Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Der Fall Dreyfus
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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cristei auf, und sic scheinen geneigt, eine Parodie der proletarischen Revolution aufzuführen. In dieser Zeit der Zersetzung und der bourgeoisen Anarchie kann.die entscheidende Stunde bald schlagen, und die Socialisten muffen auf alles gefasst sein. Halten wir uns bereit," so schließt James, „und organisieren wir uns für die Acrion Ei« Religionseongrcss. Bor einiger Zeit sind, wie erst jetzt bekannt wird, Rundschreiben aus Indien an viele Adreffen in London angelangt, welche zur Thcilnahmc an einem im Frühsommer im alten Delhi abzuhaltenden „Congress aller Religionen" entladen. Angesehene Hindus haben die Idee zum Ausdruck gebracht. An ihrer Spitze steht Maurana Syed Nusrat Ali Sahcb, Herausgeber des dort erscheinenden „Moslem Chronicle", das in verschiedenen Sprachen herausgegcben wird. Es besitzt mehr als hundert Arten von Druck-Typen, um je nach Bedürfnis in allen Sprachen civilisicrtcr oder halbcivilisierter Böller sich Eingang zu verschaffen. Jene Schreiben, heißt cs, sind zur Stunde schon nach allen Richtungen des Erdglobus verbreitet. Aus Amerika sind bereits viele Antworten cingegangen mit dem Versprechen, sich zum großen Congress einfinden zu wollen. Dcffcn Dauer wird auf eine Reche von Wochen veranschlagt. Auch Heiden sind cingcladcn. Das Schreiben bezeichnet sieben Themata als vielseitigster Borträge und Besprechungen wert. Sich einander mit den Grundsätzen der verschiedenen Religionen bekannt zu machen, ebenso mit ihrem Ursprung nebst ihren Fühlungen mit Vernunft, Wiffenschaft und den Naturgesetzen, habe als Hauptaufgabe des Congresses zu gelten. Das Schreiben mahnt, alle sollten kommen, die ohne Feindseligkeit sich mit den Bertretern anderer Religionen als Sucher nach Wahrheit erweisen. In der Preffe wird in Briefen die Meinung ausgesprochen, dass cs schwierig sein dürfte, den Wert eines solchen Congreffes abzuschätzen. Auch als Versuch werde er nicht verfehlen, zur Beseitigung mancher Missverständnisse und Dorurtheile. oft uralten Ursprungs, zu verhelfen und viel gegenseitige Unkenntnis zu beseitigen und ein edles Ideal der Zukunft zu schaffen. Außer der christlichen Bibel würden der Talmud, der Koran, die Bedas der Hindus, die Werke des Confucius von China, die Zend-Avesta (Bibel der Parsen), die Tripitana oder Buddhisten-Bibel in reichen Citaten gegenübergestellt werden, vielleicht mit Tausenden als Zuhörern, Hunderten darunter, die weit über Land und Meer gekommen, alle erdenklichen Secten vertretend, von denen injGroßbritannien allein nahezu dreihundert vorhanden sein sollen. Theosophisten, Polytheisten, ja sogar Fetisch-Anbeter seien als Theilnchmer zu gewärtigen. Dolmetschern ohne Zahl steht eine Riesenarbeit um jene Zeit bevor. Maffenübertritt zum J«denth«m. Eine Abordnung tschechischer katholischer Bauern aus Schreibcndorff und Bukowitz in Mähren erschien am 21. Jänner bei dem Landesrabbincr Dr. Placzck und erklärte demselben, dass sowohl die Mitglieder der Abordnung sammt ihren Familien als auch viele andere Bewohner ihrer Heimatsorte zum Judenthume überzutretcn beabsichtigen. Den Vorschriften der mosaischen Religion gemäß, welche das Werben von Proselyten streng untersagen und deren Aufnahme sehr erschweren, bot Dr. Placzek alles auf, um die Petenten von ihrem Entschlüsse abzubringen. Die Deputierten versprachen ihm. seine Ansichten und Abmahnungen ihren Mandanten mitzutheilen. In den genannten Dörfern scheint eine religiöse Secte in Bildung begriffen zu sein. Ei« „Ritualm«»?