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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Date
1898-02-04
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, das, was Egidy zu erreichen bestrebt ist und was er auch zu erreichen glaubt, in einem kurzen Essay wiederzugeben. Ter Mann ist zu vielseitig, um ihn in kurzen Strichen so darzustellen, wie er ist, und so kann denn eine Skizze von ihm nur etwas Unvollständiges sein, ein Nothbehels, mit dem man etwa den einen oder den anderen charakteristischen Zug festhält, ohne aber die Seele hineinzulegen, die nur aus einem vollständigen Bilde, von verständnisvoller Künstlerhand ausgeführt, zu uns sprechen kann. Und selbst da glaube ich, würde der todte Buchstabe nicht ausreichen, um Egidy naturgetreu wiederzugeben. Ihn sehen, ihn hören, das ist unerlässlich, um ihn in seiner ganzen großen Bedeutung zu ersassen. Einiges sreilich drängt sich uns sofort auf, wenn wir ihn lesen, und vor allem das: daß wir es mit einem Manne zu thun haben, der aus ehrlicher, gesund-ehrlicher Ueberzeugung zu uns spricht, der uns das, was ihn bewegt, 'sagt, weil er es sagen muss und der von einem unerschütterlichen Glauben an die Entwicklungsfähigkeit der Menschheit zum Guten beseelt ist. Und auf das arbeitet er mit der ganzen Kraft seines großen Talentes hin, — aus das Gutwerdenwollen des Menschen. Die Erziehung beginnt allerdings auch bei ihm mit der Schule, aber sie endet nicht mit dieser: sie begleitet den Menschen. aus seinem ganzen Lebenswege, auch wenn der Mentor nicht mehr neben dem Individuum einherschreitet, sondern 'wenn das Individuum sein eigener Mentor sein muss, der ewige Mahner, der nimmer müde wird, sich zu sagen: „Ich will gut sein!" Aus diesem Streben nach Gutsein allein entwickelt sich eigentlich das Ganze: es kann als der Grundbau gelten, aus dem der weitere Ausbau der Egidy'schen Gedanken ruht. Die Güte — erste Bedingung: die ehrliche, natürlich empfundene Güte. Zweite Bedingung: der Glaube, der feste, unerschütterliche Glaube, dass es so werden muss, bei allen Menschen nämlich: dass das Wollen, die Bereitwilligkeit hiezu ihnen zur zweiten Natur wird; dass sie gar nicht mehr anders können, als es wollen. Man darf da Egidy nicht missverstehen und meinen, dass er da mit einem Schlage die Menschen zu Engeln machen möchte, die kein anderes Streben kennen, als ihre Nächsten mit Güte zu überschütten und sich selbst ganz und gar zu verleugnen. "Nein, ein solcher Idealist oder Utopist ist er nicht: auch für sich soll das Individuum gut sein, für sich das Gleiche beanspruchen, was es dem Nächsten geben will, also neben dem Altruismus einen berechtigten Egoismus anerkennen, der soweit zum Ichbewußtsein führt, dass jeder Einzelne sich als den Mittelpunkt auf unserer kleinen Erde betrachten darf. Im ersten Augenblicke mag es parador scheinen, und doch kann ein geläuterter, in ethischen Grenzen gehaltener Egoismus ganz gut neben dem Altruismus einhergehen, — einer den anderen ergänzen und beide können in einandergreisen. Erst das Bewußtsein des berechtigten, des gleichberechtigten „Ich" wird die Gegensätze aus allen socialen Gebieten, die einander noch so schroff entgegenstehen, mildern und schließlich zum Ausgleich bringen. Die nächste Folge müsste die vollste Toleranz sin allem und jedem) gegen den Nächsten sein, denn die Anerkennung der „Jchberechtigung" eines Jeden bringt nothwendig die Anerkennung der persönlichen Eigenart in jeder Richtung mit sich. Da fallen mit einem Schlage die Schranken, welche bisher die Menschheit trennten: da erstreckt sich naturgemäss, ganz von selbst, die Toleranz auf alles ohne Ausnahme: auf die Verschiedenheit, oder sagen wir Eigenart, der Rassen, der Confessionen, der Stände, der Elasten, — kurz auf alles. Ganz mit Recht sagt Egidy, dass heute schon jeder einzelne Mensch ein Andersgläubiger ist, dass Jeder seine Glaubensindividualität hat. Und das ist auch das unantastbare Recht eines jeden Einzelnen, an dem der Andere zu rütteln keinen Anspruch erheben darf. Daher verlangt Egidy eine Entconfessionalisierung im weitesten Sinne des Wortes, denn Consession ist nicht Religion, darum von dieser streng zu sondern, damit der Missbrauch, beide Begriffe als identisch zu betrachten, aus der Welt geschafft werde. Jede innere Erhebung des Menschen ist Religion: er kann somit religiös sein, ohne sich in irgend ein Bekenntnis einreihen zu lassen. Und in welcher Form er religiös sein will, ist einzig und allein seine Sache. Das Bekenntnis der Güte und der Liebe wird aber die Religion der Zukunst sein, das Band, welches alle Menschen zu einer einzigen Menschheit vereint. Das ist Egidrss felsenfester Glaube, an dem er mit aller Zuversicht hängt. Die Menschheit muss sich zu diesem Glauben entwickeln, denn das heilige Gesetz der Entwicklung steht obenan, als Grundgesetz, im Buche der "Natur. Daher gilt es vor allem, den Kampf gegen Jene aufzunehmen, für die Egidy die treffende Bezeichnung „die Utopisten des Stillstandes" erfunden hat: jene heute noch so zahlreich vertretenen Kurzsichtigen, die nur immer sehen, was einmal war und was nach ihnen deshalb auch sein wird, nicht aber das, was sein muss. Kampf! Es ist das eigentlich ein Wort, dessen sich Egidy nicht gerne bedient, denn seine Waffe ist die AUlde und Güte, mit der er dem grimmigsten Feinde zu Leibe

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