Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4. Söhne ihres Stammes, die vielbewunderten Propheten und gottbegnadeten Dichter, die unsterblichen Sänger und Lehrer, Helden und Märtyrer hervorgebracht? Ist nicht jedem Erdensohn seine einstige Heimat lieb und theuer? Warum soll cs nun Palästina nicht auch den Juden sein? Diese und ähnliche Fragen bewegen tief mein Gemüth, so oft ich das rege Jntereffe wahrnehme, welches christlicherseits dem heiligen Lande entgegcngebracht wird. Don dieser, ich möchte fast sagen, allgemeinen Gleichgiltigkeit Palästina gegenüber, welche die Geister beherrscht, bilde: die A. I. U. eine erfreuliche Ausnahme, indem sie auf das Schulwesen im Orient, so auch im heiligen Lande*) ihr Augenmerk richtete. Nun ist es auch die Jewish-Colonisation-Affociation, welche die Lage mancher jüdischer Dörfer ins Auge fasste. Zunächst ist es die Colonie Lliseümar Hajarden, welcher sie die erhebliche Summe von 72.000 Francs als Unterstützung gewährte. Msellmar Uajardsn ist etwa zwei Stunden von Saffed an einem Bergabhange, nächst dem Jordan-Bette, wo die beiden Ufer die sogenannte Jacobsbrücke verbindet, gelegen. Nun ist ihre Existenz gesichert. Llisodmar Hajarden verspricht wirklich die „Wacht am Jordan" zu werden. Aber auch den andern Privatcolonien soll Hilfe gebracht werden. Zu diesem Zwecke sandte die Jewish-Colonisation-Association ihren Vertreter hierher, der gegenwärtig die Colonien bereist, um dann seine Vorschläge zu machen, wie den Betreffenden zu helfen fei. Or. Orününt. Jerusalem, im Jänner 1898. Amerika. Netv-Aork. (Orig.-Corr.) Unsere Juden aus Russland, Galizien, Rumänien, Deutschland, Ungarn marschieren in ge. schloffener Reihe, und der für Mai nach New-Aork einzuberufende Zionistentag wird für die Zahl und für die Opferwilligkeit der in Amerika lebenden Zionisten eine beredte Sprache führen. Die soeben gebildete Centrale, über deren Organisierung ich Ihnen vorige Woche geschrieben habe, und an deren Spitze Rabbiner Dr. Philipp Klein, Dr. I. B lue st o ne und Dr. Michael Singer stehen, plant für Anfang des Monats einen groß angelegten Zionistentag, an welchem mindestens 10.000 Zionisten theilnehmen werden. Die Vorarbeiten für diesen Zionistentag werden schon jetzt in Angriff genommen und zwar sofort nach der definitiven Organisierung der Centrale, die nächsten Mittwoch stattfinden wird. Die Centrale wird den Namen „Verband der Zioniften-Bereine in den Bereinigten Staaten von Nordamerika" führen. Die Verfassung dieses Verbandes ist von einem hierzu entsendeten Comite bereits ausgearbeilet worden und wird der nächsten Mittwoch tagenden Conferenz unterbreitet werden. Inzwischen bilden sich fort und fort neue Zionistenvereine. Auch im fernen Westen regt es sich schon gewaltig. So wird nächste Woche in Milwaukee eine große Bersauimlung der westlichen Zionisten staltfinden. Das „jüdische Volk" hat seine Stärke erkannt und nimmt nun auch in Amerika seine Sache in die eigene Hand. Ueber den Freispruch des Grafen Eßlerhazy in der Dreyfus-Affaire langte heute eine Kabelmeldung ein, und ist es interessant, wie sich selbst die antisemitisch angehauchte „N ew- Horker Staatszeitung" derselben gegenüber verhält. Citiertes Blatt meint in einem ^leader": „Wer geglaubt hat, mit dem Freispruch des Ex-Majors