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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
Lemberg
Date
1898-01-28
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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„L’union des etudiants sionistes vivement tonch6e par votre Intervention dans Paffaire Dreyfus vous exprime sa profonde gratitude.“ Frankreich. Paris, 25. Jänner. Z ol a wird, wie die Agence Havas meldet, 104 Zeugen vor die Geschwornen citieren. Darunter befinden fich die Generale Billot, Mercier, Boisdeffre, Pellieux und G o n s e, dann Oberst Picquart, Heinrich Eßterhazy, Major Forzinetti, Capitän Lebrun-Ren a ul t, Casimir P er i e r, Charles Dupuy, Ribot, Darlan, Guerin, Goblet, Poincare, Leygues, Trarieux, Scheurer-Kestner, Jaurcs und auch Mitglieder hiesiger diplomatischer Vertretungen. Paris. Die Publicirrung der Zeugenliste für den Process Zola macht begreifliches Aufsehen. Neben den Zeugen, deren Vernehmung erwartet werden konnte, sind auch solche Zeugen angeführt, die in keinem unmittelbaren Zusammenhänge zu dem Processe Esterhazy stehen, vor allem ehemalige Regierungsmitglieder aus der Zeit, da Dreyfus abgeurtheilt wurde, mit dem damaligen Präsidenten der Republik, C a s i m i r - P e r i e r, an der Spitze. Von Casimier-Perier liegt keine Aeußerung vor, ob er einer eventuellen Vorladung folgen werde. Poincare erklärt, er werde nur dann eine Aussage ablegen, wenn ihn dazu seine früheren Collegen ermächtigen. Was die fremden Diplomaten betrifft, deren Vorladung beantragt wird, so können dieselben nur mit Genehmigung ihrer Regierungen Aussagen machen. Der deutsche Botschaftsrath v. Below erklärt, er wisse von der Sache nur so viel wie die anderen Zeitungsleser. Es wird auf der deutschen Botschaft als zweifelhaft erklärt, ob die deutsche Regierung dem Botschaftsrathe die Genehmigung ertheilen wird, selbst auch nur diese Versicherung vor Gericht abzugeben. Eine solche Versicherung zu erlangen, ist der Zweck, den die Vertheidigung mit der Vorladung der fremden Diplomaten und der Militär-Attaches der Großmächte anstrebt; es wurde die Vorladung der Vertreter und Militär-Attaches aller Großmächte verlangt, selbst solcher Staaten wie Oesterreich-Ungarn und England, die in der Affaire niemals genannt worden sind. Botschaftsrats Dumba ist auf Urlaub und von Paris abwesend; Militär-Attache Schneider hat bis jetzt keine Vorladung erhalten und würde, falls er vorgeladen werden sollte, seine Haltung von der Instruction seiner Regierung abhängig machen. Bei der Tendenz der französischen Regierung, das Beweisterrain im Proceffe Zola stark einzuschränken, ist es nicht wahrscheinlich, dass die Zeugen, welche Zola und die „Aurore" verlangen, vernommen werden. Nach Aeußerungen Zolas ist er darauf vorbereitet, dass man ihn mit gebundenen Händen vor die Geschworenen stellen werde. Wenn man solcherweise seine Beweisführung und Vertheidigung beschränken sollte, dann will er der Gewalt weichen. Zola ist entschlossen, den Geschworenen darzulegen, dass man ihm die Hände binde, ihn wehrlos mache, und dann den Saal zu verlassen, der Jury anheimgebend, ihn in contumaciam zu verurtheilen. Die Meldung mehrerer Blätter, Kriegsminister Billot wolle in den Gerichtssaal kommen um namens der Armee zu sprechen, wird nicht geglaubt, weil Billot als Zeuge sich kaum dem Feuer des Kreuzverhöres der angeklagten Parteien aussetzen Paris, 25. Jänner. Aus Algier wird nachts telegraphiert: Es herrscht vollständige Ruhe. Die Straßen sind menschenleer und werden militärisch bewacht. Die Blätter veröffentlichen eine Subscription zu Gunsten der Familie des bei den Unruhen getödtetcn Cayrol. Die Zahl der Verhafteten betragt 300. Hundert derselben werden morgen abgeurtheilt. In Bouinan kam es zu einer Rauferei, bei der ein Jude verwundet wurde. Blidah, 25. Jänner. In der vorigen Nacht zerschlugen Antisemiten die Scheiben mehrerer Läden und versuchten, einen derselben zu plündern. Der Inhaber feuerte seinen Revolver ab und verwundete einen Araber. Das Militär stellte die Ordnung wieder her. Algier, 24. Jänner. Die Nacht verlief im ganzen ruhig. Gegen 9 Uhr morgens erfuhr die Menge, dass ein Spanier von einem Juden durch einen Messerstich am Halse schwer verwundet worden fei. Sogleich fanden Zusammenrottungen statt, und die MLnge plünderte einen jüdischen Waarenladen. Algier, 24. Jänner. Auf die Nachricht von der gemeldeten Plünderung eines jüdischen Warenlagers eilte Gouverneur Lepine unter Voranlritt zweier