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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
Aus dem Leben der Märtyrer
Date
1898-01-28
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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«eite 4 VMM er und fällt mitsammt dem Korbe in eine tiefe Schneegrube. Nach vielen Anstrengungen hat er sich aufgcrafft, zieht die Säckchen aus dem Schnee, birgt die verstreuten Waren im Korbe und schreitet weiter. Aber ihm ist so kalt . . . ach, so bitter kalt . . . Die Beine sind schier erstarrt, die Finger vermögen kaum die Schnur des Korbes, sowie den Stock scstzuhalten, fast steht das Herz ihm still vor Kälte, weißer Reif bedeckt den Bart und da . . . da .. . beginnt cs zu dunkeln! Das Weitergehcn wird zur Unmöglichkeit! Jtzig sah sich um — nichts zeigte sich außer verlangen Reihe seiner Fußspuren. Das Dorf lag weit hinter ihm, vor ihm kein Wirtshaus, kein lebendes Wesen, kein einziger Ruhepunkt für das Auge, nichts als die blendende, funkelnde Schneedecke. Verzweiflung ergriff ihn — seine Lage wurde ihm klar — er wusste, dass er sein Heim nicht erreichen könne; hier bleiben durste cr nicht, er fühlte, dass er der durchdringenden Kälte nicht mehr lange widerstehen würde. Die Dämmerung senkte sich herab. Es war die Stunde des Abendgebetes. Jtzig begann zu beten .. . laut und innig! So hat er nicht einmal am Jom Kipur gebetet! . . . weit über die Flur schallte die Stimme des flehenden Juden und verhallte in der Ferne. Immer leiser klangen die Worte, bis sie sich in schmerzliches Weinen auflösten. „Gott! Menschen!" rief er verzweifelt, mit letzter Krastanstrengung, „rettet einen Unglücklichen!" Da, o Wunder! Täuscht ihn sein Ohr? Träumt er mit offenen Augen? Nein! Es ist Wirklichkeit I Dort erscheint ein Schlitten, von kräftigen Pferden gezogen! Vorne der Kutscher, hinter ihm ein Herr in dickem Schafpelz. „Dank Dir, o Gott I" rief freudig der Jude. „Du hast mich erhört, Du hast Erbarmen mit meinen kleinen Kindern, mit meinem armen Weibe." „Dank Dir, mein Gott!" Und in der Befürchtung, unbemerkt zu bleiben, lief er dem Gefährt entgegen und bat mit schwacher, halberstickter Stimme: „Herr, nehmt mich zu Euch in den Schlitten, sonst muss ich umkommen!" Aus dem Schafpelz schaute das finstere Gesicht des ruthcnischen Pfarrers. Mit der Hand abwehrend, rief er gereizt: „Juden rette ich nicht! Ich fahre mit keinem Juden!" „Ehrwürdcn!" flehte der Unglückliche, „erbarmt Euch meiner Kinder, ich muss hier sterben, ich bin nicht mehr im Stande, mein Haus zu erreichen!" „Alles eins! Fahren!" rief der Ehrwürdige seinem Kutscher zu. Dieser trieb mechanisch die Pferde an; der Schlitten flog dahin, der Jude wurde umgerisien. Der Kutscher schaute zurück, er besaß augenscheinlich mehr Gemüth, als sein geistlicher Herr, denn er meinte: „Ehrwürden, cr könnte hier neben mir sitzen. Lassen wir ihn nicht zu Grunde gehen." „Fahren, befehle ich!" rief rauh der Pfarrer. „Fahren! Den Feind Christi rette ich nicht! Fahre und blick' Dich nicht um!" Der Bauer erinnerte sich, dass derselbe Mund von der Kanzel herab im Namen Christi predigte: „Liebet Eure Feinde!" Offenbar gicngcn ihm die Worte des Geistlichen nicht zu Herzen; als hoffte cr, ihn erweichen zu können, und dass der Jude sie noch cinholen werde, verlangsamte er den Schritt der Thiere. indem er sich von Zeit zu Zeit nach dem bedauernswerten Wanderer umsah, der eben seine Säckchen und den Korb wieder aufnahm. Sein herzbrechendes, lantes Weinen drang bis zu ihnen. Jtzig begann wieder mit schnellen Schritten zu gehen. Er streckte die Arme nach dem davoneilenden Schlitten, der wie ein Strahl höchsten Glückes für ihn bald verschwinden sollte, ihn rettungslos dem schrecklichsten Tode überliefernd. „Ehrwürdcn!" rief er mit schwacher Stimme, „Ehrwürden, erbarmt Euch!" Aber der Pfarrer hörte diesen Ruf nicht mehr, er war weit, und