Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Der Baseler Zionistencongreß und der Fall Dreyfus
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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vertreten waren, und dass im Aufträge Kaiser Wilhelms auch - der Hofprediger Günther theilnahm, um ein Complot zu schmieden. Man einigte sich also in Basel darüber, eine Bewegung zu Gunsten des deportierten Hauptmanns Dreyfus in Frankreich, Belgien, Deutschland und der Schweiz zu veranlaffen und die Mittel für einen Pressseldzug aufzutreiben. Die ersten Beiträge wurden von den Mitgliedern der ^.Ilianee israelite geliefert. Ucberall wurden nun die Subscriptionslisten herumgereicht. Der ärmste deutsche Jude gab seinen Thaler oder seine Mark her, und am 1. October waren schon 4 Millionen in den Händen eines Pariser Banquiers beisammen. Das wahre Haupt des Syndikats, versichertRochefort, ist der Pastor Günther, der Vertreter des deutschen Kaisers. Der wahre Zweck des Syndicats besteht darin, eine Agitation zu schaffen und zu unterhalten, welche nicht blos der jüdischen Sache, die dem Berliner Hofe gleichgiltig ist, sondern den Plänen Wilhelms II. förderlich wäre. — So berichtet Rochefort. Es liegt aus der Hand, dass die Congresslheilnehmer. denen im Rummel der Congressverhandlungen die von Rochefort angeführten kleinen Episoden entgiengcn, mir begreiflicher Gier die historischen Ergänzungen in sich ausnehmen. Auch soll ein diesbezüglicher Nachtrag in das Protokoll des Congresses ausgenommen werden. Leider hat die Sache einen Haken. Wie verlautet soll ein anderer in München arbeitender Publicist, der ebenfalls erröthend den Spuren des Zionismus folgt, mit dem Plane umgehen, an den „Soleil" eine Berichtigung einzusenden. Der Isar-Athener behauptet, nicht Deutschland, sondern England habe bei der Geburt des Zionismus die Hand im Spiele gehabt. Jüdisches Massenelend. In der polnischen Zeitschrift „Zdrowie“ finden wir zwei Artikel, in denen uns christliche Aerzte den schrecklichen Pauperismus unter den jüdischen Massen Russisch-Polens unter Anführung genauer Details schildern. In dem Artikel „Wie die kleinstädtischen Juden im Orte Laszczow leben" von Dr. Koskowski finden wir vorerst eine genaue Beschreibung der Wohnungen. Da wohnen aus einem Flächenraum von 22 Joch 1500 Seelen. Von den 89 Häuschen sind kaum 5 gemauert, alle übrigen sind aus Holz, eng, baufällig. Oft werden mehrere Häuschen sammt den Stallungen durch ein Dach bedeckt. Zwischen den Häuschen besteht kaum eine enge Paffage, in die die Fenster münden und die Canäle, wenn es welche gibt. Eine solche Paffage ist nichts anderes als ein verpestender Misthaufen, denn alle Unreinlichkeiten und Abfälle werden, in Ermangelung von Abzugscanälen, hier ausgehäust. Die Zimmer sind durch Verschlüge in zwei oder drei Theile getrennt; die Fenster sind nicht zu öffnen, jede Ventilation fehlt. Die Thüren münden nicht einmal auf die Gaffe, sondern in eine Vorhalle, wo die rauchende Lampe einen entsetzlichen Petroleumgeruch verbreitet. Ein solches Zimmer enthält — bei 100 vorgenommenen Messungen — durchschnittlich 45*25 Kubikmeter Luft, und wenn wir auch nur 5 Personen auf ein Zimmer rechnen, so entfallen aus eine Person 9 Kubikmeter. Normal benöthigt jedoch eine Person mindestens 20 Kubikmeter. Kohlenoxyd- und Schwefelwafferstoffgase vergiften hier den Organismus. Ganze Familien wohnen in Bäckereien, und oft setzt die Mutter ihre Kinder auf den heißen Teig, um sie zu erwärmen. Auch die Ernährung ist die denkbar elendste. Sie nehmen in ihren Nährstoffen täglich kaum 18*42 Gramm Fett zu sich, während jeder Mensch zur Erhaltung seines Organismus mindestens 50 Gramm benöthigt. Das Wasser entnehmen sie den Brunnen, die, an den Marktplätzen gelegen, vom Vieh verunreinigt sind. Aehnlich lauten die Beobachtungen Wysokinski's im Artikel .