Grafen Eßrerhazy werde die Frage, ob Ex-Hauptmann Drcyfus mit Recht oder zu Unrecht verurtherlt worden, aus der Welt geschasst sein, befand sich im Jrrthum. Die Drcyfus-Frage ist damit nicht erledigt, obwohl die französische Regierung ersichtlich bemüht ist, nicht die geringste Aufklärung darüber in das Publikum dringen zu lassen. Beweis dessen ist die heule gemeldete Verhaftung und Einspcrrung des Obersten Picquart in den Kasematten des Mont Valerien. Picquart war es bekanntlich, der öffentlich behauptete. Drcyfus sei unschuldig und Graf Eßterhazy der Schreiber des ominösen „Bordereau", das den Beweis der Schuld Drcyfus' bilden sollte. Wenndie französischeRegierung allediejenigcn, welche an Drcyfus' Verrath nicht glauben und dies öffentlich zu bekennen sich iiicht scheuen, einsperren und ihnen dadurch den Mund stopfen will, dürften sämmtliche Pariser Kasematten nicht groß genug sein, um die Zweifler darin unterzubringe n." *) Die hiesige Kinder-Schule sowie ihre Ackerbau-Schule in Mik» weh Israel haben in jüngster Zeit eine bedeutende Erweiterung ervereinsncrcssricssteir. Literarischer Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „URovta", Wien. Der nächste Vortragsnachmittag findet Sonntag, den 29. d. M. im Bereinslvcale, I., Schorrenring 23, stait. Herr Dr. Gottlieb Stern wird über das Thema „Männer und Frauen in der heiligen Schrift" sprechen. Gäste (Damen) sind herzlich willkommen. Dienstag, den 8. Februar veranstaltet dieser Verein im Feftsaale des kaufmännischen Vereins eine Wohlrhätigkcits-Akademie mit Tanzkranzchcn zu Gunsten des Fon des zur Errichtung eines Sprtales für jüdische Brustkranke in Kierling. Das Co mit 6 ist rührig an der Arbeit, und lässt der Erfolg des vorjährigen Woblthätigkcitsscstes, sowie die Sympathien, die auch Heuer dem Comitö cntgegengebracht werden, aus einen besonders animierten Verlaus dieses Abends schließen. Nähere Auskünfte crtheilt die Schriftführerin, Fräulein Rosa Feith, Wien, V., Grüngaffe 13. — In der Generalversammlung dcs Vereines jüdischer Mädchen „Hadassah" wurden in den Ausschuss gewählt: Frl. Bertha S ch u lm a n n. Präsidentin. Caroline Lederer, Vicepräsidentin, R. H a m m e r und M. Eiscnschrciber, Schriftführerinnen, R. Kraus, I. Bock, N. Bock, C. Lederer und E. F u ch s. Krakrsu. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Rcdacteur'. Die Behauptung des Referenten am letzten Lcmbcrger Parteitag, die ich in der „Przyszloöä" vom 5. Decembcr veröffentlicht finde, dass sich unser Verein aufgelöst halte, ist unrichtig. Unser Verein besteht nicht b'.os, sondern cS hat sich erst in jüngster Zeit seine Mitgliederzahl um '/- erhöht. Mit Zionsgruß Julius Schönwetter, Vice- Präsident des Einzclvercines „Krakau" des Verbandes „Zion". peitsch riften-Ruirdsclic»u. Der neugewählte Rabbiner von Kopenhagen. Dr. H. Goitein, hat vor einiger Zeit in der Monatsschrift „Jüdische Chronik" eine Artikelserie „Gedanken über National: ndenrhum und Zionismus", veröffentlicht, worin für die Existenz der jüdischen Nationalität und im Jntereffe dcs Zionismus eine Lanze gebrochen wird. Als ein besonderes Verdienst jedoch ist dem Verfasser seine energische und gelehrte Polemik gegen die Protestcollegcn von Oesterreich und Deutschland anzurechnen. Er sagt unter anderem: „Die oberflächlichste