-." Das „Berliner Tagblart" schreibt: Das Märchen des Ritualmordes ist am Niederrhein wieder aufgebracht worden. Eine israelitische Frau Hertz indem Orte Jffum, Kreis Geldern, rief den aus der Schule kommenden neunjährigen Knaben Karl Hilb an, um sich von ihm einige Lampcngläscr besorgen zu laffen. Während die Frau die Lampen herbeiholen wollte, lief der auf dem Hau-flur harrende Knabe davon und erzählte seinen Ellern und Schulkameraden, die Judenfcau habe ihn „koschern" (schlachten) wollen. Der Vater, der Weber Wilhelm Hilb, brachte die Sache zur Anzeige, und in Issum entstand eine „bedrohliche" Aufregung. Vor dem vernehmenden Bürgermeister Heckmann machte der Knabe überraschend detaillierte Angaben über das gegen ihn geplante Attentat. Natürlich verwickelte sich die kindliche Phantasie in Widersprüche, und der junge Lügenbold gestand nach wiederholter Vernehmung ein, dass alles erdichtet sei. Frau Hertz musste sich zur Belräftigung der von ihr ^gemachten Angaben sogar eine ärzt- Untersuchung gefallen laffen. Inden cn ist, wie die „Frkf. Zrg." mittheilt, dem energischen Eingreifen des Bürgermeisters die schnelle Erledigung der Angelegenheit zu danken. Die Antisemitenblätter richteten sich schon für zweckentsprechende Vcrwerthung des „Falles" ein. Wenigstens schrieb das Crefelder Organ dieser Partei, es seien, ähnlich wie seinerzeit bei dem Xantener Mord, einige fremde Juden in der Nähe von Jffum verhaftet worden. Man sieht, die Exposition war richtig geschaffen, nur die Weiterführung klappte nicht. Handlanger des Deutschthums. Unter diesem Schlagwort bringt die Prager „Politik" folgende Notiz: Die „deutschfreundlichen Israeliten" — das Wort stammt bekanntlich von Dr. Schmcykal — sind wirklich nichts mehr, als die Handlanger des Deutschthums, die man mitzahlen, mitwählen, unter gewiffcn Umständen auch mirkrakchlcn lässt, mir größter Pünktlichkeit aber despectierlich bei Seite schiebt, wenn sie ihre verflixte Schuldigkeit gcthan. Das hat sich auch während der jüngsten Studentendemonstrationen in Prag gezeigt. Es war im Rathe der dcutschnationalcn Burschenschaften beschlossenes Schclmenstück, die jüdischen Couleurstudenten möglichst zu exponieren und voran zu schicken. Und die Pfiffikusse merkten es nicht und stolzierten „forsch" in der Borderreihe einher, als hinge das Wohl und Wehe der zeltgenösslfchcn germanischen Welt von ihrem pseudogermanischen „Heil!" ab. Nach der Demonstration schickt man sic wieder ins Ghetto der „Lese- und Redehalle" und schließt sich von ihnen in „judenfreien" Verbindungen ab. In Budweis, allwo die „deutschfreundlichen Israeliten" die Wahlen entscheiden, octroiert man ihnen den Führer der dortigen dcutschnationalen Antisemiten, der bei der Wahl in der fünften Curie als Schönerianischer Candidat fungierte, als Bewerber für ein Gemeinderathsmandat auf. Und die „deutschfreundlichen Israeliten" werden mit „unverfälschter" Permiffion dem Antisemiten ihre Stimme geben. Zum Danke dafür wird er bei der Neugründung weiterer „judenreiner" Vereine in Budweis wacker mitthun und vor wie nach judenfeindliche Correspondenzen in antisemitische Blätter schreiben. Das ulkigste Spiel wird aber mit den „deutschfreundlichen Israeliten" anlässlich des jetzigen „Wolf-Rummels" getrieben. Bei den Collecten, welche man für den Herausgeber eines unverfälscht-antisemitischen Hetzblattes veranstaltet, stehen die Juden obenan. Jion ölet. Bor wenigen Tagen ließ sich Herr Wolf in Trautenau fctiercn. Selbstverständlich rückten dazu auch die dortigen Juden aus, und selbstverständlich waren sie unter den ersten, welche ihre Häuser beflaggten. Aber Herr Wolf steckt in größter Gemüthsruhe die jüdischen Banknoten ein, er lässt sich auch großmüthig die jüdischen Stimmen gefallen. welche auf seine Candidaten entfallen — siche Wiener Josefstadt — er lässt sich auch aus jüdischen Studentenkehlen ein „Heil, Wolf!" darbringen und schmunzelt dazu, wenn er in sogenannten „Judenblättcrn" über den grünen Klee gelobt wird. Für all' das revanchiert er sich aber im geeigneten Zeitpunkte mit einem „Hepp hcpp!",wie cs strammer kein Zweiter mehr zuwege bringt. In Reichenberg lässt er die Turner das Gelübde ablegen, dass die dortige