner mit dem Aufsatze „Quittung" des Herrn Glaser, den zu kennzeichnen tief unter meiner Würde ist. Für diejenigen, die mich kennen, ist eine Erwiderung auf diesen Aufsatz unnöthig. Ich habe aber kein Recht zur Annahme, dass die Leser Ihrer „Oesterreichischen Wochen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.