Betrachtung zeigt nun, dass die Juden aller Länder nicht nur die gleiche Religion, sondern auch die gleiche Abstammung und Geschichte mit einander gemein haben, dass sie also jedenfalls mehr sind als eine bloße Confession. Härten wir Juden auch eine g-meinsame Sprache, so würden wir mir größerem Rcchre eine Nation heißen als die meisten Völker Europas, weit wir außer der Sprache noch die gleiche Religion, Abstammung und Geschichte hätten, was bei den meisten europäischen Nationen nicht der Fall ist. Wenn nun die Juden in den Ländern Mitteleuropas die Sprache der Bevölkerung reden, unter der sie leben, und demnach das Hauptkennzeichen einer besonderen Nationalität ihnen abgcht, so bleibt es sehr merkwürdig, dass sie dennoch nicht nur von den Gegnern sondern auch sonst, und zwar oft ohne jede Absichtlichkeit, mehr als ein Bol k, denn ein bloßes Bekenntnis angesehen wurden. In früheren Rescripten, Verordnungen und Schriften, in denen von Juden die Rede ist, wird meist von dem „Volke der Juden" gesprochen und Kant z. B. schreibt einmal an Mendelssohn: „Ich halte dieses Buch (nämlich „Jerusalem") für die Verkündigung einer großen Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird." Allein diese Erscheinung erklärt sich einmal dadurch, dass auch das gemeinsame Band der Sprache uns nicht ganz und gar abgeht, indem unser Gottesdienst in der hebräischen Sprache abgehalten wird, und die allermeisten Juden diese Sprache, wenigstens in ihrer Jugend, mehr oder weniger gelernt haben. Dann aber har die gemeinsame Abstammung, die Religion mit ihren Vorschriften, Sitten und Bräuchen und nicht zuletzt die gemeinsame Geschichte unserer Leiden und unseres geistigen Lebens so viel von anderen uns Unterscheidendes und uns selbst Verbindendes an sich, dass alle diese Momente zusammengcnommen den Mangel einer gemeinsamen Muttersprache aufwicgcn konnten und uns in den Augen unserer nichtjüdischen Umgebung auch als eine volklichc Besonderheit erscheinen lassen mussten. Die Sprache ist eben nur der Körper für den Gedanken, und die Gemeinschaft der Ideen auf Grund des gemeinsamen religiösen und geistigen Lebens bindet mehr als die äußerliche Gemeinscbaft der Sprache. Zur Zeit des zweiten Tempels sprachen die Juden in Palästina aramäisch und die in Alexandrien und Kleinosicn griechisch, und doch wird niemand bestreiten, dass sic als jüdisches Volk sich fühlten und auch als solches betrachtet wurden." „Der Prophet Jeremias sagt: „Also spricht der Ewige, ter die Sonne zum Lichte dcs Tages, Mond und Sterne zum Lichte der Nacht eingesetzt, der da ansreget das Meer, dass seine Wellen brausen, Herr der Heerschaaren ist sein Name; wenn diese Gesetze jemals weichen, spricht der Ewige, dann soll auch der Samen Israels anfhören, ein Volk vor mir zu sein durch alle Zeiten" ,31. 33—36), und der Prophet I e s a i a s schließt eine messianischc Weissagung, in der er den ewigen Bölkcrfriedcn und die allgemeine Golieserkenntnis in herrlichen Bildern darstellt, mit den Worten: „Und es wird sein an jenem Tage . . . und der Herr wird erheben ein Panier den Völkern; er wird sammeln die Verstoßenen Israels und die Zerstreuten Juda'S vereinigen von den vier Enden der Erde . . . ." (Jes. 11, 11 f.). Dass hier wie an vielen ähnlichen Stellen der heil. Schrift von dem c o n-