* „Bon der Ernährung der Bevölkerung in Miedzyrzecze." Er sagt: „Die Juden leben im Verhältnis zur andersgläubigen Bevölkerung elend: um 10 Uhr früh ein Brodlaibchen mit Butter, um 12 Uhr mittags Brot mit Häring oder Zwiebel und um 9 Uhr nachts Suppe und Lammfleisch mit Kartoffeln — bei den Wohlhabenden. Sic ernähren sich nur dann besser, wenn sie mehr verdienen, und da der Verdienst mit jedem Jahre geringer, die Arbeitsgelegenheit seltener wird, so muss sich die Lebensweise der arbeitenden Juden diesen Verhältnissen anpaffen. Ihr Sparsinn übersteigt dann jeden Begriff. Ich sah ein Mittagmahl für 10 Personen, das 20 Kopeken kostete. Freilich bestand es nur aus Grütze." „Wir können entschieden behaupten, dass in den ärmsten Familien die tägliche Ernährung einer Person durchschnittlich 1 Kopeke, in den wohlhabenderen Familien 5 Kopeken kostet. Bei geringem Verdienst wird oft nur einmal im Tag gegessen." Die Polizei „verjudet", so behauptete Abgeordneter Schneider im nrederösterreichischen Landtag. Der Interpellant nannte die Namen einiger jüdischer Polizeibeamten, und ersuchte um Maßnahmen gegen die Maffeneinwanderung von Juden in die Polizei. Nieder mit den Juden und Deutschen. In Budweis haben die Deutschen mit Hilfe der Juden einen Wahlsieg über die Tschechen davongetragen. Infolge dessen haben die Tschechen gegen die Juden und Deutschen zur Nachtzeit auf den Straßen excediert. Judenreine Stenographie. Der Gabelsberger - Stenographenverein in Saaz hat an seinen Statuten die bekannte zeitgemäße Aenderung vorgenommen. Der Verein, der jetzt den Titel „Deutscher Gabelsberger-Stenographenverein in Saaz" führt, nimmt fortan nur Deutsche arischer Abstammung als Mitglieder auf. Die abgeänderten Satzungen sind vom Ministerium des Innern bestätigt worden. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. O. Kokesch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, I., Sing er strafte 25, zu senden. Wien. Die zionistische Bewegung macht in Wien einen von Tag zu Tag immer mehr sichtbaren Fortschritt. Es gibt wohl jetzt in Wien kaum eine jüdische Bersammlung, in der nicht über Zionismus debattiert würde. Allein der Zionismus ist schon lange aus der Oeffentlichkeit in die privaten Cirkcl, in Familie und Gesellschaft gedrungen. Das bemerkenswerteste Factum des letzten Monates war die Gründung eines großen zionistischen Bolksvereines „Achdus", der seiner derzeitigen Zusammensetzung nach direct als jüdischer Arbeiterverein zu bezeichnen ist. Nun ist als interessantes Symptom die Gründung einer zionistischen technischen Verbindung „Makkabäa" zu verzeichnen. Die bestehenden akademischen Verbindungen reichen nicht mehr aus, um allen Aufgaben der Propaganda und Erziehung gerecht werden zu können, und schon seit geraumer Zeit ventiliert man die Frage der Begründung neuer Vereine. Diese Frage scheint nunmehr glücklich gelöst zu sein, indem das Princip der berufsmäßigen