Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Article
- M. von Egidy
- Date
- 1898-02-04
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 5 geht, — und damit siegt er wie er will. Das hat er aüch bei uns in Wien gezeigt, und bewiesen, wie man damit die Oberhand behält. Es war gelegentlich einer Stelle, wo der Vortragende einen Ausspruch citierte, und zwar, den, dass manche Köpfe erst aufgeschlagen werden müssten, ehe man etwas hineinbrächte. Ein jugendlicher Redner betrat nach Egidy das Podium und liess eine heftige Philippica gegen diese gewissen Köpfe los, die insgefammt einzuschlagen er jederzeit bereit wäre. Aus der Zuhörerschaft ertönten die Rufe „Bestialität"! Die Kampfstimmung war da, jene Gewitterschwüle, die dem Ausbruche von gegenseitigen Heftigkeiten vorangeht. Da nahm Egidy wieder den Platz des Vorredners ein und in ruhigen, klaren, milden, die Hitze des Kopfeinschlägers fast entschuldigenden Worten legte er dar, wie solche Gewaltkuren die Entwicklung hemmen müssten, statt ihr den Weg zu bahnen, — und der leidenschaftliche Redner von vorhin, in dessen Miene ein Ausdruck von Grausamkeit und Wuth gelegen, zeigte als Erster die Umwandlung, die die logischen, überzeugenden Worte in ihm hervorbrachten. In solchen Momenten zeigt sich die eigentliche Größe des Apostels der Güte. Das Princip der Selbstbekämpfung kommt bei Egidy immer zum Ausdruck; an sich selbst giebt er das Beispiel und dadurch überzeugt er auch die Menschen. Der Eigenkampf ist ein wichtiges Postulat seiner Lehre, denn nur dadurch, dass wir hie feindseligen Regungen in uns bezwingen, gelangen wir zur Versöhnung, — zur Versöhnung der Individuen und durch diese zur Versöhnung der Völker. Unter Versöhnung versteht Egidy nicht allein den Ausgleich der Gegensätze, in dem Worte ist auch nebst anderem der Begriff „Verständigung" und parallel damit „Duldung" enthalten. Die Gegnerschaft der Individuen und der Völker beruht doch zumeist auf einer Antipathie, von der wir uns keine Rechenschaft ablegen können; eine anders geformte Rase, eine anders gefärbte Haut, eine abweichende Sprache kann ebenso der Grund zur Antipathie werden, wie die Andersgeartung der Eigenschaften. Mit dieser Ungerechtigkeit will Egidy in erster Linie aufräumen. Die berechtigte Eigenart, ob nun äußerlich oder innerlich, muss als Recht eines Jeden anerkannt und respektiert werden, denn Eigenart in diesem Sinne, also nicht mit Unart im wörtlichen Sinne zu verwechseln, ist etwas dem Individuum von der Natur mitgegebenes, ein Jchbestandtheil, um dessentwillen mich der Nächste weder verachten, noch hassen darf. Gewisse sogenannte Idiosynkrasien sind nicht angeboren, sondern anerzogen, und durch die Selbsterziehung muss der Mensch zum Resultate gelangen, derlei Antipathien zu bewältigen und als unrecht, als ungerecht von sich zu werfen^ Also Versöhnung in der Bedeutung von Verständigung mit Anerkennung der berechtigten Eigenart eines Jeden, wie auch einer Gesammtheit. Von diesen Grundgedanken „Glauben", „Gutseinwollen", „Versöhnen" ausgehend, hat sich Egidy sein ganzes Lebenssystem aufgebaut; dieses in drei Worte zusammenfasste Evangelium lässt sich auf allen Gebieten zur Anwendung bringen, und damit hat er seine Anschauungen so abgeklärt, dass es keine weltbewegende Frage giebt, in der er nicht vollkommen mit sich im Reinen wäre. Und eine plötzliche Klärung, eine Hebung der Zweifel fühlt auch Jeder, der sich die Mühe giebt, auf Egidy's Gedankengang einzugehen und ihm in der Entwicklung, im Ausbau folgen will. In der Folge wird man auch bald verstehen, warum Egidy kein Kastenmensch sein kann und wie falch und oberflächlich ihn Jene beurtheilen, die meinen, er strebe eine Parteibildung an. Der Begriff „Partei" ist in seinen Augen ein Trennungsbegriff, eine