Jtzig gab die Hoffnung auf, ihn einzuholcn. Wcitergehen konnte er nicht mehr. Er stellte den Korb auf den Schnee, legte die Säckchen mit Mehl und Getreide daneben und setzte sich darauf, um auszuruhen. Die untcrgchcndc Sonne beleuchtete grell das vor Kälte blaue Antlitz des Mannes. Jtzig betrachtete den blutig rothcn Abendschein . . . „Morgen!" murmelte cr, „Morgen wird der Frost noch viel stärker sein. O, wenn ich nur nach Hause gelangen könnte! Nie wieder will ich dann bei solcher Kälte weite Wege unternehmen" ... Auf einmal wurde ihm so wohl . .. Sanfte Wärme. durchftrömte seine Glieder . . . Ihm wurde so leicht. Er vergaß, wo cr sich befand, was ihn bedrohte, er dachte weder an die hereinbrcchcndc Nacht im Felde, noch an Perl, die zu Hause seiner harrte; in den Anblick des verglimmenden Gestirns versunken, däuchte ihm, die wohlige Wärme komme von dort oben. Vor ihm erstieg plötzlich eine neue strahlende Welt voller Freuden. Er sah sich als reichen Juden im Festtalarc, Freitag Abend, in einer großen schönen Stube. Zahlreiche Kerzen im messingenen Kronleuchter und silbernen Tischleuchter verbreiteten Licht und Glanz. Der Tisch ist mit weißen Linnen bedeckt, vor den Leuchtern, unter der zierlichen Decke verborgen, liegen die schmackhaften Sabbathbrote, eine Flasche Rosinenwein und ein Teller voll Fische stehen auf dem Tische. Und sein Weib, geschmückt, mit Perlen um den Hals und Diamanten an den Ohren, die weiße Schürze vorgebunden, bedient freudig den Tisch; seine Kinder, alle sauber und gut gekleidet, warten mit Ungeduld auf die Abendmahlzeit . . . Da verschwand das Gesicht! . . . Jtzig ermannte sich. Er erschrak, wollte aufftehen — konnte aber nicht. Wieder begann cr zu beten . . . Unbewusst, mechanisch flüsterten seine Lippen: „Höre Israel, Gott, Dein König ist gerecht." Wieder schüttelte ihn der Frost, aber nicht mehr so heftig wie zuvor, und bald wurde ihm aufs Neue so warm, so wohlig. Ihm schien, er wäre daheim ... Ein neues Gewand hüllte ihn ein, in seiner Tasche fühlte er einen vollen Geldbeutel, er machte große Geschäfte, seine Kinder nannte man die Kinder des reichen Jtzig... Er war in den Gemcinderath gewählt und saß mit dem Pfarrer an einem Tisch . . . Der bittet ihn eben, für seinen Antrag zu stimmen — aber Jtzig gewähnt ihn an jenen schrecklichen Abend im Felde und an die verweigerte Rettung! . .. Wieder kam Jtzig zu sich .. . Die Sonne war untergegangen. Die feierliche Stille, gehoben durch die Dunkelheit der Nacht, erfüllte ihn mit Grausen. Er fühlte, wie schlecht ihm wurde. Er betete — nannte Perl — rief nach den Kindern — bat um Wasser . . . Aber Niemand hörte ihn — Niemand antwortete ihm. Unwiderstehliche Müdigkeit befiel ihn — langsam glitt er von dem Korb aus die eisbedeckte Erde. Als der Kutscher, noch einmal rückwärts schauend, den Juden nicht mehr sah, trieb er aus Leibeskräften seine Pferde an und stand schon nach einer halben Stunde vor der Dorsschcnke. „Ehrwürden." rief cr, „ich muss hier eintreten" — und ein Verbot befürchtend, warf er schnell die Zügel seinem Herrn zu, sprang vom Bock und stand im Nu vor dem Wirt, dem er in fliegenden Worten Jtzigs entsetzliche Lage schilderte. „Fahret, fahret schnell, vielleicht rettet Ihr ihn noch!" Der Gastwirt eilte ohne Zögern auf den bczeichneten Weg. Die Pferde schäumten in rasendem Lauf . .. Jtzig hörte noch den Schlag ihrer Hufe, starrte auf den Wirt, sah ihn aber nicht mehr... In den Armen feines unbekannten Glaubensgenossen war er verschieden.-— — — — Der Schames weckt täglich früh morgens den sechsjährigen Sohn Jtzigs und von den Lippen des unschuldigen Kindes tönen die schwermüthigen Worte: „öisZadal wejiskadasch szemai rabu“ . .. SerauSgebrr: 7«sl -krjchmrer. Verantwortlicher Rrdacteur: Dr. Siegrunn- 38 «ra«. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudougaffe Nr. 57.

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