Theilung angenommen wurde. Hiemit ist der erste Schritt zur Durchführung einer allumfassenden Organisation gemacht worden, denn eine richtige Organisation muss, wenn sic auch politisch ein untheilbares Ganzes ist, sich doch aus einzelnen Unrerorgamsarionen, die sich voneinander durch wirtschaftliche und sociale Momente unterscheiden, zusammensetzen. An der Spitze der „Makkabäa" stehen die Herren Josef B a a r und Felix Spitzer. Slarrislsu. Unsere zionistische Gruppe „Erez Israel", die eine Zahl von über 300 Mugliedern aufweist, hat in der letzten Zeit eine ’ überaus erfolgreiche Thätigkcit entwickelt. Es wird rüstig an der Reorganisation des Vereines im Sinne der Beschlüsse des Baseler Congresses und der letzten Lembcrger Conferenz gearbeitet. Auch wird an der Ausgestaltung der Agitation und der Durchführung der Schekelsammlung gearbeitet. An der Spitze der Leitung steht der neugewählte Ausschuss unter dem Präsidium des Dr. S. Schur und seiner beiden Stellvertreter: Dr. B. Fernhof und Jsid. Landy. 82V. Zboroiv. Am 25. December feierte der Verein „Ahawarh Zion" die Makkabäerfeier, die trotz mannigfacher Opposition imposant verlief. Es sprachen die Herren I. Lab in er, M. Unger und A. Schorr, die alle über das Thema der Judennoth in Galizien und ihrer Beseitigung durch den Zionismus Reden hielten. Erwähnenswert ist auch der Umstand, dass der Verein ein durchwegs proletarischer ist, da die sogenannte Nobilität aus „Standesrücksichten" nicht in den Verein eintteten zu können glaubt. Vsslui (Rumänien). Durch das Bukarester Massacre aus ihrer Lauheit aufgeschreckt, fanden, wie fast in allen Orten, auch in unserer Stadt einige private Besprechungen und eine öffentliche große jüdische Volksversammlung statt. Der Referent, Herr Soref, erklärte die Vergewaltigung und Plünderung rumänischer Juden als den Ausfluss des wieder erwachten alten Judenhasses, der heute ebenso in den Fürstentbümern an der Donau wie in der großen, glorreichen Republik ferne Orgien feiere. Angesichts der gemeinsamen Bedrängnis gebe es auch nur ein einziges, gemeinsames Mittel zur Erlösung — den Zionismus. Die Ausführungen fanden lebhaften Wiederhall bei den Erschienenen. Es wurde ein Verein „Jerusalem" gegründet, dem sofort 340 Mitglieder beittaten. Dem Ausschuss des Vereines gehören die Herren: B. S oref, I. Janculovici, M. Weintraub, S. Großwald, I. Wechsler, LGerber, H. Hersovici, B. Löbel, S. Großwald, N. Markus, M. B a ch a l 0 w und A. Golden an. Manchester. Die hiesigen Zionisten haben auch einen zionistischen Jugendverein „Joung Zionists" gegründet. Als dessen Hauptaufgabe gilt die Verbreitung des hebräischen Sprach- und jüdischen Geschichtsunterrichts unter der jüdischen Jugend. Somit zählt unsere Stadt bereits den dritten zionistischen Verein. Hasley. Dank der Intervention unserer Gesinnungsgenossen Mr. stiobinson von Manchester und Mr. Fischer von Birmingham wurde hier die Gründung eines zionistischen Vereines beschlossen. Derselbe wird gemeinsam mit den „Dorsche Zion" von Manchester Vorgehen. Liverpool. Aus Anlass des Chanukafestes fand hier im Vereine „Dorsche Zion" eine Makkabäerfeier statt. Es wurden mehrere zionistische Reden gehalten und zum Schlüsse eine Resolution gefasst, einen hebräischen Sprachkurs zu eröffnen. Kairo. Der Verein Bar-Co ch bah hatte für den 3. Jänner eine Volksversammlung einberufen. Es sprachen die Mitglieder wie auch