Absonderung, statt ein Zusammenschließen. Daher fordert er ganz direkt ein Aufgehen der Parteien in ein einziges Volk und als letzte Consequenz das Aufgehen der Völker in eine einzige Menschheit. Doch auch da darf er nicht missverstanden werden: eine nationale Autonomie muss aufrecht erhalten bleiben und gerade so respektiert werden wie die individuelle Autonomie, — die Eigenart. Aber die Antipathie muss bekämpft werden, die Ungerechtigkeit, anders geartete Völker als andere Menschen zu betrachten. Von dem Volkswesen führt er uns zu dem Staatswesen. Auch da erwartet er von der Zukunft eine gründliche Remedur, denn die Begriffe Herrschaft und Unterthänigkeit will er durchaus nicht gelten lassen. Selbstbestimmung, Selbsthilfe, darauf beruht das Schwergewicht der künftigen Culturwelt. Aus diesem Grunde kann er auch nicht in der Socialdemokratie das Heil erblicken, sondern im Socialismus, der von allem oberen Zwange frei ist. Die Socialdemokratie vergleicht er mit der katholischen Kirche. Beide haben seiner Empfindung nach Vieles mit einander gemein: die Dogmen, die Intoleranz, das feindselige Abwenden von Andersgläubigen. Und er sieht in einem endgiltigen Siege der Socialdemokratie nur ein Verschieben der gegenwärtigen Zustände, aber keine Abhilfe, da Herrschaft und Unterthänigkeit aufrecht bleiben und die bestehenden Zwangsmittel gerade so das letzte Wort sprechen werden, wie das heute der Fall ist. Und diese Zukunft, in der die Sonne des Friedens alles überstrahlt, sieht Egidy so klar, so geformt vor sich, dass seine Zuversicht, sein sester Glaube Alle, die ihn hören, mitreißt. Er ist keiner von den Predigern, die verkünden, was werden soll, sondern er verkündet das, was werden muss, — was wird. Me Woche. Wien, N. Februar 1868. Von den misshandelten Juden in Algier wird .jetzt viel gesprochen. Es ist natürlich, dass man die Gräuel, d 4 an ihnen verübt wurden, vergessen machen will, indem m an von den Schandthaten erzählt, welche die Juden verbrochen haben sollten. Aber es erheben sich Leute, die es anders und wie es scheint besser wissen. Zu ihnen gehört Jaures, der Algier genau kennt, und der den Juden n icht wohl will. Er schildert, wie die Eingeborenen in Algier misshandelt, bedrückt und ausgefogen wurden, — ehe noch der „jüdische Wucher" begann. Wenn die Juden dort wirklich Unheil ungerichtet haben, dann stand die Buße gewiss nicht in einem gerechten Verhältnis dazu. Man muss nur bedenken, dass die anderen Peiniger des Volkes zu stark sind, als dass man es wagen dürfte, ihre Häuser zu plündern und ihre Fenster einzuschlagen. Die Juden, die in der afrikanischen Colonie kein Muttervolk mit bewaffneten Truppen hinter sich haben, mussten eben füralle zahlen. Nach den Erklärungen, die der preußische Kriegsminister v. Goßler in der Reichstag-Commission abgegeben hat, die sich mit der neuen Militär-Strafprocessordnung beschäftigt, ist es klar, dass der deutsche Kaiser ein Freund der Oeffentlichkeit ist. Schon manche geschlossenen Thüren hat dieser Monarch gesprengt. 9tun sieht man ihn auch auf diesem so ängstlich gemiedenen Psad den Anderen vorausgehen. Ein bedeutsames Buch von dem bekannten Forscherpaar auf socialem Gebiete, von Sydney und Beatrice W e b b^ ist jetzt erschienen. „Industrial Democracy", beschäftigt sich mit dem inneren Wesen der Gewerkvereine. In den Schlussfolgerungen findet sich der Satz: „Man hat oft gesagt, fest geschloffene und financiell gerüstete Coalitionen hüben und drüben (d. i .bei Unternehmern und Arbeitern) seien das beste Mittel, Arbeitsstreitigkeiten vorzubeugen. Das ist nur bedingt richtig. Sobald wir eine Überspannung des Coalitionsprincipes vor uns haben, nehmen zwar die Arbeitsstreitigkeiten vielleicht an Zahl ab, sie nehmen aber an Dauer, Umfang und Hartnäckigkeit