neue Turnhalle kein jüdischer Fuß mehr entweihen darf und in Trautenau ließ er sich bei dem unter Aegide der Liberalen und des ihn feiernden Bürgermeisters Rauch und unter dem rauschenden Beifall des Auditoriums zur „Judenfrage" wie folgt vernehmen: „Redner betont weiter — so berichtet die „Ostdeutsche Rundschau" — „dass die Tschechen und Juden eine Gefahr für unser Volk sind und bekämpft werden müssen. Ich will die Herren, welche nicht unserer Anschauung sind, nicht hcrausfordern, nicht verlangen dass sie sich uns anschließen, für uns Deutschnationale kommt nicht in erster Linie in Betracht, dass die Juden uns auch wirtschaftlich schädigen, eine andere Religion haben: den Grund, warum wir die Juden bekämpfen, sehen sie auf der Schaubühne, in der Literatur, in der Preffe. wo sich das jüdische Wesen eingeschlichen hat und unser urgermanisches Denken verloren zu gehen droht. Wie wir sagen: Alles Slavische hinaus, müffen wir sagen: Alles Orientalische, Jüdische hinaus." Das ist der „unverfälschte" Fußtritt für die Handlangerdienste der „deutschfreundlichen Israeliten." Die „Politik" sollte jetzt noch eine Beschreibung der verwüsteten jüdischen Friedhöfe, der zerschlagenen Fensterscheiben, der geplünderten, jüdischen Geschäfte, der attacquierten Synagogen aus den tschechischen Gegenden hinzufügen, dann hätten wir die Lage der böhmischen Juden in completer Darstellung. Der Antisemitismus in England. Unter diesem Titel bringt das Wiener „Deutsche Bolksblatl" einen mächtigen Leitartikel, in dem es seine sensationelle Entdeckung mit dem bei derartigen Anlässen gebräuchlichen, triumphierenden Pathos in die Welt hinausposaunt. Da liest man: „Ein mächtiges Zittern geht durch die judenliberalen Blätter Deutschlands, ein Zittern, das auch bald die Wiener Judenpreffe ergreifen dürste, wenn die Führer der hiesigen Judenschaft es nicht vorziehen, den Lesern dieser Blätter den neuen Schlag, der das Judenthum getroffen hat, gänzlich zu verschweigen. Auf seinem Siegeszuge durch die Länder dieser Erde hat der Antisemitismus, das ist die Schreckensbotschaft, welche die Londoner Correspondenten ihren liberalen Auftraggebern schmerz- und wutherfüllt melden müffen, nun auch in England einen günstigen Boden gesunden! I Wie oft haben unsere Judenblätter England als ihr Ideal gepriesen, als ein Land, in dem der Antisemitismus trotz des großen gesellschaftlichen und politischen Einflusses der Juden, der schon durch das Emporsteigen Disraeli's zum Premierministergenügend charakterisiert wird, keine Anhänger zu finden vermöge. Diese Theorie gerieth zwar schon vor einiger Zeit etwas in's Wackeln, als sich in England eine sanfte Agitation gegen die Masseneinwanderung russischer Juden bemerkbar machte, die Organe des Judenthums versuchten aber die dadurch entstandene Beunruhigung mit der Motivierung zu beschwichtigen, dass die Engländer sich nur vor der Einschleppung gewisser Krankheiten fürchteten und deshalb der weiteren Einwanderung russischer Auswanderer, durch die das Londoner Proletariat in gefährlicher Weise vermehrt werden würde, Widerstand entgegenbrächten. Nichtsdestoweniger verfolgte man in jüdischen Kreisen das Verhältnis des englischen Volkes zum Judenthum mit sichtlicher Besorgnis; und dass diese gerechtfertigt ist, beweist die soeben vollzogene Ersatzwahl für das englische Unterhaus in Plymouth. Bei derselben wurde nämlich zum erstenmal ein Candidat mit dem Hinweis, er sei als „deutscher Jude" nicht geeignet, englische Wähler zu vertreten, bekämpft." Der Baseler Zioniftencongress und der Fall Dreyfus. Jetzt wissen wir es. Lange Zeit haben wir uns den Kopf zerbrochen, zu welchem Zweck sich Ende August die Juden in Basel versammelt haben. Endlich erhalten wir von dem französischen Publicisten Rochefort die nöthigen Aufkärungen. Der orleanistische „Soleil" druckt die Enthüllung nach. Wir erfahren da, dass auf diesem Congress auch alle protestantischen Seelen