Tamboure und gefolgt von sechs Zuaven auf die Straße Babeloned und mahnte eindringlich zur Ruhe und Ordnung. Die Menge staute sich unter den Arcaden und rief: „Demissionieren! Nieder mit den Juden!" Gegen Mittag kehrte Gouverneur Lepine in sein Palais zurück. Man behauptet, dass ein Sessel nach dem Gouverneur geworfen worden sei. Lepine bewahrte seine Ruhe und setzte seine Beschwichtigungsversuche fort. An den Kundgebungen nehmen auch Eingeborene theil. Ein angesehener jüdischer Kaufmann wurde überfallen und arg misshandelt. Es wurden gegen zwanzig Verhaftungen vorgenommen. Alle Ausländer, die an den Kundgebungen theilgenommen haben, werden unverzüglich ausgewiesen werden. Algier, 25. Jänner. Zehntausend Personen begaben sich mit dem Leichenzuge Cayrols in vollster Ruhe auf den Friedhof. Beim Verlayen desselben schrie die Menge: „Tod den Juden!" Einige des Weges kommende Juden wurden misshandelt. Algier, 25. Jänner (Agence Havas.) Der Jude Schekat, welcher, als die Menge nach dem Leichenbegängnisse Cayrols den Friedhof verließ, verwundet worden war, ist gestorben. Italien. Rom. Der klerikale „Osservatore Romano“ vertheidigt sich in seiner Nummer vom 24. Jänner d. I. gegen den Borwurf, gegen die Juden gehetzt zu haben. Er habe im Gegentheil stets die Juden auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die sie bedrohen. Die Juden bedürfen wegen ihrer moralischen Schwäche des Schutzes und der Vertheidigung, zumal sie als Gottesmörder überall Abscheu erregen. Nur um sie zu schützen, habe das Papstthum sie in Rom in das Ghetto eingeschloffen. Dabei habe aber gerade das Papstthum stets ihr materielles Wohlergehen gefördert. Durch die Emancipation seien die Juden isoliert und dem allgemeinen Hasse ausgeliefert worden. Der Antisemitismus sei nur die Folge des Missbrauches, den die Juden mit der bürgerlichen Freiheit getrieben hätten. (!) Auf diese Freiheit haben aber nur politisch und religiös organisierte Völker ein Anrecht. Das jüdische Volk habe drese Organisation nicht. Es sei nur aus Mitleid von den christlichen Völkern ausgenommen worden. Dänemark. Kopenhagen. (Orig.-Corr.) Der bekannte dänische Dichter H olger Drachman hat in einem Gedichte unter dem Titel: „Bravo Zola!" seiner Bewunderung für das heldenmüthige Auftreten Zola's Ausdruck verliehen und die französischen Zustände der schärfsten Kritik unterzogen. Nicht nur in Dänemark, sondern auch in den anderen skandinavischen Reichen ist fast überall die Meinung vorherrschend, dass es im Interesse der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu einer Revision des Dreyfusprocesses kommen müsse. Türkei. Jerusalem. (Orig.-Corr.) Während der Fremdenfaison, die zahllose Pilger aus aller Herren Länder nach dem heiligen Lande führt, also vom Jänner bis März, ist Jerusalem eine volkreiche, belebte Stadt. Auch heuer ist dieser Wechsel zwischen Oede und Belebtheit wieder in großem Maßstabe sichtbar geworden. Die Witterung ist in diesem Winter dem Besuche des heiligen Landes sehr günstig. Nach einigen wenigen Tagen heftigen Sturmes mit Schneegestöber und Frost, was hier zu den Seltenheiten gehört, während welcher der Verkehr mit Europa abgeschlossen blieb, indem kein Schiff vor Anker gehen konnte, ist wieder lichter Sonnenschein aller Orten, und während Europa tief im Schnee steckt, herrscht in Palästina das herrlichste Frühlingswetter. Flur und Felder prangen im frischen, augeuergötzenden Grün, Bäume treiben neue Blüthen, die Reben werden umgegraben und neue gepflanzt, dies alles schon im hochgebirgigen felsigen Judäa. Um wieviel herrlicher noch ist das Jordangebiet, wo das Land viel fruchtbarer, das Klima viel milder, die Abwechslung zwischen Berg und Thal viel entzückender ist! Was Wunder nun, dass sich kein Pilger, der Jerusalem aufsucht, das Vergnügen versagen mag, einen Ausflug nach Jericho, dem todten Meere, in welches der majestätisch das Land durchziehende Jordan mündet, zu machen? Die Straße zwischen Jerusalem und Jericho ist auch niemals sonst so belebt, wie in der Zeit zwischen dem christlichen Weihnachts- und Auferstehungsfest. Zn den großen Seltenheiten aber gehört es, dass ein jüdischer Pilger oder Tourist diese herrliche Gegend auffucht. Welchem reichen Juden fällt es auch ein, nach Jerusalem zu pilgern? Als ob alles Interesse für Jerusalem gerade bei Juden, — natürlich, von der nicht zionistischen Partei — ausgestorben wäre. Hat denn nicht aber gerade dieses Jerusalem die größten

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